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Fall Kalinka: Mordprozess in Paris kann doch starten

Ein Mädchen stirbt, der Täter wird nie gefunden. Damit sich das ändert, lässt der Vater der Toten den Hauptverdächtigen nach Paris entführen. Dort beschloss das Gericht nun: Der ungelöste "Fall Kalinka" wird verhandelt.

Von Claus Lutterbeck, Paris

Bis spät in die Nacht hatten die drei Richter beraten, am Mittwochmorgen dann gab die Vorsitzende Richterin Xavière Siméoni ihre mit Spannung erwartete Entscheidung bekannt: Der Prozess gegen den wegen Mordes angeklagten deutschen Kardiologen Dieter Krombach kann stattfinden. In ihrer fast einstündigen Begründung am zweiten Verhandlungstag wies sie alle Einwände seiner Verteidiger zurück.

Die beiden Pariser Anwälte Yves Levano und Christophe Ohayon hatten das Schwurgericht in Paris gebeten, den Europäischen Gerichtshof in Luxemburg prüfen zu lassen, ob Krombach überhaupt in Frankreich vor Gericht stehen darf. Denn ihrer Meinung nach war der Arzt, dem vorgeworfen wird, vor fast 29 Jahren seine Stieftochter Kalinka in Lindau umgebracht zu haben, "definitiv von einem deutschen Gericht für unschuldig" befunden worden. Nach dem in Europa geltenden Grundsatz "non bis in idem", wonach man nicht zweimal für ein Verbrechen verurteilt werden kann, sei ihr Mandant schon 1984 "definitiv frei gesprochen" worden. Tatsächlich hatte es das Oberlandesgericht München 1984 abgelehnt, ein Ermittlungsverfahren gegen Krombach einzuleiten, weil die genaue Todesursache nicht mehr festzustellen war. War das ein Freispruch?

Nein, sagte heute das Pariser Gericht und wies den Antrag mit der Begründung zurück, der Beschluss des Münchener Gerichts sei "nicht als definitive Entscheidung zu bewerten". Auch die Tatsache, dass Krombach gegen seinen Willen nach Frankreich verschleppt worden war, ließen die Richter nicht als Hinderungsgrund gelten, gegen den seit 18 Monaten in Untersuchungshaft sitzenden Arzt zu verhandeln. Anwalt Levano hält es für einen "Skandal", dass "Frankreich gegen einen Mann verhandelt, der mit Gewalt auf sein Gebiet verschleppt wurde". Das ebne den Weg zur Selbstjustiz, klagte er. Fortan könne jeder, der glaube, er bekomme sein Recht nicht, "andere Menschen von professionellen Kidnappern" entführen lassen, die französische Justiz öffne dafür den Weg.

Wahrheit bleibt im Dunkeln

Krombach, 75, der sich auf eine Krücke stützt und humpelt, wenn er den schusssicheren Glaskasten für die Angeklagten betritt, beteuerte auf französisch seine Unschuld: "Ich möchte betonen, dass ich nicht schuldig bin und dass ich Kalinka nicht vergewaltigt und umgebracht habe." Ihm gegenüber, auf der Bank der Kläger, sitzen der Vater von Kalinka, André Bamberski, und die Mutter, Danielle Gonnin. Sie hatte Mitte der siebziger Jahre ein Verhältnis mit Krombach begonnen, dann ihren Mann André verlassen und war mit den Kindern Kalinka und Nicolas zu ihm an den Bodensee gezogen. Sie war in der Nacht, in der Kalinka starb, im Hause. Und sie hat bis vor kurzem die Unschuld von Krombach beteuert. Als sie aber 2010 im Laufe der Ermittlungen erfuhr, dass Krombach sie damals auch mit der minderjährigen Tochter der Nachbarin betrogen hatte, trat sie ebenfalls als Nebenklägerin auf. Mit der Presse redet sie nicht, stumm sitzt sie vor einem Aktenberg, die Arme verschränkt.

Zwar sitzen sich die drei Hauptakteure der Tragödie nun Auge in Auge gegenübe, doch sie würdigen sich keines Blickes. Nur Krombach schaut ab und zu durch die Panzerglasscheiben hinüber auf die Klägerbank. Da sitzen André Bamberski und seine Ex-Frau keine drei Meter auseinander und behandeln sich wie Luft - sie haben sich schon seit Jahren nichts mehr zu sagen. Ihre gemeinsame Tochter Kalinka, die unter bis heute nicht geklärten Umständen zu Tode kam, ist seit fast 29 Jahren tot. Und ob es den drei Richtern und neun Geschworenen in Paris gelingen wird, den Fall aufzuklären, ist die große Frage.

Er beschäftigt seit 1982 eine Unzahl von europäischen Gerichten, Gutachtern und Medizinern. Nur eines haben sie nie geschafft: der Wahrheit über einen höchst verdächtigen Todesfall näher zu kommen. Ein Pariser Gericht verurteilte Krombach 1995 wegen "Körperverletzung mit Todesfolge" zur Höchststrafe von 15 Jahren Gefängnis. Doch das Verfahren hatte einen schwer wiegenden Fehler - es fand ohne den Angeklagten statt. Deutschland weigerte sich damals, Krombach auszuliefern, weil es den Prozess für rechtswidrig hielt. Seither wurde Krombach per Haftbefehl gesucht, Deutschland lieferte nicht aus, Frankreich ließ ihn nie vollstrecken. Bis Bamberski das Recht in seine Hand nahm und Krombach von drei angeheuerten Kidnapppern nach Frankreich entführen ließ.