Erdbeben in Haiti "Sie werden die Nacht nicht überleben"


Die nächsten 24 Stunden sind für viele Verwundete in Haiti entscheidend. Doch noch immer kämpfen die Helfer mit den chaotischen Zuständen. In Port-au-Prince kam es zu Lynchmorden.

Wut, Verzweiflung und Chaos in Haiti: Nach dem Jahrhundert-Erdbeben kämpfen Millionen Menschen ums Überleben und warten auf Wasser, Lebensmittel und Medikamente. Das Ausmaß der historischen Katastrophe wurde fünf Tage nach den Erdstößen immer deutlicher: Neben der zerstörten Hauptstadt Port-au-Prince sind auch der Süden und Westen des bitterarmen Karibikstaats verwüstet.

Die Vereinten Nationen sprachen von der schlimmsten Katastrophe in ihrer Geschichte. "Jacmel ist kaputt, viele Häuser liegen in Trümmern", sagte Haitis Botschafter Jean Robert Saget. Helfer berichteten über einen logistischen Alptraum, die Hilfsgüter erreichen die Menschen nur schleppend. Noch Überlebende zu finden, wurde immer unwahrscheinlicher. Trotzdem geschehen jeden Tag Wunder: Am Sonntag zog ein israelisches Rettungsteam in Port-au-Prince einen Verschütteten nach 125 Stunden unter Trümmern hervor. Auch die deutsche Besitzerin des zerstörten Hotels Montana, Nadine Cardoso, wurde am Samstag lebend aus den Trümmern des Gebäudes geborgen.

Keine Lebensmittel, kein Wasser, keine Medikamente

Doch vor allem die Schwachen bleiben auf der Strecke, hilflos und allein gelassen. Grauenvolle Szenen spielen sich im staatlichen Altersheim in Port-au-Prince ab. Für die 85 überlebenden Bewohner gibt es weder Lebensmittel noch Wasser oder Arzneimittel. Eine ältere Frau kriecht auf allen vieren durch den Schmutz und bettelt um ihre Medikamente. Ein Mann liegt reglos auf dem Boden, während Ratten an seiner überfüllten Windel nagen. "Helft uns, helft uns", bittet die 69-jährige Mari-Ange Levee am Sonntag. Sie liegt mit Bein- und Rippenbrüchen auf der Erde, Fliegen schwirren um ihre offenen Wunden. Ein Bewohner ist bereits gestorben, weitere werden unweigerlich folgen, wenn nicht unverzüglich Wasser und Nahrungsmittel in dem Heim eintreffen, das nur gut einen Kilometer vom Flughafen entfernt liegt, wie Leiter Jean Emmanuel sagt.

"Ich appelliere heute an jeden, uns irgendetwas zu bringen, sonst werden andere Bewohner die Nacht nicht überleben", sagt Emmanuel. Dabei deutet er auf fünf Männer und Frauen, die unter großen Atembeschwerden leiden. Bei dem Toten handelte es sich um einen 70-jährigen Diabetiker, der nach dem Beben vom Dienstag zunächst aus dem teilweise eingestürzten Heim gerettet werden konnte. Er verhungerte am Donnerstag, sein verwesender Leichnam liegt noch immer auf einer Matratze und ist kaum von den Lebenden um ihn herum zu unterscheiden.

Sechs Bewohner kamen bei der Erdbebenkatastrophe ums Leben, die übrigen 25 Männer und 60 Frauen leben seitdem vor dem eingestürzten Haus. Einige von ihnen haben Matratzen, auf denen sie im Schmutz liegen, andere nicht. Einige Bewohner haben ihr Geld zusammengelegt, um sich drei Packungen Nudeln kaufen zu können, wie die 75-jährige Madeleine Dautriche sagt. Diese teilten sie am Donnerstag mit ihren Mitbewohnern - seitdem haben sie nichts mehr gegessen. Einige rührten die Nudeln nicht an, da sie wegen des fehlenden Trinkwassers in Abwasser gekocht werden mussten. Einige ihrer Mitbewohner trügen Windeln, die seit dem Erdbeben nicht gewechselt worden seien, sagte Dautriche.

Der Länderdirektor des Kinderhilfswerks Plan International, Rezene Tesfamariam, beschrieb die Situation in Jacmel im Süden des Landes: "60 Prozent der Gebäude in Jacmel sind zerstört, 24 Schulen sind eingestürzt oder stark beschädigt, die Krankenhäuser haben keinen Strom", sagte er laut einer Mitteilung vom Sonntag. In den Trümmern eines eingestürzten Waisenhauses im Stadtteil Carrefour der Hauptstadt Port-au-Prince würden noch rund 500 Kinder vermutet, erklärte ein Suchteam aus dem mexikanischen Cancún. "Sie können tot oder lebendig sein", sagte ihr Vertreter Oscar Olíva am Sonntag in seinem Appell an die Koordinatoren internationaler Hilfsorganisationen. Zu dem Heim sei bislang keine Hilfe vorgedrungen.

US-General rechnet mit bis zu 200.000 Toten

Der für die militärischen Hilfsgüter-Transporte zuständige US-General Ken Keen hält es für möglich, dass 200.000 Menschen ums Leben gekommen sind. In einem Fernsehinterview sagte Keen am Sonntag: "Wir werden uns auf das Schlimmste gefasst machen müssen." Haitis Regierung geht davon aus, dass bei dem Beben der Stärke 7,0 vom Dienstag möglicherweise mehr als 100.000 Menschen starben.

Mit einer Welle der Hilfsbereitschaft reagiert die internationale Gemeinschaft. Doch für die Helfer im Land ist die Lage schwierig. Selbst beim Tsunami Ende 2004 in Asien mit mehr als 230.000 Toten habe es keine solchen logistischen Probleme gegeben, sagte Elisabeth Byrs, Sprecherin des UN-Koordinationsbüros für humanitäre Angelegenheiten (OCHA), in Genf. "Es gibt nichts, worauf wir bauen können", sagt Michael Kühn, Repräsentant der Deutschen Welthungerhilfe in Haiti. Das UN-Kinderhilfswerk und weitere Organisationen begannen mit der Verteilung von Trinkwasser. Einsatzkräfte aus Israel bauten innerhalb weniger Stunden ein Krankenhaus auf, in dem sie täglich maximal 500 Patienten behandeln können. Die Vereinten Nationen errichteten 15 Zentren inner- und außerhalb von Port-au-Prince zur Verteilung von Hilfsgütern. Auch die mobile Gesundheitsstation des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) ist am Sonntagmittag (Ortszeit) in Port-au-Prince angekommen. An Bord des Hilfsfliegers waren 200 Kisten mit Zelten, Betten, Verbandsmaterial und Medikamenten für die Mini-Klinik, sagte eine DRK-Sprecherin. Sie soll die medizinische Grundversorgung Tausender Menschen gewährleisten.

Langsam trägt die Hilfsaktion auch Früchte: Im Fernsehen waren Bilder von Helfern zu sehen, die unter dem Schutz von UN-Blauhelmen Essen und Wasser an einige der hunderttausenden Bedürftigen ausgaben. Als aus einem tieffliegenden Hubschrauber Essenpakete abgeworfen wurden, kam es sofort zu den befürchteten Raufereien um die Lebensmittel.

Selbstjustiz und Lynchmorde

Angesichts der chaotischen Zustände nehmen die Überlebenden das Gesetz vielerorts selbst in die Hand. Korrespondenten berichteten am Sonntag von mehreren Lynchmorden in der Hauptstadt Port-au-Prince. In einem Fall setzten wütende Anwohner einen Mann in Brand, der nach ihrer Schilderung beim Stehlen erwischt worden war. In einer anderen Straße lagen die Leichen zweier junger Haitianer, deren Arme auf den Rücken gefesselt waren. Ihre Körper wiesen mehrere Schusswunden auf. Auch hier soll es sich um Selbstjustiz gehandelt haben.

Um die schlechte Sicherheitslage in den Straßen der Hauptstadt zu verbessern, würden nun 3500 US-Soldaten die UN-Friedenstruppe sowie die örtliche Polizei verstärken, erklärte Haitis Präsident Rene Preval. "Wir haben 2000 Polizisten in Port-au-Prince, die nur begrenzt einsatzbereit sind. Und aus dem Gefängnis sind während des Erdbebens 3000 Verbrecher geflohen", erklärte Preval vor Journalisten. "Das gibt Ihnen eine Vorstellung, wie ernst die Lage ist."

USA versprechen langfristige Hilfe

Als Nadelöhr erwies sich der Flughafen, der mittlerweile von den USA kontrolliert wird. Die Maschinen müssen wegen des verstopften Airports oftmals über Stunden Warteschleifen fliegen. "Wir hoffen, dass wir bald eine Kapazität von 90 Maschinen pro Tag haben", erläuterte PJ Crowley, Sprecher des US-Außenministeriums. Der US- Flugzeugträger "USS Carl Vinson" liegt mit Elite-Einheiten an Bord vor der Küste des Karibikstaats vor Anker, weitere US-Kriegsschiffe und ein riesiges Lazarettschiff sind auf dem Weg. Mindestens 1000 amerikanische Soldaten sorgen im Erdbebengebiet bereits für Ordnung, weitere 9000 bis 10.000 sollen folgen.

US-Außenministerin Hillary Clinton hatte die Krisenregion am Samstag besucht, am Sonntag traf UN-Generalsekretär Ban Ki Moon ein. Er wollte mit Haitis Präsident René Préval sprechen. Clinton versprach langfristige Hilfe. "Wir sind hier, um Euch zu helfen. Wir sind heute hier, wir werden morgen hier sein und in der Zeit, die vor uns liegt", sagte sie. Die ehemaligen US-Präsidenten George W. Bush und Bill Clinton begannen mit einer großangelegten Spendensammlung für die Erdbebenopfer. Präsident Barack Obama, der seine Vorgänger mit der Koordination der Spendenhilfe beauftragt hatte, empfing die beiden am Samstag im Weißen Haus. "Vor uns liegen schwierige Tage", sagte Obama.

Operieren gegen die Zeit

In einem Wettlauf gegen die Zeit operierten Mediziner der Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" Verletzte. Erfahrene Mitarbeiter sagten nach Angaben der Organisation, sie hätten noch nie so viele schwere Verletzungen auf einmal gesehen. "Innerhalb der nächsten 24 Stunden müssen etwa ein Drittel der Patienten hier unbedingt operiert werden, sonst sterben sie", sagte Jennifer Furin dem Nachrichtensender CNN. Die Medizinerin arbeitet in einem provisorischen Krankenhaus am Flughafen von Port-au-Prince.

Frankreich hat damit begonnen, verletzte Kinder nach Martinique auszufliegen. "Eine bestimmte Anzahl haitianischer Kinder wird derzeit von französischen Familien adoptiert", teilte das Außenministerium am Sonntag mit. Die adoptierten Kinder würden schnellstmöglich nach Frankreich gebracht.

Bundespräsident Horst Köhler sprach sich für umfassende Hilfe für das vom Erdbeben zerstörte Haiti aus. "Wir haben hier eine moralische Verantwortung", sagte der Bundespräsident am Sonntagabend in der ARD-Sendung "Anne Will Extra - Hilfe für Haiti". "Dieser Staat hat nicht funktioniert", so Köhler. "Die Weltgemeinschaft hat das gewusst, hat das aber im Prinzip nicht so ernst genommen, weil es ein kleines Land war."

Zumindest das ändert sich womöglich jetzt. Der UN-Sicherheitsrat kommt an diesem Montag in New York zu Beratungen über die Lage in Haiti zusammen. Die EU-Entwicklungshilfeminister beraten in Brüssel in einer Sondersitzung über Erdbebenhilfe für Haiti.

DPA/APN/Reuters/AFP/lea DPA Reuters

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