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Entführung aus Jugendherberge: War es wieder der "Schwarze Mann"?

Seit dem Wochenende geht in Rheine die Angst um. Die Entführung eines Zehnjährigen aus einer Jugendherberge hat schlimme Erinnerungen an den Mordfall Dennis und Dutzende andere Verbrechen in Norddeutschland geweckt. In Rheine kam der Junge mit dem Schrecken davon, die Ermittler sehen dennoch "frappierende Ähnlichkeiten" und "Parallelen".

Die Erinnerung an den Fall Dennis, dessen Entführung und gewaltsamer Tod 2001 die Menschen in ganz Deutschland erschauern ließ, war schnell präsent. Noch können und wollen die Ermittler keine voreiligen Schlüsse ziehen und einen direkten Zusammenhang herstellen zwischen der Entführung eines Zehnjährigen am Wochenende aus einer Jugendherberge im münsterländischen Rheine und dem schrecklichen Tod des neunjährigen Dennis in Niedersachsen vor acht Jahren. Dennoch: Die Ermittler sprechen von "frappierenden Ähnlichkeiten zumindest bei der Vorgehensweise" des Täters. Konkrete Hinweise gebe es aber nicht, betont Oberstaatsanwalt Wolfgang Schweer in Münster.

Bei der Sonderkommission "Dennis" der Polizei Verden, die nach Jahren intensiver Ermittlungen insgesamt 43 ähnliche Fällen meist in Norddeutschland zusammengetragen hat, sieht man "offenkundig gewisse Parallelen". Immer wieder geht es um Entführung - vornehmlich aus Zeltlagern oder Schullandheimen, um sexuellen Missbrauch und in fünf Fällen auch um bestialischen Mord. Diese Verbrechen könnten alle auf das Konto eines Serien-Sexualtäters gehen.

"Großer Mann mit weißen Turnschuhen"

Im Fokus der Ermittler steht ein Unbekannter, der nach Einschätzung der Soko 1992 erstmals und danach immer wieder zugeschlagen hat. Im Fall Dennis konnten die Ermittler dank Zeugenaussagen 1999 sogar ein Phantombild des mutmaßlichen Serientäters erstellen. Es zeigte einen kräftigen ganz in schwarz gekleideten Mann, der sein Gesicht unter einer dunklen Strickmaske versteckt hatte. Die Fahndung blieb damals dennoch erfolglos. Im aktuellen Fall Rheine wird der Täter vom Opfer als "großer Mann mit weißen Turnschuhen und dicken Schnürbändern" beschrieben.

Ob sich die Entführung des aus Osterode in Niedersachsen stammenden Zehnjährigen aus der Jugendherberge in Rheine tatsächlich in die Serie einreiht, muss sich noch zeigen. Derzeit widmen sich die Beamten im Münsterland der polizeilichen Puzzle-Arbeit: Mögliche DNA-Spuren am Schlafanzug des Jungen müssen gesichert werden, Aussagen der Beteiligen ausgewertet werden - "alles in engem Austausch" mit der Soko "Dennis" in Verden, wie ein Polizeisprecher in Steinfurt sagt.

Während einige der teils viele Jahre zurückliegenden Fälle grausam und tödlich endeten, entkam der halbnackte Junge in Rheine den Fängen seines Peinigers körperlich unbeschadet. Der Täter hatte den Schlafenden am frühen Samstagmorgen aus einem Mehrbettzimmer der Jugendherberge ins Freie getragen. Im nahen Stadtpark musste sich das Kind die Hose ausziehen. Dann ließ der Mann den Jungen laufen. Ob er sich etwa gestört fühlte, sei laut Staatsanwaltschaft unklar. Die Schlafanzughose des Zehnjährigen wurde später gefunden. Seine Unterhose blieb aber auch nach einer neuerlichen Suche am Dienstagabend in dem Stadtpark verschwunden. Von einem Missbrauch geht die Polizei nicht aus.

joe/DPA / DPA