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Fall Jonathan H.: Ein Mordopfer zum Geburtstag

Jonathan H. wurde bei lebendigem Leib kastriert, seine Leiche zerstückelt und weggeworfen. Der Täter war ein guter Freund - er schenkte sich den Mord zum Geburtstag. Jetzt wird das Urteil erwartet.

Von Kerstin Herrnkind und Sebastian Schneider

Der Arm liegt am Ufer der Weißen Elster im Gras. Er ist angewinkelt, bläulich verfärbt und spindeldürr. Nur noch Haut und Knochen. Ein Pilzsammler hat ihn an einem trüben Sonntagnachmittag im November des vergangenen Jahres unweit des Palmengartens in Leipzig entdeckt und die Polizei alarmiert.

Kurz darauf bergen die Polizisten einen zweiten Arm, der nur ein paar Meter vom Ufer entfernt im Wasser schwimmt. Wie der erste ist auch dieser Arm sauber vom Schultergelenk abgetrennt worden. Trotzdem denken die Beamten im ersten Moment an einen Selbstmörder. Die Weiße Elster, die kilometerweit durch Leipzig fließt, zieht immer wieder Lebensmüde an. Und wenn die leblosen Körper durch die starke Strömung über eines der Wehre geschwemmt werden, kommt es vor, dass Arme und Beine vom Rumpf abgetrennt werden.

Dann allerdings, als sich die Polizisten die Arme genauer ansehen, erkennen sie: Alle zehn Fingerkuppen sind abgehackt worden. Jemand wollte offenbar die Identität der Leiche verschleiern. Und am nächsten Morgen finden Polizeitaucher, etwa 100 Meter von der ersten Fundstelle entfernt, unter der viel befahrenen Zeppelinbrücke, einen verstümmelten Torso im Schlick.

Der Tote ohne Identität

Die Mordkommission gleicht alle Vermisstenfälle in Deutschland ab. Ohne Ergebnis. Auf keinen Vermissten passt das Wenige, was die Gerichtsmediziner über das Opfer sagen können: Es handelt sich um einen jüngeren Mann, mittelgroß, sportlich, schlank mit schwarzem Haar. "Ein gruseliges Puzzle, das noch nicht gelöst ist", sagt ein Polizeisprecher. Als zwei Wochen nach dem Fund die Identität des Opfers noch immer nicht geklärt ist, setzt die Leipziger Polizei eine Belohnung von 5000 Euro aus.

Eine Woche später meldet sich Maria B. bei der Polizei. Sie vermisst Jonathan H. Ihr Bekannter habe Anfang November mit ihr und ein paar Freunden aus der Leipziger Manga-Szene nach Bayern zu einer so genannten "Cosplay-Convention" fahren wollen. Bei dieser Art des Kostümfestes verkleiden sich die Akteure und spielen Charaktere aus japanischen Manga-Comics und Zeichentrickserien nach.

Obwohl Jonathan H. dafür 150 Euro Eintrittsgeld angezahlt hatte, hatten seine Freunde vergeblich am Leipziger Hauptbahnhof auf ihn gewartet, erzählt Maria B. den Beamten. Ihre Beschreibung passt zu dem Toten vom Elsterufer: Jonathan H. war 23 Jahre alt, sportlich, schlank. Der Halbvietnamese hatte schwarzes Haar.

Tatsächlich scheint die Wohnung des jungen Mannes seit längerer Zeit unbewohnt. Die Kripo stellt eine Zahnbürste, ein T-Shirt und Ess-Stäbchen von Jonathan H. sicher, um DNA-Proben zu nehmen. Die Beamten finden einen maschinengeschriebenen Brief, vorgeblich von Jonathan H.: "Ich habe keine Lust, Teil dieses Systems zu werden, das ich nicht mag. Deshalb habe ich mich mit einem Freund von außerhalb getroffen, bei dem ich vorläufig unterkomme", steht darin. Doch eine Analyse der DNA schafft Gewissheit. Jonathan H. ist nicht abgehauen. Er ist der zerstückelte Tote aus der Weißen Elster.

Kein enger Kontakt zur Familie

Schnell rekonstruiert die Kripo, warum ihn außer seinen Freunden aus der Manga-Szene niemand vermisst hat. Jonathan H. ist das ungewollte Kind einer Deutschen und eines Vietnamesen. Seine Eltern trennen sich noch vor der Geburt ihres Kindes. Jonathan H. lernt seinen leiblichen Vater, der inzwischen wieder in seiner Heimat lebt, nie kennen. Die Mutter erzieht ihren Sohn streng religiös und schottet sich und ihr Kind von Verwandten ab. "Der Junge durfte nicht mal einen Gameboy haben", erinnert sich ein ehemaliger Nachbar. "Für sie war das Teufelszeug".

Als der Sohn in die Pubertät kommt, verschlechtert sich das Verhältnis zusehends. Die Mutter schickt Jonathan H. - der als hochintelligent gilt - auf ein christliches Internat, 60 Kilometer südlich von Leipzig. Seine Mitschüler wundern sich zunächst über "diesen ulkigen Typen". Jonathan H. wirkt etwas ungelenk und zerstreut. Er ist ein Computerfreak und interessiert sich brennend für Physik. Oft sitzt er in der Schulbibliothek und brütet über Fachbüchern, ist so vertieft, dass er den Unterrichtsbeginn verpasst. "Er kam eigentlich immer fünf Minuten zu spät", erzählt ein Mitschüler.

Doch Jonathan H. ist kein unbeliebter Streber. Im Gegenteil. Seine Klassenkameraden mögen ihn, auch wenn er in einer anderen Welt zu leben scheint. "Er war zuvorkommend, hat nie schlecht über andere geredet oder auch nur Schlechtes im Sinn gehabt", erinnert sich ein ehemaliger Mitschüler. "Es war ihm einfach nicht gegeben, das Schlechte in der Welt zu sehen. Vielleicht ist ihm das zum Verhängnis geworden."

Liebenswert und chaotisch

2008 macht Jonathan H. Abitur. Doch er kann sich nicht entscheiden, was er mit seinem Leben anfangen will. "Ich interessiere mich einfach für zu viele Dinge, als dass ich mich festlegen könnte", sagt er zu einer Freundin. Jonathan, der liebenswerte Chaot, hat Schwierigkeiten, seinen Alltag zu regeln, Termine einzuhalten, pünktlich zu sein. Er jobbt gelegentlich in der IT-Branche, verbringt ganze Tage am Computer, programmiert ein Spiel, das er nie zu Ende führt.

Er vertieft sich in die Abenteuer des Manga-Helden "Naruto", dessen größter Traum es ist, der beste Ninja seines Dorfes zu werden. Einmal im Monat trifft sich Jonathan H. mit anderen Manga-Fans bei McDonalds am Leipziger Hauptbahnhof. "Er kam immer mit einem Lächeln herein", erinnert sich Nicole B., eine Freundin. "Er war freundlich, ehrlich, völlig frei von Missgunst. Einfach ein unheimlicher lieber Kerl." Bei einer Cosplay-Veranstaltung animiert ihn eine Freundin, ein Frauenkleid überzuziehen. Jonathan habe sich zuerst geziert, erinnert sie sich. Aber dann sei er doch in das schwarz-weiße Kleid geschlüpft und habe sich fotografieren lassen. "Das war ein Gag", betont Nicole B. "Jonathan ist nicht, wie später geschrieben wurde, dauernd in Frauenkleidern rumgelaufen."

Dass Jonathan H. auf Männer steht, wissen nur wenige. Er verheimlicht seine Homosexualität zwar nicht, geht damit allerdings auch nicht offensiv um. Auf einer Geburtstagsparty lernt er den gleichaltrigen Benjamin H. kennen. Sie verstehen sich auf Anhieb. Beide sind introvertierte Computerfreaks, die mit dem Alltagsleben so ihre Schwierigkeiten haben.

Der Täter wurde gemobbt

Benjamin H., ein rothaariger, blasser, hagerer Typ mit Brille und fliehendem Kinn, stammt aus Arnstadt in Thüringen. Er wächst bei seinen Eltern in einem rotgetünchten Plattenbau auf. Er stottert, seine Mitschüler hänseln ihn wegen seines Sprachfehlers. Das Gymnasium muss Benjamin H. wegen schlechter Noten verlassen. Danach beginnt er eine Bäckerlehre. Er wirkt menschenscheu und ein wenig abgehoben. "Er träumte von einer Karriere als Science-Fiction-Autor", erinnert sich sein ehemaliger Lehrmeister. Nach zwei Jahren bricht Benjamin H. die Lehre ab. Er zieht nach Leipzig und fängt eine zweite Ausbildung zum Physiotherapeuten an. Jonathan und Benjamin H. verbringen viel Zeit miteinander. Sitzen vor dem Computer. Kochen gemeinsam. Auf den ersten Blick eine enge Freundschaft. Doch Benjamin H., der eine Vorliebe fürs Morbide hat, will - so wird es die Staatsanwaltschaft später in ihrer Anklage schreiben - einen Menschen sterben sehen. Seine Mordfantasien hält der junge Mann auf einem Tonband fest, das später bei ihm sichergestellt wird.

Benjamin H. spricht davon, einen Homosexuellen töten zu wollen. Den Kopf seines Opfers will Benjamin H. zertrümmern und im Wald vergraben. Um seinen Plan zu verwirklichen, knüpft Benjamin H. Kontakt zu Homosexuellen. Er versucht, einen jungen Mann in seine Wohnung zu locken. Als dies misslingt, fällt seine Wahl auf seinen besten Freund Jonathan, von dem Benjamin H. weiß, das er homosexuell ist.

Der Mord als Geburtstagsgeschenk

Am 12. Oktober 2011 wird Benjamin H. 23 Jahre alt. Den Mord - so wird es später in der Anklage stehen - will er sich zum Geburtstag schenken. Er lädt Jonathan in seine Leipziger Altbau-Wohnung ein. Alles ist sorgfältig arrangiert. Seine Mitbewohnerin ist nicht zuhause. Laut Anklage schlägt Benjamin H. sein ahnungsloses Opfer bewusstlos und fesselt es. Er vergewaltigt und kastriert Jonathan, danach sticht Benjamin H. mindestens 22 Mal auf seinen Freund ein. Etwa 20 Minuten soll der Todeskampf gedauert haben. Die Leiche zerstückelt Benjamin H. mit einem Sägemesser. Er steckt die Leichenteile in Müllsäcke und wirft sie in die Weiße Elster.

Anfang Dezember 2011, nachdem die Leiche als die von Jonathan H. identifiziert ist, treffen sich fast 100 Freunde und Bekannte aus der Leipziger Manga-Szene zu einem Trauermarsch. Am Fundort von Jonathans Leiche zünden sie Kerzen an. Boulevard-Zeitungen haben inzwischen Jonathans Foto im Frauenkleid veröffentlicht. Das Mädchen, das ihn damals aus Spaß animiert hat, das Gewand anzuziehen, macht sich Vorwürfe und weint bitterlich.

Die Kripo durchleuchtet das Umfeld von Jonathan H. Die Ermittler stoßen auch auf seinen Freund Benjamin H. und laden ihn als Zeugen vor. Mehrere Male entschuldigt er sich bei der Polizei per Email, irgendwann meldet er sich gar nicht mehr. H. meldet sich beim Einwohnermeldeamt ab, ohne eine neue Adresse zu hinterlassen. Er taucht in Kassel bei einem Freund unter, den er im Internet kennengelernt hat. Mitte Dezember melden ihn seine Eltern als vermisst.

In Benjamin H.s Dachwohnung sichert die Kripo im Bad und in der Küche Blutspuren von Jonathan H. Und auch auf dessen vermeintlichem Abschiedsbrief, der in seiner Wohnung gefunden wurde, werden DNA-Spuren von Benjamin H. nachgewiesen. "Wir haben bei den Ermittlungen alles ausgeschöpft, was uns die Strafprozessordnung bietet", wird ein Sprecher der Leipziger Polizei später sagen.

Dem Täter auf der Spur

Eine alte Handyrechnung von Benjamin H. verrät, dass er vor seinem Verschwinden häufig mit einem Mann aus Kassel telefoniert hat. Die Kripo lässt dessen Telefon überwachen. Bei einem Gespräch hören die Beamten, dass im Hintergrund ein Mann stottert: Benjamin H. Mitte April, fast fünf Monate nach dem grausigen Fund im Elsterbecken, wird der 23-Jährige in Kassel verhaftet. Widerstandslos lässt sich Benjamin H. abführen. Im Polizeiwagen sagt er: "Es tut mir unendlich leid".

Vor Gericht wirkt Benjamin H. meist teilnahmslos. Er trägt das weiße Hemd über seiner schwarzen Hose, geht leicht gebeugt, weicht den Blicken der Richter aus, spricht leise. Die meiste Zeit sitzt er in sich zusammengesunken zwischen seinen beiden Verteidigern. Der Kopf hängt tief zwischen seinen Schultern, er starrt auf die Tischplatte. Er widerruft sein Geständnis, bestreitet, Jonathan H. kastriert und vergewaltigt zu haben. Auf einem Video, das seine Anwälte im Knast gedreht haben und bei dem Prozess unter Ausschluss der Öffentlichkeit vorgeführt wird, gesteht er schließlich doch. Nur das Motiv für die grausige Tat bleibt im Dunklen. Benjamin H. behauptet, er sei als Junge von einem Homosexuellen missbraucht worden. Wollte er sich dafür an seinem Freund rächen?

Der Gutachter hat ihm eine "schizoide Persönlichkeitsstörung" attestiert. Benjamin H. wird vermutlich die nächsten Jahre seines Lebens in der Psychiatrie verbringen. Seine Anwälte Jens Mader und Mario Seydel halten ihren Mandanten für schuldunfähig, fordern einen Freispruch. Allerdings wollen sie Benjamin H. in der Psychiatrie untergebracht wissen. Das will auch die Staatsanwältin - sie fordert allerdings eine lebenslängliche Verurteilung wegen Mordes. Heute um 13 Uhr will das Landgericht Leipzig sein Urteil fällen.

Jonathan H. konnte noch immer nicht beerdigt werden. Sein Kopf ist immer noch verschwunden.