Entführungsfall Madeleine "Wir leben von einem Tag zum anderen"


Fakten gibt es nicht viele im Fall der kleinen Madeleine, dafür umso mehr Spekulationen. Etwa solche, nach denen die Eltern der Vierjährigen mit der Entführung zu tun haben könnten. Solche Schlagzeilen lässt Maddys Mutter aber kalt, wie sie jetzt in einem Interview sagte.
Von Cornelia Fuchs

Fakt ist: Es wurden Blutspuren an der Wand des Zimmer gefunden, in dem Madeleine schlief. Wie alt diese Spuren sind oder von wem sie stammen, ist völlig unklar. Fakt ist weiter: Die portugiesische Polizei hat zehn Fahrzeuge forensischen Untersuchungen unterzogen, darunter auch einen Wagen, den die McCanns gemietet hatten. Daraus schlossen Zeitungen in Portugal und Großbritannien, dass nun die Eltern des Mädchens und ihre Freunde, die ebenfalls in der Ferienanlage Urlaub machten, Mittelpunkt der Ermittlungen seien. Was wiederum ein Sprecher der portugiesischen Polizei abstritt, Olegario Sousa sagte: "Die Familie steht nicht unter Verdacht." Während also britische Zeitungen heute widerrufen, was gestern in portugiesischen und britischen Zeitungen gedruckt wurde, hat sich die Mutter Madeleines, Kate McCann, in einem Radio-Interview an die britische Öffentlichkeit gewandt. In der BBC-Radiosendung "Woman's Hour" sprach sie eine halbe Stunde von ihren Ängsten und Hoffnungen.

Ihre Stimme klang leise, aber fest. Immer wieder musste sie tief Luft holen, bevor sie Fragen beantworten konnte. Zu den Ermittlungen selber, zu den Blutspuren in der Ferienwohnung, wollte und konnte sie nichts sagen: "Nach portugiesischem Gesetz sind wir Zeugen, die sich zu den Ermittlungen nicht äußern dürfen. Und ich werde nichts tun, was die Untersuchung und damit Madeleine gefährdet. Wir wissen mehr, als wir sagen können. Die Polizei hat uns immer wieder gesagt, dass sie davon ausgehen, dass Madeleine noch am Leben ist." Tatsächlich, so Kate McCann, habe sie heute mehr Hoffnung als direkt nach dem Verschwinden ihrer Tochter.

Spekulationen helfen nicht

Angesprochen auf die Spekulationen und Berichte, die sie als Verdächtige ausmachen, sagte sie: "Wir lesen die Zeitungen häufig nicht mehr. Alles, was wir gelesen haben, war so voller Spekulationen. Das hilft uns nicht." Dagegen ließ Kate McCann keinen Zweifel daran, dass sie und ihr Mann der portugiesischen Polizei vertrauen: "Wir haben einen sehr guten Kontakt. Wir wollen, dass die Untersuchung so gründlich wie möglich ist. Deshalb begrüßen wir alles, was die Polizei für richtig hält. Auch, wenn wir selber betroffen sind." Heute wurde bekannt, dass die Untersuchung der DNA an einem Strohhalm in Belgien keine Hinweise ergeben hat, dass Madeleine ihn benutzt haben könnte. Eine Frau hatte ein kleines Mädchen mit einem Paar in einem belgischen Café beobachtet und war sicher, dass dieses Mädchen Madeleine gewesen war. Kate McCann sagte, dass ihr diese Meldungen helfen, auch, wenn sie sich als falsch erweisen: "Es bedeutet, dass die Leute noch nach Madeleine Ausschau halten. Und das ist gut."

Kate McCann verteidigte, dass sie und ihr Mann seit dem Verschwinden ihrer Tochter immer wieder die Öffentlichkeit gesucht haben: "Natürlich ist dies mit einem Risiko verbunden. Aber alles, was wir tun oder lassen, ist mit einem Risiko verbunden - das ist doch das Schlimme an unserer Situation." Experten der amerikanischen Organisation "National Center for Missing and Exploited Children" hätten ihnen bestätigt, dass ihre Reaktionen absolut richtig gewesen seien: "Das hilft uns sehr." Vor allem ihrem Mann gehe es viel besser, wenn er etwas zu tun habe.

Kate McCanns Stimme bricht, als die Moderatorin sie fragt, wie sie mit ruhigeren Zeiten zurechtkommt, ob sie in der Nacht schlafen kann: "Ich kann schlafen. In den ersten fünf Tagen habe ich überhaupt nicht geschlafen, aber jetzt spielen wir mit unseren Zwillingen, wir lesen ihnen Geschichten vor. Und wir arbeiten, wenn sie zu Bett gegangen sind. Meist bin ich dann so müde, dass ich schlafen kann."

Und wie kommt sie mit der Schuld zurecht, ihre Tochter im Zimmer gelassen zu haben? "Ich fühle einen sehr großen Schmerz, dass ich nicht da war, als sie mich gebraucht hat. Aber ich weiß auch, wie sehr ich meine Kinder liebe, und dass ich sehr verantwortungsvoll bin. Ich habe an diesem Abend nicht für eine Sekunde geglaubt, dass es irgendein Risiko gab. Sonst hätte ich es nicht getan." Und worauf hofft sie noch? "Jeden Tag hoffe ich, dass wir nicht noch einen Tag warten müssen. Wir leben von einem Tag zum anderen. Und nach der Panik unmittelbar nach der Entführung von Madeleine weiß ich eines: Ich habe das Schlimmste schon hinter mir."


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