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Ermittlungspannen: Fall Kampusch wird neu aufgerollt

Der Entführungsfall Natascha Kampusch wird noch einmal aufgerollt. Nach Informationen des stern soll eine neue Ermittlungsgruppe der Polizei gebildet werden. Damit reagieren die österreichischen Behörden auf den Abschlussbericht einer Untersuchungskommission zu den bisherigen Ermittlungen. Er stellt der Polizei ein vernichtendes Zeugnis aus. stern.de veröffentlicht Auszüge.

Von Uli Hauser

Zehn Jahre nach dem Verschwinden von Natascha Kampusch und fast zwei Jahre nach ihrer Flucht aus achteinhalbjähriger Gefangenschaft wird die Wiener Polizei den Fall wieder neu aufrollen. Nach Informationen des stern soll eine neue Ermittlungsgruppe der Polizei gebildet werden. Diese Sonderkommission, nunmehr die dritte in zehn Jahren, ist notwendig geworden, nachdem die sogenannte "Evaluierungskommission" für den Fall Natascha Kampusch am Mittwoch ihren Schlussbericht an den österreichischen Innenminister Günther Platter übergeben hat. Der 58seitige Bericht kommt zu dem Schluss, dass dem Schutz des Opfers Vorrang gegenüber dem Sicherheitsinteresse der Öffentlichkeit gegeben worden sei. Es könne weitere Opfer geben, wenn "fassbare Gründe für die Annahme sprechen, dass (zumindest) ein bisher nicht ausgeforschter weiterer Täter involviert war".

Die Staatsanwaltschaft Wien bestritt die Aufnahme neuer Ermittlungen. Oberstaatsanwältin Marie-Luise Nittl sagte der Deutschen Presse-Agentur (DPA) am Mittwoch: "Dazu ist es noch zu früh. Zunächst müssen wir den Untersuchungsbericht genau studieren. Danach sehen wir weiter, ob es überhaupt Gründe für weitere Ermittlungen gibt."

"Dass gebremst wurde, das ist evident"

Die zehnköpfige Kommission hatte 166 Aktenordner gesichtet und 25 mit dem Fall befasste Polizeibeamte befragt. Die hochkarätigen Experten kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus: Sie bemängeln eine "bemerkenswert kritiklose Bereitschaft", wichtigen Spuren und Hinweisen nicht nachgegangen zu sein und sparen nicht mit klaren Worten: "Das Zusammentreffen dieser Umstände gepaart mit zum Teil bemerkenswert anlehnungsgeneigten und verunsichert agierenden Führungskräften führte schlussendlich zu einer Situation, in der teilweise geliehene Autorität bzw. Angst, persönliche Befindlichkeiten sowie die Frage nach einem "Schuldigen" vordergründiger erschienen als die fachlich saubere Aufarbeitung der eigentlichen Fragestellung: Was ist in den Wochen vor dem Verschwinden von Natascha Kampusch beziehungsweise in all den Jahren danach eigentlich wirklich passiert und wer hat dabei welche Rolle gespielt?" Ludwig Adamovich, Vorsitzender der Kommisssion, zum stern: "Dass gebremst wurde, das ist evident. Die Frage ist: Warum? Und wie? Und von wem?

Ludwig Adamovich war 19 Jahre lang Präsident des Österreichischen Verfassungsgerichtshofes und berät heute den Bundespräsidenten. Er sitzt über ihm, im ersten Stock der Hofburg, mitten in Wien, in einem riesigen Zimmer mit einer vier Meter hohen Decke und dunkelroter Seidentapete. Von hier aus regierten die österreichischen Kaiser einst ein Weltreich: nun soll von hier aus ein unangenehmer und schrecklicher Kriminalfall aufgeklärt werden. Es geht um Sadomasopraktiken und Bisexualität, pädophile Netzwerke und Beziehungsgeflechte, Geldschiebereien und Steuerbetrug. Um schnelle Autos und ein armes Mädchen, das in offenbar katastrophalen Familienverhältnissen aufwuchs.

Aber was in einer Sozialsiedlung am Rande der Stadt begann, zwischen Würstchenbuden und Müllverbrennungsanlage, in einer Gegend, hinter der Metternich "den Balkan", also nichts Gutes, vermutete, soll, endlich in der Hofburg angekommen, nicht mehr ausgesessen werden.

Der Jurist Adamovich gilt in Österreich als eine Institution: Sein Vater war der letzte Justizminister Österreichs vor dem Einmarsch der Deutschen 1938 und nach dem Krieg erster Präsident der Wiener Universität. Er beherrscht die Kunst der Gratwanderung. Seine Experten aber können in ihrem Abschlußbericht nur mit Mühe ihren Ärger verklausulieren. Denn noch heute sagt der Sprecher der Wiener Staatsanwaltschaft, selten in der Geschichte der Republik sei ein Fall so gewissenhaft ausermittelt worden wie der von Frau Kampusch.

"Schutzschirm" um Kampusch

Das sieht die Kommission anders. So heißt es auf Seite 13 ihres so genannten "Abschlußberichts": "Die Staatsanwaltschaft Wien ... scheint die Wünsche aus dem Umfeld des Opfers in bemerkenswert kritikloser Bereitschaft akzeptiert zu haben. Dadurch konnte eine Anzahl von nicht vom Gericht bestellten Personen eine Art "Schutzschirm" um das Opfer Natascha Kampusch bilden, welcher die ohnehin schwierigen kriminalpolizeilichen Ermittlungen um und rund um Wolfgang Priklopil durch Vorgaben, Einschränkungen und Restriktionen erheblich erschwerte."

Der Nachrichtentechniker Wolfgang Priklopil hatte am 2.März 1998 das damals zehnjährige Mädchen morgens auf dem Weg zur Schule in einem Kleinlaster gezerrt. So beschreibt bis heute Natascha Kampusch einen Umstand ihrer Entführung. Eine andere Augenzeugin, die heute 22-jährige Ischtar A., eine damalige Schulkameradin, gab dagegen zu Protokoll, "ein zweiter Mann" sei "am Fahrersitz gesessen". Und bleibt bis heute bei ihrer Aussage, wie auch Natascha Kampusch.

Den Umgang mit dem Hinweis der Zeugin bewertet die Kommission auf Seite 32 so: "Mit der Aussage der (wenn auch damals noch unmündigen) Tatzeugin Ischtar A. über die Beteiligung (auch) eines - bisher nicht ausgeforschten - Fahrzeuglenkers lag ein von Anfang an fassbarer Hinweis in Richtung Mehrtäterschaft vor. Dies zudem in einem Verdachtskontext, der schwerwiegende Verbrechen zum Nachteil eines im Entführungszeitpunkt zehnjährigen Kindes und mit langfristigem sexuellem Kindesmissbrauch einen kriminellen Hintergrund zum Gegenstand hatte, dessen massives Gewicht keiner näheren Erörterung bedarf." Und: "Auch die in der Strafanzeige vom 22. September 2006 enthaltenen Angaben von Natascha Kampusch über das Verhalten des Wolfgang Priklopil während des Aufenthaltes in einem Waldstück bei Strasshof, vor der Anfahrt zum Wohnhaus in der Heinestrasse 60, wiesen in diese Richtung." Natascha war in diesem Wohnhaus, wie sie sagt, achteinhalb Jahre von Priklopil festgehalten worden. Mit anderen Worten: Offenbar hat Natascha Kampusch nach ihrem Auftauchen bisher nicht bekannte Aussagen gemacht, womöglich zur Aufklärung des Falls entscheidende Aussagen.

Gendarmerie überprüfte 1520 Zulassungsbesitzer

Ob es einen zweiten Täter gegeben hat oder nicht - fest steht, dass die Polizei nach den ersten Hinweisen auf Wolfgang Priklopil geschlampt hat. Die Kommission: "Allerdings zeigt schon die erste Überprüfung des Priklopil vom 6. April 1998 Mängel. Hatten doch die Beamten, die die 'Fahrzeug (!)-Überprüfung' bei ihm vornahmen, nach ihren Angaben nicht einmal von der Personsbeschreibung der einzigen Zeugin Kenntnis."

Damals hatte die Gendarmerie aufgrund der Beschreibung der Zeugin - Natascha Kampusch sei in ein "großes hohes Auto, weiß lackiert, mit schwarzen Scheiben und einem Buckel" eingestiegen - insgesamt 1520 Zulassungsbesitzer von Fahrzeugen sowie weitere 650 Personen überprüft. Priklopil gab damals an, er habe die Polizisten bereits erwartet: Er zeigte ihnen sein Auto, er hatte nichts dagegen, dass die Beamten ein Polaroid-Foto schossen, und er sagte, er sei am fraglichen Tag allein zu Haus gewesen. Dies werteten die Beamten als "Alibi". Später, so ist in den dem stern vorliegenden Polizeiprotokollen zu lesen, soll Priklopil seinem Geschäftsfreund Ernst H. zufolge, gesagt haben: "Glaublich sagte er ..., dass die Bullen sowieso Stocktrotteln seien. Wenn man ihnen eine intelligente Erklärung geben könne, könne man ohnehin alles machen."

Obwohl es wenig später einen zweiten Hinweis auf Wolfgang Priklopil gab, wurden die ersten Ermittlungsergebnisse zu den Akten gelegt. Die Kommission schreibt hierzu: "Die Ergebnismitteilung des Gendarmeriepostens Deutsch-Wagram wurde in der Folge - offensichtlich ohne weitere Ermittlung - mit dem Ersthinweis vom vierten April 1998 zusammengeführt und in einem Ordner ablegt. Weitere Ermittlungsschritte wurden nicht gesetzt."

Natascha wurde zur Heldin

So war es 1998, so ging es 2006 weiter. Als Natascha Kampusch vor knapp zwei Jahren wieder auftauchte, abgemagert und in einem elenden Zustand, geriet sie über Nacht zur Heldin. Sie hatte die Kraft gefunden, ihrem Entführer davonzulaufen, und gab zwei Wochen nach ihrer Flucht ein beeindruckendes Fernseh-Interview. Während Polizisten darauf drängten, von ihr mehr über ihr Verschwinden zu erfahren, wurde Natascha Kampusch im gleichen Zeitraum von einem Medienberater für ihren grossen Auftritt vorbereitet. In zwei mehrstündigen Sitzungen brachte er ihr in einem improvisierten Studio im Krankenhaus den Umgang mit der Kamera bei. Natascha Kampusch, unterstützt von ihren Therapeuten, wollte unbedingt reden. Über die Zeit in ihrem, wie es die Mitglieder der Kommission formulieren, "so genannten Verlies". Über ihren sadistischen Entführer. Über ihren Kampf ums Überleben. Und dass sie am Ende stärker war als er.

Die Höchstangebote für die weltweiten Exklusivrechte lagen damals bei 700.000 Euro. Die Causa Kampusch bietet auch irren Stoff. Dieser Fall hat alles: Sex and Crime, Pleiten, Pech und Pannen. Und ein Opfer, das es zu Ruhm gebracht hat. Bis heute erreichen ihren Medienberater dutzende Anfragen aus aller Welt. Im brutal verspielten Österreich wird das Drama seit fast zwei Jahren als Soap Opera inszeniert, die führenden Medien des Landes haben ihre Natascha zu einer Art "Ikone" gemacht, einer moralischen Instanz, die Gutes tut und Weises sagt. Dass zum Beispiel die Nazi-Vergangenheit noch nicht so richtig aufgearbeitet ist. Natascha Kampusch sieht gut aus und spricht druckreif, sie formuliert schlaue Sätze, sie scheint seltsam entrückt und doch so gescheit nach all den Jahren der Isolation. Sie redet mit der englischen BBC und der deutschen "Bunte" und macht Quote auf RTL.

Fernsehshow wird auch in Deutschland gezeigt

Jetzt erst hat Natascha Kampusch angekündigt, 25.000 Euro für die Opfer von Amstetten zu spenden und alle Menschen guten Willens aufgerufen, es ihr nachzutun. Gleich nach ihrer Flucht hatte sie eine Stiftung für Entführungsopfer in aller Welt gründen wollen, heute ist davon nur auf Nachfrage die Rede. Ihr liegen Buchangebote in schwindelerregender Höhe vor, ein Filmemacher sieht in ihrem Schicksal großes Kino, Kampusch und Karriere. Heute Abend läuft auch im deutschen Fernsehen die Erstausgabe ihrer Talkshow "Natascha Kampusch trifft ..."

Im Fall Kampusch geht es auch immer um eine Menge Geld und darum, ob man das, was man für die Wahrheit hält, auch so schreiben kann. Denn alle Protagonisten sind umgeben von Anwälten, die gleich mit Klagen drohen, sollte man ihren Klienten zu sehr auf die Füße treten.

Natascha Kampusch war, das ist ihr gutes Recht, in den ersten Tagen und Wochen in Freiheit nicht in der Lage oder nicht bereit, den Ermittlern dringende Fragen zu beantworten. "Immer wenn es für uns relevante Themen berührte", sagt ein Polizist, "brachen ihre Therapeuten oder Anwälte das Gespräch ab. Mit Rücksicht auf ihre Traumatisierung und Nataschas labilen Zustand." Diesen Sachverhalt bestätigen auch die Experten der Adamovich-Kommission. "Am 25. August 2006 erteilte Untersuchungsrichter Mag. Gneist auf Nachfrage die telefonische Anordnung, dass alle am Tatort in Strasshof vorgefundenen schriftlichen Aufzeichnungen von Natascha Kampusch zu versiegeln und ihm zu überbringen seien", heißt es auf Seite 10 des Berichts. Diese Aufzeichnungen lagern nun sicher in einem Tresor des Untersuchungsrichters - und nicht einmal der Adamovich-Kommission lagen sie vor. Im Bericht heißt es: "Die Kommission hat auch keine Schritte unternommen, um in den Besitz dieser Akten zu kommen, weil der Eindruck einer Evaluierung der Tätigkeit dieser Institutionen streng vermieden werden sollte"

Nicht mal zwei Tage nach dem Auftauchen Kampuschs hatten Staatsanwaltschaft und Untersuchungsrichter offenbar vereinbart, dass Aussagen Kampuschs in keiner Form weitergegeben und die aufgenommenen Niederschriften im Original sofort dem Untersuchungsrichter vorzulegen seien - nicht einmal dem damaligen Chef des Bundeskriminalamtes Herwig Haidinger, der sich darüber über mehrere Wochen hinweg in zahlreichen Emails bitterlich beklagte. Als er mit seinen Klagen intern nicht gehört wurde, ging er im Frühjahr dieses Jahres an die Öffentlichkeit. Seine Beschwerden führten schließlich im Februar zur Einrichtung der Untersuchungskommission.

Jetzt sind Ermittler wieder am Zug

Die Kommission schreibt zu der mangelnden Berücksichtigung wichtiger Beweise: "Was sich allerdings nach Lage des Falles als nicht nachvollziehbar darstellt, ist, dass eine Reihe von Gegenständen, die im Wohnhaus (samt "Verlies") des (in Folge Selbstmords nicht mehr greifbaren) bekannten Täters nicht mehr sichergestellt worden waren, in Befolgung der ersichtlich von der Opferbegleitung ausgegangenen Impulse an das Tatopfer ausgefolgt wurden, ohne zuvor ihren objektiven und von einer zusätzlichen seelischen Opferbelastung weitestgehend unabhängigen Beweiswert (insbesondere durch Anfertigung von Kopien) zu sichern. Im Einzelnen handelte es sich dabei um Videocassetten, ein Tagebuch, Bekleidung, beschriebene Zettel und diverses anderes persönliches Eigentum der Natascha Kampusch, dessen Beschaffenheit bzw. Inhalt nunmehr größtenteils ebensowenig verifizierbar ist wie die zeitlichen und sonstigen Modalitäten der Einbringung in das so genannte 'Verlies'. Ein derartiger Umgang mit relevantem Beweismaterial ist bei einer eigenständigen Wahrnehmung der entsprechenden Ermittlungsverantwortung ... schwer in Einklang zu bringen."

Jetzt sind die Ermittlungsbehörden wieder am Zug. Den Polizeibeamten liegen Aussagen und Berichte vor, die vor zehn oder zwei Jahren schon längst hätten ausgewertet werden können. Die neue Ermittler könnten sich jetzt, unabhängig von dem Untersuchungs-Ergebnis der Adamovich-Kommission, auch mit Zeugen in Verbindung setzen, die bisher nicht gehört wurden. Oder nicht zur Polizei gegangen sind, weil sie sich mit ihren Beobachtungen nicht ernst genommen gefühlt hatten.

Denn in den vergangenen Jahren hat sich eine Art Bürgerinitiative formiert, die geduldig Zusammenhänge herstellt und aufschreibt, was der Polizei nicht mehr erlaubt war. Treibende Kräfte sind Natascha Kampuschs ehemalige Nachbarin Anneliese Glaser und der Privatdetektiv Walter Pöchhacker. Ausserdem verhandelt ein Bezirksgericht in der Steiermark in einem Zivilprozeß gerade darüber, ob der ehemalige Familienrichter Martin Wabl weiterhin behaupten darf, Natascha Kampuschs Verschwinden sei eine fingierte Entführung gewesen und ihre Mutter habe damit zu tun. Beide, sowohl die Mutter als auch Natascha Kampusch, bestreiten das. Kurz nach Natascha Kampuschs Auftauchen hatte sich die Mutter bei der Polizei beklagt, dass ihr Kind endlich Ruhe brauche.

Wie dem auch sei: "Wenn wirklich bekannt würde, was alles schiefgelaufen ist, hätte niemand mehr Vertrauen in die Polizei", sagt ein mit dem Fall befasster Beamter. Er ist inzwischen pensioniert. Andere noch nicht.