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Fall von Milliardärssohn Würth: Seine Stimme überführt ihn laut Ermittlern, doch Festgenommener streitet Entführung ab

Drei Jahre nach der Entführung des Unternehmersohns Markus Würth nimmt die Polizei einen dringend Tatverdächtigen fest. Ein Sprachgutachten soll ihn überführen. Aber der Mann bestreitet, das Verbrechen begangen zu haben.

In diesem Wohnhaus in Offenbach wurde der mutmaßliche Entführer von Unternehmersohn Markus Würth festgenommen

In diesem Wohnhaus in Offenbach wurde der mutmaßliche Entführer von Unternehmersohn Markus Würth festgenommen

DPA

Vor fast drei Jahren sorgt ein spektakulärer Entführungsfall in Hessen für Aufsehen: Ein Unbekannter entführt den damals 50-jährigen, geistig behinderten Sohn des Industriellen und Milliardärs Reinhold Würth. Per Telefon fordert er drei Millionen Euro Lösegeld. Doch die Übergabe kommt nicht zustande. Einen Tag später findet man Markus Würth unversehrt in einem Waldstück an einen Baum gebunden. Der Entführer hatte die Geo-Koordinaten durchgegeben, an denen man den Mann finden würde - erneut per Telefon.

Eben diese Anrufe werden ihm nun zum Verhängnis - zumindest nach Ansicht der Ermittler, denn der am Mittwoch festgenommene Mann selbst streitet die Tat vehement ab. Die Beamten aber sind sich sicher: Beim Entführer handelt es sich um einen 48-Jährigen aus dem ehemaligen Jugoslawien, der seit 1994 in Deutschland lebt. Ein Vater von zwei Kindern, nicht polizeibekannt.

Stimmprobe führte zur Festnahme

Auf seine Spur kamen die Ermittler einer gemeinsamen Erklärung von Staatsanwaltschaft und Polizei zufolge durch den Hinweis einer Zeugin. Vor rund einem Jahr hatte sich die Polizei mit einem Fahndungsaufruf samt Tonbandaufnahme der Erpresseranrufe an die Öffentlichkeit gewandt. Darauf war ein Mann mit starkem osteuropäischen Akzent zu hören, der mehrere Auffälligkeiten im Sprachgebrauch aufweist. Etwa sagte er zum Ende des Gesprächs "Okay, ich trenne mich". Aufgrund dieser Besonderheiten erhoffte sich die Polizei neue Hinweise aus der Bevölkerung.

Laut den Beamten meldete sich daraufhin eine Frau, die die Stimme des Mannes erkannt haben wollte. Dieser habe zuvor als Handwerker Renovierungsarbeiten bei ihr ausgeführt. Die Polizei überwachte den Mann aus Serbien und Montenegro anschließend intensiv und eine nahm Stimmprobe von ihm auf, die Sprachwissenschaftler der Philipps-Universität Marburg mit den Erpresseranrufen verglichen. Ihr Schluss: Es handelt sich "mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit" um den Erpresser. Es handle sich dabei um ein "sehr detailliertes Gutachten", dass genau aufzeige, warum die Stimmen identisch seien, sagt ein Polizeisprecher auf stern-Anfrage.

Familie Würth: Erneuter Erpressungsversuch 2017

Zudem stimmen die Sprachmuster aus beiden Proben mit Formulierungen aus einem erneuten Erpressungsversuch aus dem vergangenen Jahr überein. Im Frühjahr 2017 hat sich laut Polizei jemand schriftlich an die Eltern des damaligen Entführungsopfers gewandt. In einer verschlüsselten E-Mail habe dieser die neue Entführung von Markus Würth oder die Entführung anderer Angehöriger angedroht, wenn nicht umgerechnet etwa 70 Millionen Euro in Kryptowährung bezahlt würden. Es habe über etwa vier Monate eine Kommunikation mit dem Mann gegeben, ehe dieser den E-Mail-Kontakt abgebrochen habe. Lösegeld sei nicht gezahlt worden. Die Mails wurden laut Polizei aus dem sogenannten Darknet abgeschickt und können daher nicht zurückverfolgt werden.

Dass ein Haftbefehl und womöglich bald eine Anklage hauptsächlich auf einem Sprachgutachten basieren, sei ein "sehr besonderer" Vorgang, sagt der Polizeisprecher dem stern. Abgesehen von dem Gutachten existieren demnach keine belastenden Beweise gegen den nun festgenommenen Mann. Fingerabdrücke oder DNA-Spuren hinterließ der Täter nicht. Bei der Durchsuchung der Wohnung des Tatverdächtigen seien Gegenstände beschlagnahmt worden, die noch untersucht werden müssten.

Der 48-Jährige selbst bestreitet die Tatvorwürfe. In seinen ersten zehn Stunden im Polizeigewahrsam habe er zwar viel erzählt, aber wenig davon zur Tat, die ihm vorgeworfen wird, sagte der Polizeisprecher. Oder wie es der federführende Ermittler Daniel Muth formuliert: "Der Mann hat zehn Stunden dauergequatscht."

fin