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Entsetzen nach Selbstmord von Thomas Bögerl: Eine ganze Familie ist zerstört

Trauer und Fassungslosigkeit in Heidenheim: Der offensichtliche Selbstmord von Sparkassenchef Thomas Bögerl schockt Freunde und Weggefährten.

Von Malte Arnsperger und Rainer Nübel

Er war verzweifelt und in Tränen aufgelöst. In einer TV-Sendung bettelte Thomas Bögerl vor gut einem Jahr um das Leben seiner Frau Maria, die wenige Tage vorher entführt worden war. Zusammen mit seinen zwei Kindern flehte er die Entführer an: "Bitte helfen sie uns. Ich appelliere an ihre Menschlichkeit. Lassen sie unsere Mama freikommen." Doch der Appell war vergebens, rund drei Wochen später fand man die Leiche der Frau. Diesen Schicksalsschlag hat Thomas Bögerl offenbar nie verwunden. Nun wurde der Direktor der Sparkasse Heidenheim erhängt in seinem Haus gefunden.

Einer der bizarrsten Kriminalfälle der letzten Jahre

Es ist ein weiteres trauriges Kapitel in einem der bizarrsten Kriminalfälle der letzten Jahre. Am 12. Mai 2010 wurde Maria Bögerl aus ihrem Haus in Heidenheim entführt. Der Entführer rief wenig später, um 11.23 Uhr, bei Thomas Bögerl an und verlangte ein Lösegeld in Höhe von 300.000 Euro. Um 13 Uhr solle Bögerl das Geld an einer mit einer Deutschlandfahne markierten Stelle direkt an der Autobahn A7 hinterlegen. "Machen Sie keine Sperenzle", drohte er. Wenn das Geld dort liege, werde die Frau freigelassen. Bögerl gelang es, die Frist bis 14 Uhr zu verlängern.

Bögerl, der sich zu dem Zeitpunkt auf einem Außentermin in der Nachbargemeinde Niederstotzingen befand, schaltete die Polizei ein. Doch nicht - wie üblich - die Beamten besorgten das Lösegeld, sie überließen es Bögerl. Wie der stern und stern.de berichteten, gab es mehrere Verzögerungen bei der Lösegeldbeschaffung, bei der die Polizei ständig involviert war. Das Geld wurde erst gegen 15.30 Uhr von Bögerl am vereinbarten Ort deponiert und nie abgeholt. Die Leiche von Maria Bögerl wurde dann von einem Spaziergänger zufällig gefunden.

Abschiedsbrief ohne Hinweise auf Bögerls Beweggründe

Am Montag um 11.30 Uhr wurde Thomas Bögerl jetzt erhängt im Fitnessraum seines Hauses entdeckt. Seine Haushälterin habe die Leiche gefunden, teilte die Polizei Heidenheim mit. Die bisherigen Ermittlungen in der Wohnung des Verstorbenen hätten keine Indizien ergeben, die gegen einen Suizid sprechen. Er habe einen Abschiedsbrief hinterlassen, aus dem sich keine Hinweise auf seine Beweggründe ergeben. Die Kripo Aalen und die Spurensicherung aus Ulm haben die Ermittlungen übernommen. Denn, sagte ein Sprecher. "Wir wollen es so professionell wie möglich machen." Man wolle die Ermittlungen von denen der Soko "Flagge" trennen, die immer noch nach dem Mörder von Maria Bögerl sucht.

Entsetzen in Heidenheim

Entsetzt reagierten Weggefährten, Freunde und der Arbeitgeber Bögerls. "Mit Bestürzung und Fassungslosigkeit haben wir heute die Nachricht erhalten, dass sich der Vorstandsvorsitzende der Kreissparkasse Heidenheim, Thomas Bögerl, das Leben genommen hat. Die Mitglieder des Verwaltungsrats, der Vorstand und die Mitarbeiter des Hauses sind zutiefst erschüttert von dieser Mitteilung", heißt es in einer Verlautbarung des Verwaltungsratsvorsitzenden der Bank, Landrat Hermann Mader. "Herr Bögerl hat sich stets mit vollem Einsatz um die Kreissparkasse Heidenheim und unsere Region verdient gemacht. Sein Engagement und Wirken waren herausragend. Er hatte aber in den vergangenen Monaten, wie er selbst mitteilte, nicht die Kraft, sein Amt auszuüben. Auf sein Ersuchen hin haben wir uns mit ihm über eine einvernehmliche Lösung verständigt, in der er in Kürze aus dem Amt geschieden wäre. Umso betroffener sind wir nun von seiner Entscheidung, von uns zu gehen. Unser aufrichtiges Mitgefühl gilt allen voran seiner Familie, die in den zurückliegenden Monaten schon viel Leid ertragen musste."

Heidenheims Oberbürgermeister Bernhard Ilg teilte in einer Pressemitteilung mit: "Wir stehen ratlos und traurig vor dem Schicksal, das Thomas Bögerl und seine Familie um ihr Glück gebracht hat. Unser Beileid gilt den beiden Kindern. Mögen Sie den Zuspruch erfahren, der ihnen Halt gibt, diesen schweren Schlag zu verkraften.

Mitleid mit den beiden hinterbliebenen Kindern

Hans Kotzur ist ein enger Bekannter der Bögerls, seitdem die Familie vor rund zehn Jahren aus Franken nach Heidenheim gezogen ist. Der Anwalt hat von dem Tod seines Freundes aus der Presse erfahren. "Ich bin absolut fassungslos", sagte er zu stern.de. "Ich kann es einfach nicht glauben. Meine Gedanken gelten den Kindern. Sie haben beide Eltern verloren und können doch überhaupt nichts dafür." Thomas Bögerls Verfassung sei seit dem Tod seiner Frau sehr schwankend gewesen, sagte Kotzur. Mal sei es ihm ganz gut gegangen, dann sei er wieder tief deprimiert gewesen. "Ich habe ihn vor einigen Wochen zum letzten Mal gesehen. Da schien er mir jedenfalls nicht suizidgefährdet." Doch die Gerüchte um seine Person hätten Bögerl sehr zugesetzt. "Er hat mir immer gesagt, dass er mit der Entführung seiner Frau nichts zu tun hat. Für mich war es schrecklich, dass ich für ihn nicht mehr tun konnte, als mit ihm zu reden. Denn das Wichtigste wäre es natürlich gewesen, dass der Täter gefunden wird."

Gerhard Kieninger, Bürgermeister von Niederstotzingen, war hautnah dabei, als Bögerl von der Entführung seiner Frau erfuhr und um das Lösegeld kämpfte. Als ihm stern.de die Nachricht von Bögerls Tod überbringt, sagt er: "Ich bin froh, dass ich gerade sitze. Ich bin zutiefst erschüttert. Wer auch immer die Familie Bögerl treffen wollte. Er hat es erreicht, die Familie zu zerstören." Vor einigen Monaten habe er Bögerl zum letzten Mal gesehen, als dieser im Kreistag das Jahresergebnis der Sparkasse präsentierte. "Er hat es sehr geschäftsmäßig vorgetragen, distanzierter als gewöhnlich. Aber er schien absolut engagiert. Es ist wirklich unvorstellbar."

Auch für die Sparkasse Heidenheim. Im Impressum auf der Internetseite der Bank hieß es noch am Abend: "Vorsitzender des Vorstandes: Thomas Bögerl".

Von:

Rainer Nübel und Malte Arnsperger