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Exekutionen in den USA Das Problem der Giftmischer


Seine Hinrichtung endete für einen Mann in Oklahoma in Todesqualen. Der Grund: Nach dem europäischen Lieferstopp experimentieren die USA mit neuen Giftcocktails. Nun steht die nächste Exekution an.
Von Oliver Fuchs

Erst nach 43 Minuten erlitt Clayton Lockett den erlösenden Herzinfarkt. Lockett war verurteilt worden, im Jahr 1999 eine 19-jährige Frau angeschossen, und danach lebendig begraben zu haben. Am 29. April 2014 sollte er in Oklahoma hingerichtet werden. Ihm wurde ein Medikament verabreicht, das ihn hätte betäuben sollen. Doch anstatt bewusstlos in den Tod zu gleiten, begann er schon drei Minuten nach der ersten Infusion, sich in seinen Fesseln zu winden und zu stöhnen. Nach zwanzig Minuten brachen seine Henker die Hinrichtung ab - und versperrten den Zeugen mit einem Vorhang die Sicht auf die Bahre.

Das Medikament, welches Lockett hätte betäuben sollen, heißt Midazolam. Es wird sonst für Narkosen und zur Behandlung von epileptischen Anfällen eingesetzt. Für die Betäubung bei Hinrichtungen ist es noch kaum getestet. Bereits im Januar dieses Jahres kam es bei einer Hinrichtung in Ohio zum Einsatz. Auch die ging schief: Der Todeskandidat begann zu röcheln, nach Luft zu schnappen und ballte die Fäuste. Er starb erst nach 20 Minuten.

Lange Zeit kam bei Hinrichtungen in den USA ein Mix aus drei Medikamenten zum Einsatz. Doch seit drei Jahren sind die nicht mehr zu beschaffen. Der Grund: Zunächst weigerten sich europäische Pharmahersteller, von sich aus diese Medikamente zu liefern. Der einzige amerikanische Hersteller hatte die Produktion schon im Jahr 2010 eingestellt. Dann beschloss die EU Ende 2011, dass gar keine Mittel in die USA mehr exportiert werden dürfen, wenn sie dort für Exekutionen verwendet werden. Seitdem suchen die US-Bundestaaten nach Ersatz.

Missouri musste beispielsweise im vergangenen Jahr Hinrichtungen aussetzen, nachdem die Tochtergesellschaft der Deutschen Firma Fresenius herausfand, dass eines ihrer Medikamente dort für Hinrichtungen missbraucht werden sollte*. Florida versuchte es wie Oklahoma mit Midazolam, aber in einer fünffach höheren Dosis. Andere Bundesstaaten verwendeten Pentobarbital, mit dem sonst Hunde eingeschläfert werden. Beschafft haben sich die Bundesstaaten die Mittel immer häufiger bei sogenannten "compounding pharmacies". Das sind kleine Hersteller - oft auch einfach Apotheken, die Medikamente entweder neu mischen, oder unter Lizenz produzieren. Sie unterstehen weniger strengen Gesetzen als normale Pharmahersteller.

Nur, auch die weigern sich zunehmend, die Mittel zu liefern, denn sie fürchten einen Imageschaden. Die Unterstützung für die Todesstrafe schrumpft in den USA seit Jahren. Mehrere Bundesstaaten halten deshalb mittlerweile den verwendeten Giftmix - und seine genaue Herkunft - geheim. So auch Texas, wo an diesem Dienstagabend Robert James Campbell hingerichtet werden soll. Die Strafanstalt tarnte sich vergangenes Jahr sogar als Spital, um an die nötigen Mittel zu kommen - darunter Midazolam. Das berichtete am Montag der Fernsehsender MSNBC.

Campbells Anwälte versuchten bis zur letzten Minute, die Hinrichtung zu verhindern. Ihr Argument: Die US-Verfassung verbiete "grausame und ungewöhnliche Bestrafung". Der Todeskampf von Lockett von vor zwei Wochen falle unter dieses Verbot, sagen sie. Und da Texas geheim halte, mit welchen Mitteln Campbell hingerichtet werden soll, sei die Gefahr groß, dass wieder gepfuscht und gepanscht werde. Am vergangenen Freitag erteilte ein Richter Campbell eine Abfuhr. Seine Begründung: Es sei gut möglich, dass der Giftmix heute Abend zu einer "grausamen Bestrafung" führe. Nur beweisen könne man das eben nicht. Denn der Mix sei ja geheim.

* In der ursprünglichen Fassung stand hier, dass das Fresenius-Medikament missbraucht "wurde". In einer Stellungnahme schrieb Fresenius über die Vertrieb in den USA: "Strafvollzugsbehörden werden nicht von Fresenius Kabi oder einem der ausgewählten Vertriebspartner beliefert." Red.


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