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Fall Kampusch: Nataschas lange Flucht zurück ins Leben

Acht Jahre hat Natascha Kampusch in der Gewalt eines Entführers verbracht. Acht Jahre musste sie in einem Verlies leben. Acht Jahre traf sie kaum einen anderen Menschen als ihren Entführer. Im August gelang ihr die Flucht - in die Freiheit und den Medienrummel.

Als das Handy von Wolfgang Priklopil klingelte, saugte Natascha Kampusch gerade vor dem Haus sein Auto aus. Einige Meter entfernte er sich nur, damit der laufende Staubsauger ihn nicht beim Telefonieren stört. Diese Gelegenheit nutzte Natascha und floh nach acht Jahren aus der Gewalt ihres Entführers, der sich wenige Stunden später selbst tötete.

Doch es war nicht nur die Freiheit, die sie erwartete. Der Medienrummel, der auf ihre Flucht im August folgte, dürfte in Österreich bisher einmalig sein. Die Geschichte des zehnjährigen Mädchens, das auf dem Weg zur Schule entführt wird und dann acht Jahre lang in einem versteckten Verlies eingesperrt ist, schockierte und interessierte Menschen auf der ganzen Welt.

Mutmaßungen schossen ins Kraut

So bildeten schon bald nach den Verhören durch die Polizei Psychologen und Medienprofis einen Beraterstab um die junge Frau, die auch nach dem Ende ihrer Entführung in kein "normales" Leben entlassen wurde: zu zahlreich waren die Interviewanfragen und schnell schossen die Mutmaßungen ins Kraut.

Gab es eine sexuelle Beziehung zwischen dem Entführer und seinem Opfer? Wenn ja, wie sah diese aus? Wie waren die Familienverhältnisse vor Nataschas Entführung? Hatten Nataschas Eltern ihr Kind womöglich missbraucht? Ein Fernsehinterview im österreichischen Fernsehen sollte einerseits das Medieninteresse befriedigen, andererseits Natascha Kampusch vor allzu privaten Fragen schützen und vor allem den Spekulationen auch über intimste Details ihrer achtjährigen Gefangenschaft Einhalt gebieten.

Souveränität oder schützende Fassade?

Das Interview löste eine Diskussion über den psychischen Zustand der jungen Frau aus. Die Souveränität von Natascha Kampusch ließ außen stehende Psychologen im Unklaren darüber, was für psychologische Folgen haben würde: Hatte Natascha das Martyrium tatsächlich so gut überstanden? Oder hat sie im Fernsehen nur eine Fassade gezeigt, um sich selbst zu schützen? Es waren die Versuche der Experten, einen Fall zu deuten, der beispiellos war.

Natascha Kampusch hatte genug gesagt. Sie bezog eine kleine Wohnung in Wien und zog sich so weit es ging aus der Öffentlichkeit zurück. Erst Mitte Dezember folgte ein zweites Interview, in dem deutlich wurde, dass sich hinter der Fassade einer durch viele Interviews und ständigen Medienrummel geprüften Person eine junge Frau verbirgt, die ein Großteil ihrer Jugend in ständiger Angst um ihr Leben verbrachte. Die Anpassung an die Wirklichkeit und den Umgang mit anderen Menschen scheinen ihr schwer zu fallen. Ihre Flucht ist noch nicht zuende.

Thomas Krause