HOME

Fall Fourniret: Die unterwürfige Komplizin

Michel Fourniret, dem Gutachter in den 80er Jahren eine Besessenheit vom Thema der Jungfräulichkeit bescheinigt hatten, faszinierte Monique Olivier. Nun werden beide dort enden, wo ihre Beziehung begann: im Gefängnis.

Sie hat sich ihn ausgesucht, sie hat sich ihm unterworfen und sie hat ihn am Ende verraten. Monique Olivier wurde das Schicksal von Michel Fourniret so wie der mutmaßliche Serienmörder zu ihrem Schicksal wurde. Nun werden voraussichtlich beide dort enden, wo ihre Beziehung begann: im Gefängnis.

Die geschiedene 55-Jährige hatte nach übereinstimmenden Presseberichten aus eigenem Antrieb in den 80er Jahren mit Fourniret Kontakt aufgenommen, als dieser wegen Vergewaltigung von Minderjährigen im Gefängnis saß. Am Anfang stand eine Kleinanzeige in einem katholischen Blatt. Es folgten Briefe, dann besuchte die dunkelhaarige Französin ihn im Gefängnis von Fleury Mérogis. Der intelligente Mann, dem Gutachter schon damals eine gefährliche Besessenheit vom Thema der Jungfräulichkeit bescheinigt hatten, faszinierte sie.

Hilfe bei der Jagd nach Opfern

Nach seiner Verurteilung und Haftentlassung 1987 zog Olivier mit Fourniret zusammen und heiratete 1989 den zwei Mal geschiedenen Vater von vier Kindern. Zu dieser Zeit war sie bereits lange zu seiner Komplizin geworden. Schon im Jahr der Haftentlassung half sie ihm nach eigenen Aussagen auf der Jagd nach Opfern. An mindestens sechs von Fournirets Morden soll Olivier nach Informationen der Zeitung "Le Parisien" beteiligt gewesen sein. Bislang hat der 62-Jährige neun Morde gestanden.

Olivier gab zunächst nur eine passive Beteiligung zu. "Ich war dabei", sagte sie zur Ermordung der 13-jährigen Natacha 1990. "Ich saß im Lastwagen. Er hat sie vergewaltigt, erdrosselt und anschließend ins Wasser geworfen." Doch Olivier half nach späterer Aussage ihrem Gatten auch beim Ködern und Fangen der Opfer. 1988 setzte sie sogar ihr gemeinsames Kleinkind ein, um ein Mädchen unter dem Vorwand in ihr Auto zu locken, es solle sie zum Arzt führen. "Sie war vielleicht genauso pervers wie er", erklärte Philippe Morandini von der belgischen Staatsanwaltschaft dem "Figaro". Im Verhör soll die intelligente Frau kein Zeichen des Bedauerns geäußert haben.

"Sie stand unter seinem Bann"

Was Monique Olivier wirklich antrieb, müssen psychiatrische Gutachten und das Gericht klären. Doch alle Zeugen sind sich einig: Die traurig aussehende Frau hatte sich ihrem Mann unterworfen. Fourniret, der vom französischen Staatsanwalt Yves Charpenel als "Schachspieler" bezeichnet wird, der immer die Kontrolle behalten will, hatte das Sagen. Fourniret habe seine Frau "ausgesaugt" und sei ihr Bezugspunkt gewesen, sagt Charpenel. "Sie stand unter seinem Bann, aber sie war einverstanden", meint auch Morandini.

Doch am Ende lieferte Olivier ihren Mann an die Justiz. Als Grund wird der Ausgang des spektakulären Dutroux-Prozesses in Belgien vermutet: Die Frau des Kinderschänders Marc Dutroux, Michelle Martin, wurde nicht nur als Mitwisserin, sondern als Komplizin zu langer Haft verurteilt. Vielleicht wollte Olivier nicht genauso enden. Vielleicht hatte sie aber auch Angst vor Fournirets Rückkehr. Der Triebtäter war nach der Flucht eines seiner Opfer bereits in Haft. "Sie fürchtete vor allem eine mögliche Freilassung Fournirets bei der Anhörung", erklärte ihr Anwalt Pierre Barthélemy dem "Parisien". Fourniret dankte ihr trotzdem "für ihre Ergebenheit".

Fall nährt Zweifel an der Justiz

Die Ergreifung des mutmaßlichen Serienmörders nährt in Frankreich die sowieso starken Zweifel an der Justiz in Europa. Ein schwerer Verdacht drängt sich auf: Viele Bluttaten hätten vermieden werden können, wenn die Behörden die dem Sexualtäter früh attestierte Gefährlichkeit ernster genommen und ihr Wissen über die Grenzen ausgetauscht hätten.

Bereits vor Fournirets erstem gestandenen Mord hatten Psychiater den intelligenten Gelegenheitsarbeiter 1986 als gefährlichen Triebtäter beschrieben. Fourniret habe eine "komplexe Neurose" und sei negativ besessen vom Thema der Jungfräulichkeit, heißt es nach einem Bericht der Sonntagszeitung "Le Parisien Dimanche" in dem Gutachten. Schon bald darauf sollte der Neurotiker "Jagd auf Jungfrauen" machen.

Das Gutachten gehört zum Verfahren, in dem Fourniret 1987 wegen Vergewaltigungen zu sieben Jahren (zwei auf Bewährung) verurteilt wurde. Noch im selben Jahr kam der Triebtäter bei Anrechnung der Untersuchungshaft frei und hat nach eigenen Aussagen mit dem Morden begonnen. Während er später in Belgien seine Opfer suchte, bekam er dort sogar zeitweise eine Anstellung als Schulaufsicht. Das nötige polizeiliche Führungszeugnis fiel positiv aus, weil seine Verurteilung in Frankreich unbekannt war: Es gibt kein europäisches Vorstrafenregister.

"Ich will, dass man mir erklärt, warum die französische Justiz versagt hat", erklärte Dahina Le Guennan "Le Parisien Dimanche". Dahina war 14 Jahre alt gewesen, als Fourniret sie vergewaltigte. "Michel Fourniret wurde zu lächerlichen Strafen verurteilt, obwohl er Wiederholungstäter war." Vor den Ermittlern habe Fourniret damals 17 Sexualstraftaten zugegeben; verurteilt worden sei er wegen fünf. "Einige Mädchen haben ihre Klagen zurückgezogen", sagte sie. Die Staatsanwaltschaft habe die Verbrechen als Vergehen einstufen wollen, doch ihre Mutter habe das verhindert. "Am Ende des Prozesses sagte meine Mutter, dass er weitermachen würde, sobald er wieder frei ist. Die Justiz hat ihr nicht zugehört", sagte Dahina verbittert.

"Verurteilte strikter kontrollieren"

Doch jetzt ist die französische Regierung aufgeschreckt. Das erst im März geschaffene Register der Sexualtäter reiche nicht aus, sagte Justizminister Dominique Perben dem "Figaro" (Wochenendausgabe). Er betonte zwar, Fourniret habe seine Strafen abgesessen und wies auf jüngste Skandale wegen ungerechtfertigter langer Untersuchungshaft hin. Doch Perben schlug auch vor, "die gefährlichsten Verurteilten strikter zu kontrollieren", zum Beispiel mit elektronischen Armbinden.

Dies setzt allerdings voraus, dass die Justiz die Gefährlichkeit des Täters erkennt. Fourniret wurde vor einem Jahr in Belgien festgenommen, weil sein letztes Opfer fliehen und ihn identifizieren konnte. Doch der Fall wäre als Entführung abgeschlossen worden, wenn Fournirets Frau Monique Olivier nicht am Mittwoch vergangener Woche der erstaunten Polizei von den Morden ihres Mannes erzählt hätte. Wie schon in den 80er Jahren packte Fourniret im Verhör schnell emotionslos aus. Es hatte ihn nur vorher keiner gefragt.

Hans-Hermann Nikolei/DPA / DPA