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Essay über Angst: Wir brauchen die Angst. Aber sie verwirrt uns. Warum wir uns nicht fürchten sollten

Angst soll uns schützen, aber manchmal treibt sie uns auch vor sich her. Wir sollten widerstehen. Ein Essay aus stern Crime.

Angst ist ein verrücktes Gefühl

Angst ist ein verrücktes Gefühl: Wer am meisten Grund dazu hat, sorgt sich am wenigsten. Wer am wenigsten bedroht ist, bangt am meisten.

Sie lähmt uns. Sie peitscht uns voran. Sie rettet uns. Sie macht uns krank. Ohne sie wären wir tot. Mit ihr kann das Leben zur Qual werden.

Sie schärft unsere Sinne. Sie blockiert unser Handeln. Sie lässt uns rennen. Sie lässt uns gefrieren. Wir werden mit ihr geboren, sie stirbt mit uns: die Angst.

Anne hieß meine Studienfreundin. Anne konnte Karate. Anne besaß Reizgas. Anne hatte eine Schreckschusspistole. Anne hatte immer Angst.

Wenn es dunkel wurde, war Anne zu Hause. Anne hatte Angst vorm Trampen. Vor Bahnhöfen in der Nacht. Vor fremden Menschen. Anne stieg nie allein in ein Taxi. Anne war stets auf der Hut.

Mit Anne konnte man nicht: ausgehen. Am See zelten. Mit Fremden auf dem Moped durch Rom fahren. Anne träumte nachts sehr oft von ihrer Ermordung. Anne war noch nie etwas passiert. Anne kannte Verbrechensopfer nur aus dem Fernsehen. Irgendwann hatte sie Angst vorm Einschlafen.

Angst ist das Gefühl unserer Zeit. Angst vor einem Raubüberfall, Angst vor einem Einbruch, Angst vor einem Terrorangriff, Angst vor Veränderung, zum Schlechten natürlich, Angst vor der Angst.

Verbrechen und Angst gehören zusammen

Wir brauchen die Angst ja wie die Luft, wie das Licht, wie Wasser. Die Angst hilft uns, zu überleben. Die Angst ist die kleine Schwester der Vorsicht. Menschen ohne Angst sterben oft früh, wie Menschen ohne Schmerz. Unsere Angst ist gut, wenn sie uns warnt, wenn sie bei Gefahr anschlägt. Unsere Angst ist schlecht, wenn sie nicht mehr weggeht, auch wenn die Gefahr vorüber ist. Unsere Angst ist schlecht, wenn Gefahr gar nicht besteht. Unsere Angst spielt uns oft Streiche. Verbrechen und Angst gehören zusammen. Manche Verbrechen lösen erst im Nachhinein Angst aus. Manche Verbrechen funktionieren nicht ohne die Angst. Von manchen Verbrechen ist die Angst das Ziel.

Terror zum Beispiel. Harmlose Begebenheiten und Gegenstände haben ihre Unschuld verloren. Dieser Koffer hier, wem gehört der? Dieser Typ da, wohin will der? Soll ich wirklich in das Flugzeug steigen? Ist es möglich, eine Konzerthalle zu schützen? Der neben mir, mit dem Bart, was wispert der? Die Polizei am Bahnhof, wirken die nicht irgendwie angespannt? Was wissen die, was wir nicht wissen?

Unsere Angst verwirrt uns. Lange hat man gedacht, dass sich die Verbrechensangst vor allem dann erhöht, wenn man selbst Opfer wurde oder wenn im Bekanntenkreis jemand Opfer wurde. Dem ist nicht so.

Unsere Angst ist verrückt: Wer am meisten Grund dazu hat, fürchtet sich am wenigsten. Wer am wenigsten zu befürchten hat, hat am meisten Angst. Die größte Gefahr ist da, wo wir sie nicht vermuten, wo wir uns sicher fühlen, wo wir keine Angst haben.

Junge Männer haben in Deutschland am wenigsten Angst – aber bei ihnen ist die Wahrscheinlichkeit am höchsten, Opfer einer Straftat, Opfer eines Gewaltverbrechens zu werden. Ältere Leute sind am sichersten, fürchten sich aber am meisten. Die Forscher raufen sich die Haare. Der gesunde Menschenverstand sagt: siehste! Wer Angst hat, passt besser auf, wer besser aufpasst, dem geschieht auch weniger.

Die Bösen, denken wir, sind meistens die anderen. Die man nicht kennt. Die man nicht mag. Die von woanders herkommen. Sind sie nicht. Die Bösen sind oft unter uns. Die Gefahr lauert eher um die Ecke. Der Feind liegt schon im eigenen Bett. Schwere Verbrechen geschehen mehrheitlich unter Bekannten. Morde sind fast immer Beziehungstaten. Und gemordet und geschlagen und missbraucht wird mit Vorliebe zu Hause.

Die Gefühlte Wirklichkeit ist manchmal wirklicher als die Statistik

73 Prozent aller Deutschen haben Angst vor einem Terroranschlag, ergab eine repräsentative Studie im Sommer dieses Jahres. Statistisch gesehen starb in den vergangenen 20 Jahren jedoch weniger als ein Mensch pro Jahr in Deutschland durch einen Terroranschlag. Dem einen, den es traf, nützt die Statistik nichts. Allen anderen aber vielleicht schon, wenn die Angst uns nicht lähmen soll. Wenn die Angst uns helfen soll, zu überleben, im richtigen Moment loszurennen, und nicht im falschen, dann müssen wir lernen, uns vor den schlimmeren Dingen zu schützen: Jährlich sterben mehr als 200.000 Menschen an Krebs, etwa 10.000 Menschen durch Suizid, rund 3500 im Straßenverkehr, um die 500 ersticken beim Essen. Das Risiko, durch einen Blitzschlag getötet zu werden, ist größer als das, durch einen Terroranschlag zu sterben. Wenn man den Statistiken glauben will. Was, unbestritten, viele nicht mehr wollen. Die gefühlte Wirklichkeit ist manchmal wirklicher als die Statistik.

Dürfen wir unserer Angst also noch trauen? Wird sie geschürt? Wird sie benutzt? Kann man ein Volk voller Angst leichter regieren?

Die Angst wurde von der Natur erfunden, um uns zu schützen, nicht um uns zu lähmen. Die Gefahr erkennen, die Gefahr bekämpfen oder der Gefahr entkommen – dazu diente die Angst. "Flight or fight" nennen das die Wissenschaftler. Unsere innere Alarmanlage darf nicht auf Dauerton stehen. Wir wollen nicht abstumpfen. Wir wollen aber auch kein Volk voller Angsthasen sein, die sich nicht mehr aus ihrem Viertel trauen. Die nicht mehr am See zelten, die Bahnhöfe meiden, allen Fremden misstrauen. Irgendwann werden wir sterben, aber fast alle von uns nicht als Opfer eines Verbrechens, sondern an Altersschwäche.

Dieses Essay stammt aus stern Crime Nr. 10. Das neue Heft Nr. 11 gibt es jetzt am Kiosk oder kann hier bestellt werden.

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