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Fahndung via Facebook: Wie zwei junge Frauen eine Baby-Entführerin fassten

"Helft uns bitte, unsere Tochter wurde gestohlen": Eine Kindsentführung hält die kanadische Polizei in Atem, am Ende entdecken zwei junge Frauen das Baby - via Facebook.

Von Christoph Fröhlich

Es ist kurz nach 19 Uhr, als eine Frau in roten OP-Klamotten das Zimmer von Mélissa McMahon im Trois-Rivières-Krankenhaus betritt. Zielstrebig geht sie zu der kleinen Victoria, der neugeborenen Tochter von Mélissa McMahon und ihrem Freund Simon Boisclair. Sie wickelt das Baby sanft in eine blaue Wolldecke, dann erzählt sie der Mutter, dass sie es nur kurz wiegen müsse und gleich zurückkehren würde. Doch die Frau in den roten Klamotten kommt nicht zurück. Schnell wird die junge Mutter stutzig, denn ihre Tochter - gut drei Kilogramm schwer - wurde bereits gewogen. Sie alarmiert das Krankenhaus-Personal, dann steht fest: Das Baby wurde gestohlen.

"Unser Baby wurde nach nur einem Tag gestohlen"

Die Mutter rennt zum Krankenhausausgang, doch es ist zu spät: Die Entführerin ist längst über alle Berge. Zeugen berichten, sie sei mit einem roten Toyota Yaris weggefahren. Dreist: Auf der Heckscheibe klebte ein Schild mit der Aufschrift "Baby an Bord". "Alle möglichen schrecklichen Szenarien geisterten durch meinen Kopf", erzählte McMahon später der "National Post". "Denn solche Situationen gehen nur selten gut aus."

Innerhalb weniger Minuten errichtet die Polizei Straßensperren und startet eine Suche via Radio, Fernsehen und auf allen Social-Media-Kanälen. "Helft uns bitte, unser Baby wurde nach nur einem Tag gestohlen", schreibt Simon Boisclair, der Vater des entführten Mädchens, in einem Facebook-Beitrag. Die Polizei liefert via Twitter eine Personenbeschreibung der vermeintlichen Täterin: Sie sei etwa 1,65 Meter groß, wiege 65 Kilogramm und fahre einen roten Yaris, twittert die Polizeibehörde aus Québec.

Vier junge Menschen werden zu Helden

Es sind spärliche Informationen, doch sie reichen, um die beiden Schwestern Mélizanne und Charel Bergeron auf die richtige Spur zu bringen. Gemeinsam mit zwei Freunden beschließen sie, sich in der warmen Sommernacht auf die Suche nach dem feuerroten Auto zu begeben. Doch als Mélizanne ihr Smartphone zückt und ein veröffentlichtes Bild der Krankenhaus-Überwachungskamera sieht, erkennt sie die Kidnapperin. "Sie war meine Nachbarin. Ich bin erst vor zwei Wochen weggezogen, also wusste ich genau, dass sie es war", sagte Mélizanne später dem Radiosender "Rouge 94.9 FM".

Als sie das Haus der ehemaligen Nachbarin erreichen, steht dort bereits der rote Yaris samt "Baby an Bord"-Aufkleber auf der Heckscheibe. Während einer der vier Erwachsenen versucht, vorsichtig an Tür und Wänden zu lauschen, ruft Mélizanne die Polizei. Wenige Minuten später treffen die Cops ein, brechen die Tür auf und entdecken das entführte Baby. Von der Entführung bis zur Rettung durch die Polizisten sind knapp drei Stunden vergangen.

Die vier Retter werden in Quebec nun als Helden gefeiert. "Es ging alles so schnell, aber sie [die Tochter, Anm. d. Red.] nach dreistündiger intensiver Suche endlich sicher in meinen Armen zu haben, fühlt sich sehr surreal an", schreibt McMahn in einem Facebook-Beitrag. Sie dankt "vier unglaublichen Leuten" und schließt mit den Worten: "Jeder Klick, jeder Share machte den Unterschied."

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