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Erschossener Teenager Michael Brown: ... und der Ku-Klux-Klan feiert den Todesschützen

Warum musste Michael Brown sterben? Und wieso fand man gleich sechs Kugeln in seinem Körper? Der Tod des schwarzen Teenagers empört die USA - nur der rassistische Ku-Kux-Klan feiert den Todesschützen.

Von Niels Kruse

Es ist ja nicht so, als wäre der Fall Michael Brown irgendetwas Besonderes. Als sei sein Tod eine schändliche Ausnahme von der Regel gewesen, ein dummer Unfall oder sonst wie von seltener Tragik verursacht. Im Gegenteil, er ist trauriger Alltag: Drei Wochen bevor Michael Brown von sechs Schüssen niedergestreckt wurde, starb in New York ein gewisser Eric Garner bei seiner Begegnung mit Polizisten. Kurz darauf erschießen Beamte im Bundesstaat Ohio einen 22-Jährigen in einer Walmart-Filiale und am 11. August stirbt in Los Angeles ein geistig behinderter Mann durch eine Polizeikugel. Sie trifft ihn im Rücken.

Nicht alle waren schwarz. Aber alle hatten unfreiwilligen Kontakt mit überrüsteten Beamten. In keinem der Fälle deutete irgendetwas darauf hin, dass von den Männern eine Gefahr für die Sicherheitskräfte ausgegangen wäre. Michael Browns einziges Vergehen war seine Hautfarbe. Sagen zumindest seine Nachbarn. Er habe sich eines "walking while black" schuldig gemacht, wie viele Twitter-Nutzer sarkastisch ätzten - zu deutsch: Er war halt ein schwarzer Passant.

Hat Michael geklaut oder nicht?

Die Polizei sieht das anders, wenn auch nicht ganz klar ist, wie genau. Als erste Reaktion legte sie ein Überwachungsvideo vor, das beweisen soll, dass Michael Brown, 18 Jahre, Tontechnik-Azubi, stattliche 1,95 Meter groß und 135 Kilo schwer, Zigarren geklaut habe. Man habe, so das offizielle Statement, an Browns Leichnam auch Beweise für den Diebstahl gefunden. Und weil Brown bei der seiner Festnahme "aggressiv" geworden sei, habe der Beamte Darren Wilson auf ihn gefeuert. Später dann sagte Polizeichef Thomas Jackson, die Begegnung stehe doch nicht im Zusammenhang mit dem mutmaßlichen Diebstahl. Demnach liefen Brown und ein Freund "mitten auf der Straße" und blockierten den Verkehr. Wilson habe dies auf dem Rückweg von einem anderen Einsatz gesehen und sei eingeschritten.

Was auch immer an diesem 9. August passiert ist - keine Version und Beamter erklärt, warum Wilson gleich sechs Kugeln auf den Teenager abfeuern musste, von denen ihn zwei am Kopf trafen. Zumal Brown im Angesichts des Pistolenlaufs noch die Arme hochgerissen und "nicht schießen" gerufen haben will. So sagt es ein Zeuge aus und die überwiegend schwarzen Bewohner von Ferguson, einem Stadtteil von St. Louis, sind mehr als gewillt ihm zu glauben. Seit Tagen wollen sich die Menschen im dem Arbeiterviertel nicht beruhigen, demonstrieren friedlich und auch weniger friedlich, es kam zu Plünderungen und Brandschatzungen, der Gouverneur von Missouri kündigt sogar den Einsatz der Nationalgarde an, um Recht und Ordnung wiederherzustellen.

Am Fall Michael Brown entzünden sich gleich zwei Dauerzeitbomben der USA: Polizeigewalt und Rassismus, nicht selten vereint in Polizeigewalt gegen Schwarze. 50 Jahre nach Martin Luther Kings berühmter "I have a dream"-Rede und fünf Jahre nach der Wahl Barack Obamas zum ersten schwarzen Präsidenten der USA, offenbart sich wieder die hässliche Wunde der Vereinigten Staaten, die einfach nicht heilen will. Seit Tagen bemühen Medien die Statistiken, die immer wieder die gleiche, schauerliche Botschaft erzählen. Sie lautet kurz gesagt: Wenn Du schwarz bist, bist Du am Arsch. Oder, wie der US-Philosoph George Yancy in der "New York Times" schrieb: "Schwarz in den USA sein, ist ein ontologisches Verbrechen, das Verbrechen, einfach nur zu sein."

Die Hälfte der USA twittert rassistisch

Es gibt nur wenig, was dieser deprimierenden Ansicht wiedersprechen könnte. Die Humboldt State University in Kalifornien hat mit Hilfe der Geodaten von Twitter eine so genannte Hate-Map erstellt. Sie zeigt, wo besonders viele rassistische Tweet geschrieben werden. Dort, wo es rot ist, wird besonders übel gehetzt. Und es ist nicht nur der notorisch fremdenfeindliche Süden, wo noch Worte wie "Nigger" üblich sind, es ist fast die gesamte westliche Hälfte der USA, die rot vor Hass markiert glüht. St. Louis, der Tatort des jüngsten Zwischenfalls, selbst leuchtet dabei noch moderat in blau. Barack Obama, der Anfeindungen aus eigner Erfahrung kennen wird, richtete wie schon beim Tod des schwarzen Teenagers Trayvon Martin vor zwei Jahren zwar tröstende Worte an die Hinterbliebenen, aber mehr Unterstützung vermag selbst das Staatsoberhaupt nicht zu leisten.

Und so versuchen die Betroffenen, gegen die Vorurteile in den Köpfen anzutwittern. Unter dem Hashtag "IfTheyGunnedMeDown" zeigen zumeist schwarze Amerikaner zwei Fotos von sich: Eines, auf dem sie in Uni-Abschlussrobe, Militäruniform oder Geschäftsanzug zu sehen sind und eines, dass sie, nun ja, in deutlich legererer Pose zeigt. Die Frage dahinter: "Was wäre, wenn er einen Anzug getragen hätte? Anders gefragt: Wäre Michael Brown noch am Leben, wenn er nicht in Baseballkluft durch die Straßen gelaufen wäre? Die gleiche Diskussion gab es bereits, als Trayvon Martin damals von einem Hilfspolizisten niedergeschossen wurde. Der 17-Jährige trug einen Kapuzenpullover, was ihn in den Augen des Schützen per se zum Verdächtigen machte.

Vermutlich wird der Tod des Jungen, den sie wegen seiner Statur "freundlicher Riese" nannten, die Stadt St. Louis und die USA noch einige Zeit beschäftigen. Dafür wird auch der Ku-Klux-Klan sorgen, der ankündigt, Gelder aus einem Spendenfonds an den Todesschützen Darren Wilson zu überreichen. Der Mann sei ein Held, schreibt die bekennenden Rassisten in einem Blog: "Wir brauchen mehr weiße Polizisten, die gegen Neger sind und die jüdisch kontrollierten schwarzen Gangster zurechtweisen." Wilson selbst soll mit der Aktion nichts zu tun haben, heißt es.

Was die anderen zu Ferguson schreiben

- Die "Zeit" hat einige Zahlen zum so genannten Racial Profiling gefunden, wie und wen die US-Polizei besonders oft ins Visier nimmt.

- Die "New York Times" hat Ferguson besucht (englisch)

- Spiegel Online über die Festnahme von Reportern in Ferguson