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Euthanasie: Archivierter Mord

Woran das letzte deutsche Euthanasie-Verfahren in der DDR und im wiedervereinigten Deutschland wirklich gescheitert ist: Verschwiegene Beweise, alte Seilschaften, zögerliche Ermittlungen.

Von Kerstin Schneider

Selma Albrecht muss ihren nahen Tod geahnt haben: Sie "schrie, zitterte wie toll, sträubte sich, die Medizin zu nehmen". Sie "weinte, verlangte nach ihrem Kind." "Sie steckte den Kopf zum Fenster raus, schrie: 'Mutter, ich muss sterben.'" Selma Albrecht starb am 20. April 1941 – Hitlers 52. Geburtstag. "Exitus, 5.30 Uhr", notierte ihre Ärztin Rosemarie Albrecht in die Krankenakte. "Versagen von Herz und Kreislauf." Selma Albrecht war 34 Jahre alt. Sie hinterließ einen siebenjährigen Sohn und den Ehemann, der sie kurz vor ihrem Tod noch besucht hatte.

Zwei Mal wurde ermittelt, ob die junge Frau als Patientin der Landesheilanstalt Stadtroda im Rahmen der NS-'Euthanasie' von ihrer Ärztin vergiftet worden war. Zwei Mal sind die Ermittlungen gescheitert – in der ehemaligen DDR und im wiedervereinten Deutschland. Die SED-Regierung hielt Beweismittel gegen mutmaßliche 'Euthanasie'-Mörder aus politischen Gründen unter Verschluss, wie Matthias Wanitschke in seinem jetzt erschienenen Buch "Archivierter Mord. Der SED-Staat und die NS-'Euthanasie'-Verbrechen in Stadtroda", beschreibt. Doch auch im wiedervereinigten Deutschland gelang es der Justiz nicht, Licht in den mysteriösen Tod von Selma Albrecht zu bringen. Beide Verfahren werfen ein grelles Licht darauf, wie in Deutschland gegen mutmaßliche NS-Täter ermittelt wird. Und wie es bei Medizinern heute noch bestellt ist um die Vergangenheitsbewältigung eines düsteren Kapitel des Nationalsozialismus: Der Ermordung von rund 200.000 psychisch kranken und behinderten Patienten. Schon im März 1965 finden Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) auf dem Dachboden der Klinik verstaubte Krankenakten, darunter die von Selma Albrecht. Die Stasi sucht nicht ohne Grund nach alten Akten: Die Staatsanwaltschaft Göttingen ermittelt wegen Mordes gegen den ehemaligen Chef der Klinik Gerhard Kloos. Der Psychiater soll im Rahmen der NS-Euthanasie mindestens 100 Kinder ermordet haben. Kloos hat im Westen Karriere gemacht, arbeitet als Klinikdirektor, veröffentlicht Fachbücher, tritt als Gerichtsgutachter auf. In Stadtroda sucht die Stasi nun nach weiteren mutmaßlichen Tätern, um "anhand prominenter Westdeutscher den 'Neonazismus' in der Bundesrepublik zu entlarven", wie Wanitschke schreibt.

Die Stasi entlarvt DDR-Mediziner als NS-Täter

Schnell wird die Stasi fündig. Die Ermittler stoßen allerdings nicht auf weitere namhafte westdeutsche Mediziner, die sie als NS-Täter entlarven können, sondern auf zwei bekannte DDR-Mediziner: Margarete Hielscher, die langjährige Leiterin der Kinderfachabteilung in Stadtroda und Rosemarie Albrecht, die in Stadtroda als Assistenzärztin mit der Leitung der Frauenabteilung betraut war. Der Verdacht, die beiden Ärztinnen könnten ihre Patienten vergiftet haben, passt nicht ins politische Weltbild der Staatssicherheit. Albrecht ist inzwischen eine international anerkannte Kapazität auf dem Gebiet der Hals-Nasen-Ohrenheilkunde und dient der DDR als Vorzeige-Ärztin dafür, dass man im "Arbeiter-und-Bauern-Staat" auch ohne Parteibuch Karriere machen kann. Das Ministerium stoppt die Ermittlungen. Grund: Die "Auswertung" könnte ein "unserem gesellschaftlichen Verhältnis widersprechendes Ergebnis" zutage fördern. Die Akten verschwinden mit Sperrvermerk im Panzerschrank. Rosemarie Albrecht feilt weiter an ihrer Karriere. Sie steigt zur Professorin auf, wird Mitglied der Akademie der Wissenschaften, als "verdienter Arzt des Volkes" geehrt und bekommt den "Vaterländischen Verdienstorden".

"Um eine Diskriminierung der DDR zu vermeiden" bleibt auch Margarete Hielscher unbehelligt. Im Fall Kloos sabotiert die Staatssicherheit den Prozess in Westdeutschland. Das Ministerium hält belastende Beweismittel zurück, weil in den Unterlagen wichtige DDR-Ärzte wie Hielscher und Albrecht erwähnt werden. Kloos wird aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Wanitschkes Fazit: "Die Verantwortlichen auf allen Ebenen des SED-Staates haben durch die Verhinderung der juristischen Aufarbeitung bis zum Ende der DDR um ihrer Machterhaltung willen eine Mitschuld daran auf sich geladen, dass ... die Sühne für diese Verbrechen ausbleiben wird".

Doch auch die juristische Aufarbeitung der NS-'Euthanasie' im wiedervereinigten Deutschland wirft Fragen auf, wie Recherchen von stern.de im Fall Albrecht zeigen. Im Jahr 2000 erstattet Jürgen Haschke, der damalige Landesbeauftragte für Stasi-Unterlagen in Thüringen, Strafanzeige gegen Rosemarie Albrecht. 159 Menschen sind auf ihrer Station gestorben, darunter elf Kinder. Vier Jahre ermittelt die Staatsanwaltschaft Gera und erhebt im Januar 2004 Anklage wegen Mordes. Von 159 Fällen ist einer übrig geblieben – der von Selma Albrecht. Ihre Krankenakte trägt – abgesehen von einer knappen Notiz – ausschließlich die Handschrift von Rosemarie Albrecht. Vier Gutachter, ein Neurologe, ein Internist, ein Apotheker und ein Medizinhistoriker, sind sich einig, dass Selma Albrecht "mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit" an einer Schlafmittelvergiftung gestorben ist. Die Dosis sei teilweise um das Dreifache zu hoch gewesen. Die Wirkung der Medikamente sei schon damals in Medizinbüchern beschrieben worden. Rosemarie Albrecht bestreitet, ihre Patientin vergiftet zu haben. Nicht ein einziger Mensch sei während ihrer Zeit in Stadtroda gestorben, sagt sie. Außerdem habe sie als junge Ärztin "keine Diagnose gestellt und auch keine Medikamente verabreicht".

Solidarität mit einer mutmaßlichen Mörderin

Die Mordanklage sorgt für Wirbel. Ärzte und Professoren unterschreiben Solidaritätsbekundungen für Rosemarie Albrecht. Professor Eggert Beleites, Präsident der Thüringer Ärztekammer und Vorsitzender des Ausschusses für Ethische und medizinische Grundsatzfragen der Bundesärztekammer, engagiert sich besonders. Er besorgt Albrecht - die seine Lehrerin war - einen zweiten Anwalt. Außerdem gibt der Ärztefunktionär ein neues Gutachten für die Verteidigung in Auftrag, und zwar bei dem Psychiater Dr. Sebastian Lemke aus Jena. Lemke zweifelt die Todesursache an. Die Richter des Landgerichts Gera stufen den Psychiater als "ernst zu nehmend" und "unabhängig" ein. Eine Einschätzung, die bei genauerer Recherche fragwürdig erscheint: Lemkes Vater hat eine braune Vergangenheit, die der Sohn in einem Aufsatz über die Geschichte der Nervenklinik verschweigt. Rudolf Lemke war Richter am Erbobergesundheitsgericht in Jena, für das auch Rosemarie Albrecht Gutachten geschrieben haben soll. Außerdem hat sich Rudolf Lemke während der NS-Zeit für die Kastration von Homosexuellen ausgesprochen.

Das Gutachten seines Sohnes Sebastian leitet über 60 Jahre später die Wende im letzten deutschen Euthanasie-Verfahren ein. Nachdem Lemke die Todesursache anzweifelt, geben die Richter ein weiteres Gutachten in Auftrag. Die Wahl fällt auf den emeritierten Professor Wilhelm Schumacher aus Gießen. Der Psychiater sei "hoch qualifiziert", "komme aus dem Westen" und habe "keine Verbindungen nach Jena", sagt Reinhard Maul, Vizepräsident des Landgerichts gegenüber stern.de. Genauer recherchiert hat die Kammer den Lebenslauf des Professors allerdings nicht.

"Solche Unverschämtheiten beantworte ich nicht"

Schumacher, bekannt durch den Prozess gegen Monika Weimar, ist 77 Jahre alt. Nach seinem "Kriegseinsatz" machte er 1946 Abitur und studierte später Medizin, Psychologie und Philosophie in Köln. Er gehörte dem "engerem Mitarbeiterkreis" von Professor Dr. Udo Undeutsch an. Undeutsch ist 1917 in Weimar geboren, hat in Jena Psychologie studiert und wurde später als Verfechter des Lügendetektors bekannt. Schumacher betont in seiner Dissertation, dass er Undeutsch "für Anregungen und Förderung" zu besonderem Dank verpflichtet sei. Undeutsch wiederum fühlt sich - wie er am Telefon freimütig erzählt - Rudolf Lemke, dem Vater von Gutachter Sebastian Lemke, zu Dank verpflichtet.

Rudolf Lemke habe ihn für den "Militärdienst nur bedingt tauglich" geschrieben, sagt Undeutsch. Die Frage, ob er mit seinem ehemaligen Mitarbeiter Schumacher je über das Gutachten im Fall Rosemarie Albrecht gesprochen habe, lässt den betagten Psychologen verstummen. Dann poltert Undeutsch los: "Das geht sie ja wohl gar nichts an." Auch Gutachter Schumacher reagiert unwirsch auf Frage, ob er sich mit seinem ehemaligen Förderer Undeutsch je über den Fall Albrecht ausgetauscht habe. "Solche Unverschämtheiten beantworte ich nicht."

Schumacher zweifelt in seinem Gutachten fürs Gericht wie Lemke ebenfalls die Todesursache von Selma Albrecht an. Die Patientin sei "mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht an einer Schlafmittelvergiftung gestorben", schreibt er. Ein Internist von der Universität Gießen, den Schumacher mit einem Zusatzgutachten beauftragt hat, bestätigt, dass die Behandlung der Patientin Albrecht dem "damaligen Kenntnisstand" entsprochen habe. Die Gutachter der Staatsanwaltschaft widersprechen. Dr. Werner Platz, Direktor des Vivantes Humboldt Klinikums in Berlin, findet harsche Worte für Schumachers Gutachten. Der emeritierte Professor habe "offensichtlich für ihn gutachterliches Neuland betreten."

Dass sich Gutachter so extrem widersprechen ist selten. Um "die völlig unterschiedlichen Bewertungen der medizinischen Sachverständigen umfassend und gründlich zu erörtern, um sodann ... eine tragfähige und fundierte Sachentscheidung treffen zu können", will das Landgericht Gera die Hauptverhandlung eröffnen. Mit anderen Worten: Weil sich die Gutachter widersprechen, will das Gericht in der Hauptverhandlung klären, wer Recht hat. Dazu kommt es nicht mehr: Rosemarie Albrecht, inzwischen 90 Jahre alt, ist nicht verhandlungsfähig. Die Frage, ob die Wahl der Gutachter optimal gewesen sei, versteht Vizepräsident Maul nicht. Auch künftig sieht er "keinerlei Veranlassung" den Hintergrund von Gutachtern genauer zu prüfen.

Das Ende eines "unwürdigen Verfahrens"

"Ich freue mich sehr, dass dieses unwürdige Verfahren nun ein gutes Ende für Frau Albrecht gefunden hat. Sie wird durch diese Entscheidung jetzt weitgehend rehabilitiert", lässt Ärztefunktionär Beleites über eine Nachrichtenagentur verbreiten. Auch Gutachter Lemke meldet sich zu Wort. Unter der Überschrift: "Der Fall Albrecht: Mord oder Rufmord?" bezweifelt er in der neusten Ausgabe des Thüringer Ärzteblattes, dass erwachsene Patienten in Stadtroda ermordet wurden. Schließlich sei trotz umfangreicher Ermittlungen nie ein Arzt verurteilt worden. Deshalb, so Lemke, müsse "angenommen werden, dass in der Stadtrodaer Klinik in der Zeit des Nationalsozialismus in keinem Fall ein erwachsener Patient willentlich zu Tode gebracht wurde". Der Bericht über die Ermordung von Erwachsenen in Stadtroda sei "nichts anderes als ein Gerücht."

Die Landesbeauftragte für Stasi-Unterlagen in Thüringen, Hildigund Neubert, will Lemkes Äußerung nicht unkommentiert stehen lassen. Sie hat jetzt einen offenen Brief ans Ärzteblatt geschrieben. "Die Strafverfolgung litt unter vielen Mängeln", schreibt sie. Einer davon war die Verheimlichungspolitik der SED. Um den Mythos von der besseren, weil konsequent antifaschistischen DDR nicht zu gefährden, verschloss das Ministerium für Staatssicherheit alle relevanten Akten in geheimen Ablagen. Zweiflern empfiehlt Neubert "zur Versachlichung der Diskussion" die Lektüre des Buches von Matthias Wanitschke. Bei seiner Recherche stieß er in den Akten "auf eindeutige Belastungshinweise" wie Zeugenaussagen und Geständnisse: "Ich gebe zu, dass ich des öfteren auf Anordnung des leitenden Arztes Spritzen verabreicht habe, an denen die Patienten unmittelbar eingeschlafen sind", gestand ein Pfleger 1946. Er widerrief sein Geständnis, wurde nie belangt. Darüber hinaus hat die Ärztin und Medizinhistorikerin Renate Renner in ihrer Dissertation belegt, dass die Sterberate in Stadtroda extrem hoch war.

Ob Neuberts Brief gedruckt wird, bleibt abzuwarten. Die Entscheidung über die Veröffentlichung liegt bei Beleites. Der hat sich in der letzten Zeit als Mitglied der Bundesärztekammer des öfteren in der Presse geäußert. Sein Thema: Das Tabu der Sterbehilfe.

"Archivierter Mord. Der SED-Staat und die NS-'Euthanasie'-Verbrechen in Stadtroda." – Herausgegeben von Matthias Wanitschke. Das Buch ist bei der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen, Regierungsstraße 73, 99084 Erfurt, für drei Euro zu bestellen.