Fall Ermyas M. "Ich kann nicht sagen: Die waren es nicht"


In Handfesseln, Augenbinden und Ohrschützern - so präsentierte die Bundesgeneralanwaltschaft zwei Männer der Weltöffentlichkeit. Die Botschaft: So ergeht es allen Rassisten, die einen Ausländer ins Koma prügeln. Das war im April 2006. Nun hat das Potsdamer Landgericht die beiden freigesprochen.
Von Gerhard Richter

Mit einem Energieausbruch reagierte der Hauptangeklagte auf die erlösenden Worte von Richter Michael Thies. Björn L. der 20 Verhandlungstage still sitzen und schweigen musste, war wie befreit. Zuvor hatte der 32-jährige Fahrer, Fensterputzer und Türsteher nur nervös mit dem Fuß gewippt, nach dem Schluss der Verhandlung sprang er auf, umarmte seinen Anwalt und lief zum Richtertisch. Per Handschlag bedankte er sich bei den Beisitzern, der Protokollantin und den beiden Staatsanwälten. Zuletzt schüttelte er dem Vorsitzenden Richter Michael Thies die Hand.

Endgültig frei

Der Vorsitzende Richter hatte Björn L. um 10.40 Uhr aus der Täter-Rolle entlassen. Die Indizien, die teils mühsam, teils schlampig zusammengetragen worden waren, ergeben "keine tragfähige Beweiskette", hatte der stets besonnene Richter den Freispruch begründet. Eine Tatbeteiligung könne nicht bewiesen werden. Der Haftbefehl ist aufgehoben, und den Angeklagten stünde eine Entschädigung für die Zeit in der Untersuchungshaft zu. Die Staatsanwaltschaft verzichtet noch im Gerichtssaal auf Rechtsmittel. Thomas M. und Björn L. sind endgültig frei.

Möglicherweise belästigt

Somit muss es jemand anderes gewesen sein, der damals in der Osternacht 2006 an der Potsdamer Straßenbahnhaltestelle Charlottenhof auf den betrunkenen und schlecht gelaunten Deutsch-Äthiopier Ermyas Mulugeta traf, der seiner Frau gerade zärtliche Schimpfworte auf die Mailbox lallte. Ein anderer näherte sich dem 1,96 großen Farbigen mit langen Rastazöpfen so, "dass sich Herr Mulugeta möglicherweise belästigt fühlte", wie Richter Thies einräumt. Ein anderer war es, der Mulugetas "geh mal anders rum, Schweinesau" mit hoher Falsettstimme und mit "Drecksnigger" konterte, ohne zu ahnen, dass seine Stimme gerade auf einer Mailbox mitgeschnitten wurde. Ein anderer beendete das nachfolgende Gerangel mit einem wuchtigen Faustschlag, und ein anderer ließ das lebensgefährlich verletzte Opfer am Straßenrand liegen. Wer auch immer es war, Björn L. war es nicht, auch wenn einige Zeugen seine Stimme auf der Mailbox erkannt haben wollen.

"Behandelt wie Schlachtvieh"

Fünf Monate lang hatte er den Prozess über sich ergehen lassen, ohne etwas zu sagen. Aber jetzt sprudelt es aus Björn L. heraus, immer mehr Reporter wenden sich ihm erstaunt zu, während er mit seiner gutachterlich attestierten Grundfrequenz von "über 200 Hertz und virtuosen Wechseln zwischen Kopf und Brustimme" den Frust herauslässt, so schnell und so viel auf einmal, das man kaum etwas davon verstehen kann. Er redet über die ungerechte Behandlung, die falsche Verdächtigung und die brutale Festnahme durch ein Sondereinsatzkommando. "Ich wurde behandelt wie Schlachtvieh", sagt er wütend. Ein Piercing sei ihm aus der Brustwarze herausgerissen worden, die Narbe habe er noch immer. Fünf Monate saß er zu Unrecht in Untersuchungshaft, seinen Job habe er verloren und finanziell gehe es ihm sehr schlecht, sagt er. Da tröstet auch die Haftentschädigung von 11 Euro pro Tag nicht. Erstmal wolle er Ruhe finden.

Fremdenfeindliches Motiv möglich

80 Zeugen und acht Sachverständigen war es nicht gelungen, die Vorgänge in der Tatnacht vollständig aufzuklären. Deswegen bietet der Fall Ermyas M. nach wie vor verschiedene Deutungsmöglichkeiten. Weil nun wieder die Täter fehlen, ist auch das Tatmotiv wieder interpretierbar geworden. "Ein fremdenfeindlicher Hintergrund ist möglich, auch nicht abwegig", sagt Richter Thies abschließend, "aber: Wir wissen es nicht."

Schlichtweg voreilig sei es deshalb gewesen, kurz nach der Tat ein rassistisches Motiv zu unterstellen. Insofern bekommt der Fall Ermyas M, der von Anfang an hitzige Debatten über No-Go-Areas und Ausländerfeindlichkeit im Osten ausgelöst hat, wieder eine politische Dimension. In seinem Resümee nach der Urteilsbegründung sagte Richter Thies der versammelten Presse, diese große Hysterie nach der Tat sollte sich möglichst nicht wiederholen. Gerade wegen der deutschen Vergangenheit, solle man bei Leuten, die die Werte des Grundgesetzes nicht verinnerlicht haben, genau hinsehen, aber bitte nicht blindlings alles verurteilen, was auf den ersten Blick so aussieht.

Lauter Mist

Björn L. genannt Pieps, rattert den Reportern noch ein paar Satz-Salven in die Notizblöcke. Medienschelte. Was er während seiner Zeit in der U-Haft alles lesen musste. Er schüttelt den Kopf. "Lauter Mist. Nur weil die Wahrheit nicht in euer Muster gepasst hat." Alle schreiben mit.

Ermyas Mulugetas Gesicht ist von den Scheinwerfern der Fernsehkameras erhellt, vor seinem milchkaffeebraunen Hemd rangeln auf Krawattenhöhe die bunten Mikrofone um jedes seiner Worte. "Er fühle sich ausgeglichen", sagt er. Mit dem Urteil sei er einverstanden. Das Verfahren habe ihm sehr geholfen. Ob er immer noch glaube, dass die beiden Angeklagten auch die Täter seien, will man von ihm wissen. "Ich kann nicht sagen: die waren es nicht."


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