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Entführungsfall Madeleine: Hetzkampagne gegen Maddys Eltern

Seit 88 Tagen ist die kleine Madeleine, die aus einer Ferienanlage in Portugal entführt wurde, verschwunden. Die Eltern sind britischen Medienberichten zufolge jetzt Opfer einer Hetzkampagne im Internet geworden.

Von Frank Diebel, London

Die englische Lokalzeitung Leicester Mercury, die in Rothely, dem Heimatort der McCanns erscheint, musste sogar die Kommentarfunktion bei Artikeln über Madeleine auf ihrer Website abschalten. Der Grund: Leser hatten hunderte von ausfälligen Online-Messages gepostet. Etliche waren der Ansicht, dass Gerry und Kate McCann wegen Vernachlässigung ihrer Aufsichtspflicht angeklagt werden sollten.

Maddys Eltern wurden auf der Website des Leicester Mercury und in verschiedenen Internet-Chatrooms scharf dafür kritisiert, dass sie Madeleine allein gelassen hatten, um in einer benachbarten Tapas-Bar zu Abend zu essen. "Eine kleine Minderheit von Leuten will scheinbar widerliche, gehässige und verleumderische Dinge über die McCanns verbreiten", erklärte Nick Carter, Chefredakteur des Leicester Mercury.

"Kommentare dürfen nicht kränkend sein"

"Sie haben unsere Seite mit Messages bombardiert, und wir hatten keine andere Wahl als alle Kommentare zu Artikeln über die Familie zu blockieren. Wir halten die Leser an, uns Feedback zu geben, aber wir müssen kontrollieren, was gesagt wird. Wir wollen nicht, dass Kommentare veröffentlicht werden, die verleumderisch sind, in irgendeiner Weise gegen das Gesetz verstoßen oder unnötig kränken“, sagte Carter weiter.

Gerry McCann, der sich zu diesem Zeitpunkt in den USA aufhielt, um dort für seine Sache zu werben, nahm sofort zu den Ereignissen Stellung. Wie die britische Tageszeitung "Daily Mail" schrieb, wies er die Vorwürfe während eines Interviews in der Sendung "Good Morning America" des US-Fernsehsenders ABC zurück: "Wir waren rund 50 Meter entfernt und konnten das Apartment sehen. Es war so als ob wir am anderen Ende unseres Gartens gesessen hätten. Die Kinder schliefen fest und wir sahen in regelmäßigen Abständen nach ihnen. Wir dachten nicht, dass wir einen Babysitter brauchten."

Dem TV-Sender CNN sagte er: "Diese Form der Kritik ist nicht nur verletzend, sondern auch wenig hilfreich bei der Suche nach Madeleine. Uns wurde erklärt, dass unser Verhalten rechtlich gesehen in Ordnung war und keine weiteren Maßnahmen ergriffen werden sollen. Was Kate und ich getan haben war im schlimmsten Fall naiv, und niemand sollte vergessen, dass der echte Verbrecher das Untier ist, das ein unschuldiges Kind entführt hat." Die britische Staatsanwaltschaft hat bereits Behauptungen zurückgewiesen, nach denen die McCanns wegen Vernachlässigung der Aufsichtspflicht angeklagt werden sollten.

Seit 88 Tagen ist Madeleine verschwunden

Seit 88 Tagen ist die vierjährige Britin Madeleine McCann spurlos verschwunden. Gerry und Kate McCann hatten Madeleine mit ihren Geschwistern, den zweijährigen Zwillingen Sean und Amelie, schlafend in ihrem Ferien-Apartment zurückgelassen, um sich in einem nahe gelegenen Restaurant mit Freunden zu treffen. Seit der Entführung haben Maddys Eltern eine beispiellose europaweite Medienkampagne ins Leben gerufen, um ihre Tochter ausfindig zu machen.

Zahlreiche Prominente - darunter Star-Fußballer David Beckham und Harry-Potter-Autorin J. K. Rowling - unterstützen die McCanns bei der verzweifelten Suche nach Madeleine. Sogar Papst Benedikt XVI. hatte Maddys Eltern zu einer Audienz nach Rom geladen. Die McCanns haben inzwischen in Spanien, Holland, Deutschland und den USA um Mithilfe bei der Suche nach Madeleine gebeten. Das Ehepaar will bis zur endgültigen Aufklärung des Falles in Portugal bleiben.

Wie die britische Boulevardzeitung "The Sun" vor kurzem meldete, soll der Hauptverdächtige Robert Murat (33) von einer Bekannten der McCanns, Dr. Fiona Payne (34), dabei beobachtet worden sein, wie er am Abend der Entführung einen Blick in das Apartment der McCanns geworfen hatte. Freunde von Madeleines Eltern glauben, dass der Brite lügt. Murat behauptet dagegen, er habe sich am Tag der Entführung zuhause aufgehalten. Die portugiesische Polizei erklärte jedoch, dass Murats Alibi noch von anderen Zeugen - wie seiner Mutter Jenny - bestätigt werde.

In einer E-Mail war von "englischem Kind" die Rede

Murat, der bereits elf Tage nach der Tat zum ersten Mal und am 10. Juli wieder verhört wurde, hatte erneut den Verdacht der Polizei erregt. Auf seinem Computer war eine E-Mail gefunden worden, in der von einem "englischen Kind" die Rede ist. Die Beamten wollten außerdem in Erfahrung bringen, warum der Brite in der Nacht der Entführung mit einem örtlichen Computerexperten telefoniert hatte. Murat wohnt gemeinsam mit seiner 71-jährigen Mutter in einer Villa, die nur 100 Meter vom Tatort entfernt liegt.

Wie der "Daily Mirror" berichtete, wurden auch drei Freunde der McCanns, Dr. Fiona Payne, Dr. Russell O’Brien (36) und Rachael Oldfield (36), die am Abend der Entführung gemeinsam mit den McCanns in der Tapas-Bar waren, bereits zweimal von portugiesischen Beamten vernommen. Oldfield: "Wir sind mehr als glücklich, wenn wir der Polizei bei ihren Ermittlungen helfen können. Jeder von uns will alles nur Erdenkliche tun, damit Madeleine gefunden und wieder mit ihren liebenden Eltern vereint werden kann."

Die Hetzkampagne gegen die McCanns begann ursprünglich in Portugal, von wo aus sie nach Großbritannien schwappte. Maddys Eltern waren in die Kritik geraten, weil die portugiesischen Medien angeblich Widersprüche in ihren Aussagen entdeckt hatten. Laut "Daily Express" wurde Madeleines Eltern und befreundeten Familien in einer portugiesischen Zeitschrift vorgeworfen, sich hinter einem "Pakt des Schweigens" zu verstecken. Den McCanns ist es allerdings aufgrund des portugiesischen Rechts nicht möglich, sich öffentlich in Portugal zu dem Fall zu äußern, solange die Ermittlungen andauern.