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Fall Lea-Sophie: Heftige Vorwürfe gegen das Jugendamt

Die fünfjährige Lea-Sophie aus Schwerin ist möglicherweise auch verhungert, weil das zuständige Jugendamt versagt hat. Interne Notizen der Behörde dokumentieren deutliche Verstöße gegen die eigenen Vorschriften zum Kindeswohl.

Vor dem Hungertod der fünfjährigen Lea-Sophie im November in Schwerin hat es nach Informationen der "Schweriner Volkszeitung" schwere Versäumnissen der städtischen Behörden gegeben. So zeigten die zögerlich und nur intern freigegebenen Notizen der mit dem Fall befassten Jugendamtsmitarbeiter "deutliche Verstöße gegen die seit drei Jahren geltende Dienstanweisung zum Verfahren bei Verdacht auf Kindeswohlgefährdung", schreibt die Zeitung.

Danach hätte aufgrund mehrfacher Hilfeersuchen an das Jugendamt, von Angehörigen und auch anonym, schon vor einem Jahr gehandelt werden müssen. Die Großeltern hätten bereits 2006 im Jugendamt wiederholt immer anderen Mitarbeitern vorgetragen, dass Lea-Sophie "Angst vor ihrem Vater" habe, die ärztliche Kindervorsorge-Untersuchung nicht erfolgt sei, das Mädchen sich einigele, in der Entwicklung zurückbleibe und als Vierjährige nur etwa zehn Kilogramm wiege. Die Jugendamtsmitarbeiter hätten zwar die Hinweise notiert, reagierten aber nicht mit der vorgeschriebenen Rücksprache mit einem Vorgesetzten und dem Anlegen einer Akte.

Jugendamt ließ sich abwimmeln

Auch als im Juni 2007 Lea-Sophies Großmutter neuerlich hilfesuchend ins Jugendamt kam, gab es dort keinen Abgleich mit den Informationen aus dem Vorjahr, und die Behörde ließ die Sache neuerlich auf sich beruhen, wie die Zeitung schreibt. Erst als am 12. November 2007 ein anonymer Hinweis zu Lea-Sophies Familie beim Jugendamt einging, sei dort erstmals das vorgeschriebene Formblatt des "Kindeswohl-Arbeitsverfahrens" genutzt worden, hieß es. Der damit befasste Mitarbeiter hatte keine Kenntnis über die Vorgeschichte, versuchte aber, wenn auch vergeblich, einen Hausbesuch bei der Familie zu organisieren. Letztlich kam es zu einer Vorstellung der Familie beim Jugendamt, bei der aber Lea-Sophie fehlte und sich das Jugendamt mit der Begründung abspeisen ließ, das Mädchen sei bei Bekannten.

Nach dem Tod des Mädchens schrieb laut "Schweriner Volkszeitung" eine Jugendamtsmitarbeiterin in einem zu den amtlichen Papieren hinzugefügten Gedächtnisprotokoll, der Großvater habe bei seinen Hinweisen von 2006 "keine Kindeswohlgefährdung" gesehen. Das steht allerdings in krassem Widerspruch zu den seinerzeitigen Notizen der Mitarbeiter, die der Zeitung nach eigenen Angaben vorliegen.

Von der Stadt war zunächst keine Stellungnahme zu den Vorwürfen an das Jugendamt zu erhalten. Oberbürgermeister Norbert Claussen (CDU) hatte in Reaktionen auf den Tod von Lea-Sophie von "Pech für die Stadt" gesprochen. Für den zuständigen Sozialdezernenten Hermann Junghans (CDU) war bislang keine Abweichung seiner Mitarbeiter vom vorgeschriebenen Verfahren ersichtlich. "Ich sehe nichts im konkreten Fall, dass wir unser Verfahren verbessern müssten", hatte er stets wiederholt. Der Fall des von ihren Eltern vernachlässigten Mädchens hatte die Öffentlichkeit erschüttert. Mutter und Vater wurden festgenommen. Unterdessen prüft die Staatsanwaltschaft "zahlreiche Anzeigen gegen Vertreter der städtischen Behörden", wie Oberstaatsanwalt Christian Pick auf Anfrage mitteilte.

AP / AP
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