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Entführungsfall Natascha: Sie sollte ihn "Gebieter" nennen

Ihr "Gefängnis" war drei Meter lang, zwei Meter tief und 1,6 Meter breit, die Tür war gepanzert. Nach acht Jahren gelang der mittlerweile erwachsenen Natascha Kampusch die Flucht. Ihr Peiniger beging Selbstmord.

Von Karin Spitra

Es war 13.04 Uhr, als ein Anruf bei der Polizeistation des kleinen niederöstereichischen Örtchens Deutsch-Wagram bei Wien die entscheidende Wende im wohl spektakulärsten Entführungsfall der österreichischen Nachkriegsgeschichte brachte. Österreichischen Medienberichten zufolge meldete die Anruferin, in ihrem Vorgarten irre eine "abgemagerte, junge Frau" herum. In der Gemeinde Strasshof, wohin die Beamten gerufen worden waren, fanden sie dann ein "halb verhungertes, blasses" Mädchen, das unter Tränen angab, die 1998 entführte Natascha Kampusch zu sein.

Diese Nachricht schlug ein wie eine Bombe - löste der "Fall Natascha" Ende der 90er Jahre doch eine der aufwändigsten Suchaktionen in der österreichischen Nachkriegsgeschichte aus. Die damals zehnjährige Natascha war am 2. März 1998 auf dem Schulweg spurlos verschwunden. Ein anderes Kind wollte damals beobachtet haben, dass Natascha von zwei Männern in einen weißen Kleinbus gezerrt wurde. Zwar überprüfte die Polizei damals über 700 Kleinbusse in ganz Österreich, doch das Mädchen blieb verschwunden. Auch eine grenzüberschreitende Fahndung in Ungarn brachte kein Ergebnis - und jetzt tauchte die Entführte wieder auf. "Äußerlich unversehrt", wie es im Polizeijargon hieß.

Was sie in ihrer achtjährigen Gefangenschaft erlitten hat, wird erst langsam klar. Ihr Entführer Wolfgang Priklopil, ein 44-jähriger Ingenieur, hatte die Tat offenbar lange geplant. Für sein Opfer hatte er eine für Autowerkstätten typischen Montagegrube in seiner Garage "umgebaut". Darin wurde Natascha acht Jahre lang festgehalten. Die Grube war drei Meter lang, zwei Meter tief und 1,6 Meter breit. Der Zugang war elektronisch gesichert, die Tür davor stammte von einem Panzerschrank. Darin ein Bett und ein Regal voller Bücher. Nataschas Verlies habe alle nötigen Einbauten wie Toilette und Bad gehabt, "man konnte dort wohnen", sagte ein Ermittler.

"Ich bin Natascha Kampusch"

Nur weil Priklopil - zum ersten Mal in den acht Jahren - vergessen hatte sie einzusperren, gelang Natascha die Flucht. Sie lief auf die Straße und in einen Nachbargarten. Dort rief sie: "Ich bin Natascha Kampusch. Ich bin entführt worden." Dann brach sie zusammen.

Die österreichische Polizeiinspektorin Sabine Freudenberger erzählte in einem Interview mit der "Berliner Tageszeitung B.Z." über ihre erste Begegnung mit der jungen Frau: "Natascha hat die ganze Zeit stark gezittert. Ich gab ihr meine Jacke. Sie nahm meine Hand, ließ sie den ganzen Nachmittag nicht los. Sie war so froh, dass alles vorbei war und dass sie mit jemandem sprechen konnte."

Sie musste ihn "Gebieter" nennen

Die Beamtin war die erste, die Natascha betreute. Sie sei sehr offen und gefasst gewesen, so Freudenberger. Jahrelang musste sie ihren Peiniger mit "Gebieter" ansprechen, später nannte sie ihn Wolfgang. "Jetzt nennt sie ihn nur Verbrecher." Und rede dann abwechselnd positiv und negativ von ihm.

Offenbar hatte Priklopil Natascha in letzter Zeit ab und zu zum Einkaufen mitgenommen, sie aber so eingeschüchtert, dass sie zu niemandem Kontakt aufnahm. Ihr Vater, Ludwig Koch, erzählte der österreichischen Tageszeitung "Kurier", seine Tochter sei sehr mitgenommen. "Natascha hat eine ganz, ganz weiße Haut und Flecken am ganzen Körper - ich darf gar nicht drüber nachdenken, woher die kommen", fügte er hinzu.

Entführer beging Selbstmord

Während die Polizei eine Großfahnung nach Priklopil einleitete, jagte der in seinem roten BMW durch die Wiener Vorortsiedlungen - auf der Suche nach seinem Opfer. Zwar wurde sein Wagen dann gegen 17 Uhr in der Parkgarage eines Wiener Einkaufszentrums gefunden, aber auch eine sofortige Durchsuchung des Kaufhauses brachte kein Ergebnis. Gegen 23 Uhr wurde dann Priklopils Leiche gefunden: Der Mann hatte auf dem Gelände des Wiener Nordbahnhofs Selbstmord begangen: "Er hat sich einfach ruhig auf die Gleise gelegt", so der geschockte Lokführer der Schnellbahn.

Gleichzeitig lief die nach Polizeiangaben "sehr vorsichtige Befragung" Nataschas weiter: Sie sollte Details über ihr damaliges Leben erzählen, Einzelheiten zu ihrem Kinderzimmer nennen. Offenbar stimmten alle ihre Angaben mit dem Leben des Mädchens bis zu dessen Verschwinden überein. Auch ihr Vater will seine Tochter bei einer Gegenüberstellung sofort erkannt haben. Sie hätte eine Narbe an genau derselben Stelle wie das damals entführte Opfer. Außerdem wurde bei einer Tatortbegehung in ihrem Verlies Nataschas Pass gefunden. Dennoch besteht die Polizei noch auf einem DNA-Test, obwohl sie "nach menschlichen Ermessen" davon ausgeht, dass es sich um Natascha Kampusch handelt.

Sie durfte lesen und fernsehen

"Sie durfte Radio hören und Zeitung lesen, Fernsehen aber nur eingeschränkt. Ihre Haut war von der Gefangeschaft im Keller weiß," erzählte ein Kriminalist nach der ersten Vernehmung. Offenbar hatte Priklopil seinem Opfer TV-Sendungen auf Video aufgenommen, sie aber zensiert. Er dürfte Natascha auch unterrichtet haben, sie soll gut lesen und schreiben können.

Natascha sei wie eine normale junge Frau gekleidet und nicht verwahrlost, so der Beamte. Es wird vermutet, dass sie bis zuletzt physischer Gewalt ausgesetzt war - und es wahrscheinlich auch zu sexuellen Übergriffen gekommen sei. "Vor allem in den ersten Jahren ihrer Gefangenschaft hat das Mädchen einiges mitmachen müssen", hieß es dazu von Polizeiseite.

Sie leidet unter Stockholm-Syndrom

Es scheint aber, dass Natascha von ihrem Entführer nicht völlig von der Außenwelt abgeschottet wurde. Nachbarn gaben an, die junge Frau hin und wieder gesehen zu haben. Sie habe aber nie um Hilfe gebeten. "Die Frau leidet an einem schweren Stockholm-Syndrom", sagte Erich Zwettler vom österreichischen Bundeskriminalamt. Dieses Phänomen sei bei Opfern von Langzeit-Entführungen keine Seltenheit. Bei diesem entwickeln die Opfer - auch von körperlicher Gewalt - Sympathie für die Täter. Die 18- Jährige habe "ziemlich gefasst" auf die Todesnachricht ihres Peinigers reagiert, so Zwettler. "Sie hat offenbar irgendwie damit gerechnet. Er hatte ihr gesagt: 'Lebend erwischen die mich nie'."

Ihr Entführer lebte als unauffälliger, alleinstehender Einzelgänger. Sein Haus in der Heine-Straße 60 aber hatte er zur Festung ausgebaut: An der Einfahrt ein schweres, elektrisch bedienbares Eisentor und ein hochmodernes Alarmsystem mit Videokameras, die jeden Winkel seines Grundstücks kontrollierten: Was wie ein Schutz vor Eindringlingen aussah, sollte in Wahrheit sein Opfer an der Flucht hindern.

Mutter kam zum Kochen vorbei

Laut der österreichischen Tageszeitung "Krone" soll er Natascha eingetrichtert haben: "Ich habe das ganze Haus mit Sprengfallen vermint. Wer es betritt, wird bis auf die Knochen gegrillt." Jetzt erinnern sich auch seine Nachbarn jetzt daran, dass er vor den Wochenenden nervös war. Dann kam immer seine Mutter vorbei, um ihm für die Woche vorzukochen. Eine Frau will sie bei ihm nie bemerkt haben.

Nach Angaben der Polizei war Priklopil bereits im April 1998, kurz nach der Entführung, vernommen worden, weil er einen weißen Kastenwagen besaß. Er hatte damals ausgesagt, dass er das Fahrzeug für Bauarbeiten benötigte. Mangels eines weiteren Tatverdachts veranlasste die Polizei keine Hausdurchsuchung.

Ist Normalität denkbar?

Nataschas Gefangenschaft muss nach Ansicht des Kriminalpsychologen Rudolf Egg nicht die ganze Zeit von Angst und Schrecken bestimmt gewesen sein. Nach gewisser Zeit könnte sich sogar eine Art "Normalität" für die Opfer" einstellen. "Das heißt, sie gewöhnen sich irgendwie daran (...) und richten ihr Leben dann irgendwie darauf ein", sagte Egg in einem Hörfunkinterview. Als Motiv des Entführers vermutet Egg Einsamkeit. "Sein Hauptmotiv dürfte wohl gewesen sein, jemanden zu haben, der bei ihm bleibt und der ihn nicht verlässt. Möglicherweise war er ein Mensch, der sehr einsam war."

Die Ermittler haben noch keine Erkenntnisse, ob die Entführte sexuell missbraucht wurde. Sie sei dazu vorerst nicht befragt worden, sagte ein Polizeisprecher. Auf den ersten Blick sei sie in guter gesundheitlicher Verfassung. Natascha habe nach ihrem Spielzeugauto gefragt und ihren Vater mit den Worten "Papa, ich hab dich lieb" begrüßt, erzählte dieser österreichischen Medien. Zur Zeit lebe sie unter der Obhut einer Polizistin und Psychologin von der Öffentlichkeit abgeschirmt in einem Hotel.

Die Eltern des Mädchens baten die Medien am Donnerstag um Verständnis, dass sie vorläufig keine Stellungnahmen abgeben wollten. Allerdings kündigten sie für die nächsten Tage eine Erklärung an.