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Erster Tag im Breivik-Prozess: Selbstmitleid eines Massenmörders

Beim Prozessauftakt in Oslo provozierte der Angeklagte Anders Breivik. Er grinste, rang sich eine Träne ab - wohl aus Selbstmitleid. Unerträglich für die Angehörigen, die mit Rosen der Opfer gedenken.

Die Tränen, die der norwegische Attentäter Anders Behring Breivik am Eröffnungstag seines Prozesses vergießt, gelten nicht den 77 Toten. Auch nicht den erschütterten Hinterbliebenen der zumeist jugendlichen Opfer, denen der 33-jährige Rechtsextremist im Gerichtssaal in Oslo eine Faust entgegenreckt. Breivik verfolgt ungerührt die Verlesung der Anklage, bevor er zu Protokoll gibt, er habe aus "Notwehr" gehandelt. Als er schließlich ein paar Tränen vergießt, geschieht dies, als der Zwölf-Minuten-Film gezeigt wird, den er über die Zielscheibe seines Hasses verfertigt hat - muslimische Fundamentalisten.

In diesem Prozess geht es von vornherein nicht um die Frage, ob Breivik eigentlich der Täter ist. Wenn er sich für "nicht schuldig" erklärt, so meint Breivik nicht, dass er die 77 Menschen nicht ermordet hat. Was er sagen möchte, ist, dass er zu diesen Taten berufen war. Sie waren, wie er während der Untersuchungshaft sagte, "grausam, aber notwendig", um die Aufmerksamkeit auf seinen Kampf gegen eine "muslimische Invasion" von Europa zu lenken. Dagegen wollte er im Namen des Ordens der Tempelritter kämpfen - einer Organisation, die es nach Erkenntnissen der Ermittler nicht gibt.

Breivik meint, ein Schriftsteller zu sein

Als die Richterin Wenche Elizabeth Arntzen bei seiner Vorstellung sagt, er sei arbeitslos, fällt Breivik ihr gleich ins Wort. Nein, er sei "Schriftsteller", gibt er an, und schreibe im Gefängnis an einem neuen Werk. Kurz vor seinen Taten in Oslo und Utöya hatte er ein 1500-Seiten-Pamphlet ins Internet gestellt, in dem er Islam, Mulitkulturalismus und Marxismus brandmarkte.

Breiviks Anwalt Geir Lippestad hat die Öffentlichkeit darauf gefasst gemacht, dass sein Mandant vor Gericht Erklärungen abgeben wolle, die "schwer zu ertragen" sein dürften. Breivik wolle sein Bedauern darüber äußern, "nicht noch weiter gegangen zu sein".

Die Staatsanwältin ringt um passende Worte, die Taten Breiviks zu beschreiben. "Der Angeklagte hat sehr schwerwiegende Verbrechen in einem Ausmaß begangen, das wir in unserem Land in heutigen Zeiten noch nicht erlebt haben", sagt die Anklägerin Inga Bejer Engh. Es hat, wie Experten anmerken, noch nie einen Attentäter gegeben, der mit Schusswaffen und als Einzeltäter so viele Menschen umbrachte. Breivik hat bekannt, dass er seine Taten mit Video-Spielen wie "World of Warcraft" und "Modern Warfare 2" vorbereitete. Die meisten seiner Opfer auf der Insel Utöya wurden durch Schüsse in den Kopf getötet.

"Er hat Selbstmitleid, kein Mitleid mit den Familien"

Normalerweise wäre es im Sinne der Verteidigung erstrebenswert, für den Mandanten mildernde Umstände geltend zu machen. Sie könnte sich dabei auf ein psychiatrisches Gutachten stützen, in dem Breivik "paranoide Schizophrenie" bescheinigt wird. Er ist möglicherweise als unzurechnungsfähig einzustufen.

Aber Breivik will das nicht, und sein Verteidiger Geir Lippestad hat schon vor Prozessbeginn deutlich gemacht, dass er sich auf ein Gegengutachten stützen will, in dem Breivik Zurechnungsfähigkeit bescheinigt wird.

"Er hat Selbstmitleid, kein Mitleid mit den Familien", sagt die Anwältin Yvonne Larsen, als sie auf die Tränen Breiviks angesprochen wird. Das bestätigt sich kurz darauf noch einmal, als vor Gericht der Notruf einer Frau abgespielt wurde. Die schwer atmende Renate fleht darin die Polizisten an, sie müssten "schnell kommen", der Schütze sei hinter ihr her. Schüsse sind zu hören.

Breivik zeigt keine Anzeichen von Rührung, als der Anruf der vom Massaker Bedrohten abgespielt wird. Mehrere Hinterbliebene hatten das Angebot des Gerichts angenommen, vor dieser Einspielung den Saal zu verlassen.

fro/AFP / AFP