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Facebook-Mord: Unschuldigen für pädophil gehalten und ermordet - Lebenslange Haft für Eltern

Weil sie glaubten, er sei pädophil und habe sich Nacktfotos ihrer zwölfjährigen Tochter erschlichen, lockten Eltern einen Unschuldigen in einen Hinterhalt und brachten ihn um. Für diese Tat müssen Eltern und Mittäter nun lange in Haft.

Für den Facebook-Mord mussten sich Nadine und Karl-Heinz H. seit Februar 2016 in Aachen vor Gericht verantworten

Nadine und Karl-Heinz H. verdächtigten einen Facebook-Freund ihrer Tochter, pädophil zu sein - und brachten ihn deswegen um

Der 29-Jährige war geistig behindert und arbeitete in einer Behindertenwerkstatt. Er suchte eine sexuelle Beziehung zu einer erwachsenen Frau. "Wie geht es Dir?", versuchte er im Sommer letzten Jahres eine Kontaktaufnahme über Facebook. Er konnte nicht wissen, dass hinter dem Facebook-Profil einer angeblich 22-Jährigen tatsächlich ein zwölfjähriges Mädchen steckte. Mehr war nicht, wie die Richter am Aachener Landgericht am Dienstag feststellten. Trotzdem meinten die Eltern, den Mann bestrafen zu müssen: Sie brachten ihn um.

Die Richter verurteilten die 31 und 39 Jahre alten Eltern und einen 26 Jahre alten Freund der Familie wegen Mordes zu lebenslanger Haft. Sie hätten angenommen, der Mann sei ein Pädophiler, der das Mädchen schon vorher über Facebook sexuell belästigt habe. Der Vater habe Pädophile gehasst, sagte der Vorsitzende Richter Arno Bormann. In seinem Umfeld habe es ebenfalls Hass auf Pädophile gegeben. "Das hat ihn wohl bestärkt, das vermeintliche Recht in die eigene Hand zu nehmen", sagte der Richter.

Mann als treibende Kraft beim Facebook-Mord

Er bezeichnete den Mann als treibende Kraft, der seine Frau und den Freund mit ins Boot gezogen habe. Der Vater habe auch gewusst, dass der junge Mann geistig behindert war. Das waren Gründe, warum das Gericht die besondere Schwere der Schuld bei dem 39-Jährigen feststellte. Der Vater hatte vor Gericht gestanden, dass der Mann eine "Abreibung" bekommen sollte. Er habe ihn dann rasend vor Wut umgebracht. Doch diese Version einer ganz spontanen Tat sah das Gericht nach dem Indizienprozess als widerlegt an.

Es hatte eine Vorgeschichte zu dem Mord gegeben, wie aus der Urteilsbegründung klar wurde: Schon vorher hatte ein Unbekannter, aber definitiv nicht das spätere Mordopfer, das Mädchen über Facebook angeschrieben und es sexuell so bedrängt, dass es wohl Nacktbilder von sich geschickt hatte. Es gab eine Anzeige, doch als die Ermittlungen gegen Unbekannt eingestellt wurden, wollten die Eltern auf eigene Faust weitersuchen.

Treffen mit Alkohol und Drogen

Als wieder ein Fremder - jetzt der junge Mann - Kontakt mit dem Kind aufnahm, glaubten sie, den "Richtigen" gefunden zu haben. Sie beschlossen, ihn zu bestrafen, wie Richter Bormann feststellte. Stunden vor dem Treffen, das eine Bekannte als Lockvogel an einem einsamen Weiher vereinbart hatte, trafen sich die Eltern mit dem Freund bei Alkohol und Drogen: "Spätestens jetzt beschlossen sie, ihn zu töten", sagte Bormann.

Schwer bewaffnet mit einem Bajonettmesser, Würgedraht und Schlagring seien sie in der Nacht zu dem einsamen Treffpunkt gegangen, den der Lockvogel mit sexuellen Versprechungen vereinbart hatte. Das Opfer müsse Verdacht geschöpft haben, habe kurz vorher den Treffpunkt verlegen wollen, dann aber eingelenkt. Der Vater habe dem Opfer das Messer sieben Mal in den Oberköpfer gerammt, sagte Bormann.

tkr/Elke Silberer / DPA