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Fall Amanda Todd und die Folgen: Auf den Selbstmord folgt die Selbstjustiz

Internet-Mobbing hat die Kanadierin Amanda Todd in den Selbstmord getrieben. Die Welt nahm Anteil an ihrem Schicksal. In die Suche nach dem Schuldigen mischen sich Aktivisten ein - mit fatalen Folgen.

Von Henrietta Reese

Seit sich die 15-jährige Amanda Todd nach jahrelangem Internet-Mobbing das Leben nahm, herrscht Aufregung im Netz. Die Polizei ermittelt, um den Mann zu finden, der Nacktbilder von Amanda im Netz verbreitete, was die fatale Entwicklung in Gang setzte, die letztlich zum Suizid des Teenagers führte. Die Ermittler halten sich angesichts fehlender Beweise mit Äußerungen zurück. Ganz anders die Internetaktivisten von Anonymous, die einen Mann an den Pranger gestellt haben - offenbar zu unrecht. Sie handelten damit kaum anders als jener Mann, der das weltweit beachtete Schicksal des kanadischen Mädchens auf dem Gewissen hat. Die Geschichte von Amanda Todd hat die Debatten um das Thema Internet-Mobbing wiederbelebt. Der Fall hat erneut gezeigt, dass in Zeiten von Facebook, Twitter und Co. das Internet einem Menschen das Leben zur Hölle machen kann.

Die Hacker von Anonymous glaubten schnell, den Täter gefunden zu haben. Sie verdächtigten einen 32-jährigen Mann aus der kanadischen Provinz British Columbia und stellten kurzerhand seine gesammelten Kontaktdaten online - vom Namen, über die Anschrift bis zu E-Mail Adresse und Facebook-Profil. Innerhalb weniger Stunden folgten reflexartig die Reaktionen, denen die Polizei kein Einhalt gebieten konnte. Ohne langes Zögern starteten Nutzer von sozialen Netzwerken eine Hetzjagd mit übelsten Beschimpfungen und Morddrohungen. Beweise brauchten sie nicht - den Aussagen Anonymous' schenkten sie vollen Glauben.

Und trieben die Hetzjagd selbst voran: "Du perverses Schwein. Viel Spaß im Knast, wo du in der Dusche vergewaltigt werden wirst. Du, deine Freunde und deine Familie seid alle verdammte Pädophile. Pass auf, wenn du auf die Straße gehst, man wird dich umbringen", lautete ein Kommentar auf der "Muzy"-Profilseite des Verdächtigen. Ein Nutzer unter dem Pseudonym "DuWirstSterben" schrieb: "Ich werde deine Tür eintreten und dich mit einer AR-15 erschießen. Das wird ein Riesenspaß für mich." Der Verdächtige stritt die Anschuldigungen ab und auch die Polizei konnte keinen Zusammenhang mit Amandas Selbstmord bestätigen. Vielmehr warnte sie eindringlich vor dieser unbedachten Selbstjustiz, die nicht nur die offiziellen Ermittlungen behindert, sondern auch ein Nachspiel für die illegale Verbreitung von Gerüchten haben kann.

Kein Einzelfall

Auch in Deutschland gab es bereits einen solchen Fall, als in Emden die elfjährige Lena ermordet wurde. Ein 17-Jähriger wurde als Tatverdächtiger festgenommen, kurze Zeit später aber für unschuldig erklärt. Genug Zeit jedoch, um eine Lynchkampagne im Internet ins Leben zu rufen. Ein 18-Jähriger rief über Facebook dazu auf, die Polizeiwache zu stürmen. "Lasst uns das Schwein tothauen", schrieb er. Kurze Zeit später stand er für diese Verleumdung vor Gericht und wurde zu zwei Wochen Jugendgefängnis verurteilt - was die Qualen des zu Unrecht beschuldigten kaum mildern konnte.

Andersrum zeigt ein Fall aus Österreich, wie fatal es sein kann, wenn Internet-Mobbing nicht ernst genommen wird. Bereits vor zwei Jahren stürzte sich der 13-jährige Joel vor einen Zug, nachdem vermeintliche Freunde auf seiner Facebook-Seite einen Link zu einem Schwulen-Porno posteten, daneben die Worte "Joel ist eine Schwuchtel". Das Landeskriminalamt spielte den Vorfall als "bösen Bubenstreich" runter. Das Video mit der Verlinkung zu Joel existiert bis heute im Netz.

All' diese Ereignisse machen einmal mehr deutlich, dass das Internet ein Raum ist, in dem Informationen schnell verbreitet, aber nur schwer wieder zurückzunehmen sind. Nutzer glauben ihre Anonymität gewahrt und überschreiten Grenzen, die sie in der Realität wie selbstverständlich einhalten. Das gilt in Amandas Fall sowohl für den Mann, der sie mit Nacktbildern unter Druck setzte, als auch für die Internet-Nutzer, die sich an der Hetzjagd auf womöglich Unschuldige beteiligen.

Er stand bereits wegen sexueller Belästigung vor Gericht

Kurz nach den ersten Anschuldigungen gegen den 32-Jährigen Kanadier postete ein Anonymous-Mitglied auf Twitter, dass ihnen ein Fehler unterlaufen sei, wie das Webmagazin Slate berichtet - was nicht mehr rückgängig machen konnte, dass der Mann durch die Hölle gehen musste. Es soll Unstimmigkeiten bei Adresse und persönlichen Angaben zu dem Täter gegeben haben, hieß es. Dieser sei 19 und nicht 32 Jahre alt. Zudem habe er bereits wegen eines Falls von sexueller Belästigung, unabhängig von Todd, vor Gericht gestanden, wie der kanadische Fernsehsender CTV berichtete. Der junge Mann soll dem Sender auch bestätigt haben, dass er Amanda gekannt habe, ihr aber im Gegensatz zu den Vorwürfen lediglich habe helfen wollen, den wahren Täter zu finden. Er habe den Ermittlern bereits die Identität eines Mannes aus New York verraten, der Amanda belästigt haben soll. Jeden Tag tauchen im Netz solche Hinweise zu möglichen Verdächtigen auf - allesamt bloße Spekulationen, die die Polizei nicht bestätigt, aber eben auch nicht verhindern kann.

Obwohl sie ein Mobbing-Opfer rächen wollen, greifen die selbst ernannten "Ermittler" selber zum Mobbing. So wendet sich ein Video, das von den Anonymous-Aktivisten stammen soll, direkt an den vermeintlichen Täter: "Wir vergessen nicht und wir vergeben nicht." Sie drohen dem Mann, den sie für Amandas Peiniger halten, sie wüssten, wie er heißt und wo er wohnt, sie verfolgen ihn. "Wenn Anonymous dich sucht, kannst du dich gleich umbringen, denn dann bist Du am Ende", heißt es in einem Kommentar unter dem Video. Mit ähnlichen Mitteln wurde Amanda in den Selbstmord getrieben.