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Fall Lea-Sophie: Schwerin verteidigt Sozialarbeiter

Die Schweriner Stadtverwaltung hat den Mitarbeiter, der für Lea-Sophie verantwortlich war, verteidigt. Er habe "eine subjektiv richtige Entscheidung getroffen". Jetzt wird über verpflichtende Vorsorgeuntersuchungen diskutiert. "Das ist absolut notwendig", sagte eine Mitarbeiterin des Hamburger Jugendamtes zu stern.de.

Die Schweriner Stadtverwaltung hat nach dem Hungertod der fünfjährigen Lea-Sophie nicht ausgeschlossen, dass sich so ein Fall wiederholen kann. "Das kann überall wieder passieren", sagte Sozialdezernent Hermann Junghans (CDU) vor Journalisten. "Es hätte in jeder anderen Stadt passieren können, und der, dem es passiert ist, hat in diesem Fall Pech gehabt", sagte Oberbürgermeister Norbert Claussen (CDU). Das habe nichts mit fehlenden Finanzmitteln oder mangelhaften Verfahren zu tun - das Jugendamt könne nicht jede Familie kontrollieren.

Das kleine Mädchen starb am Dienstagabend, nachdem es in ein Krankenhaus gebracht worden war. Die Eltern kamen in Untersuchungshaft. Das zweite Kind der Familie, ein zwei Monate alter Junge, wurde in einer Pflegefamilie untergebracht. Das Jugendamt hatte seit 2006 mehrfach Hinweise auf Schwierigkeiten in der Familie bekommen und wiederholt Kontakt mit den Eltern gehabt, das Mädchen aber dabei nicht zu Gesicht bekommen.

Im Fall von Lea-Sophie habe der zuständige Mitarbeiter mit den Informationen, die ihm vorlagen, "eine subjektiv richtige Entscheidung getroffen, die am Ende objektiv falsch war", sagte Claussen. Junghans erklärte: "Wir erkennen nicht, dass der Mitarbeiter zwingend hätte anders handeln müssen." Der seit Jahrzehnten erfahrene Mitarbeiter habe den Fall der Familie zusammen mit einem jüngeren Kollegen betreut. Laut Jugendamt habe keiner der beiden zu wenig Zeit gehabt oder sei überlastet gewesen.

Claussen hat mögliche Lücken im System der Kinder- und Jugendhilfe eingeräumt. Der Tod des Mädchens zeige, "dass die Mechanismen offensichtlich nicht ausgereicht haben", teilte Claussen in einer Presseerklärung mit.

Anfeindungen gegen Sozialarbeiter

Unterdessen sind nach Angaben der Staatsanwaltschaft am Freitag weitere Anzeigen gegen das Jugendamt eingegangen. Dessen Mitarbeiter werden seit Tagen beschimpft. Der verantwortliche Sozialarbeiter mache sich schwere Vorwürfe, sagte Junghans. "Ich mache mir große Sorgen um den Mitarbeiter."

Die ehemalige Kindergärtnerin der in Schwerin verhungerten Lea-Sophie hat geschockt auf den Tod des Mädchens reagiert: "Wir sind alle sehr traurig und betroffen, dass so etwas passieren konnte", sagte Hildegard Kralisch, Leiterin der Kindertagestätte "Gänseblümchen", zu stern.de. Lea-Sophie habe die Kindertagestätte von 2003 bis 2004 besucht. "Es war ein ganz normales Kind. Sie war zwar sehr zurückhaltend, sie war aber nicht unterernährt", sagte Kralisch, die das Kind aber seit 2004 nicht mehr gesehen hat. Auch bei den Eltern habe sie damals keine Auffälligkeiten bemerkt.

Diskussion um Untersuchungen

Der Tod der kleinen Lea-Sophie erinnert an den Fall der siebenjährige Jessica, die 2005 verhungert in der elterlichen Wohnung in Hamburg gefunden worden war. Auch hier hatten die Behörden vor dem Tod des Kindes Hinweise, dass es in der Familie Probleme gibt. Aufgrund des Todes von Jessica, der damals ebenfalls bundesweit für großes Entsetzen sorgte, habe man in der Hansestadt Konsequenzen gezogen, sagte der Sprecher der Sozialbehörde, Rico Schmidt, zu stern.de.

Schmidt weist vor allem auf den Schulzwang hin, der schon 2005 eingeführt wurde. Bei einer Nichtanmeldung zur Schule, aber auch bei einem Fernbleiben, darf die Schulbehörde demnach mit richterlicher Genehmigung in die Wohnung eindringen, um nach schulpflichtigen Kindern zu suchen. Als weitere Maßnahme sei eine für 24 Stunden erreichbare "Kinderschutzhotline" eingerichtet worden, sagte Schmidt. Von Anfang 2006 bis März 2007 seien hier 248 Meldungen von möglicher Kindeswohlgefährdung eingelaufen, sagte Schmidt, denen man dann nachgehe. Zudem sei das Personal des "Allgemeinen Sozialen Dienstes"(ASD) aufgestockt worden, der sich für das Jugendamt um Problemfamilien kümmert.

Allerdings sagte auch Schmidt: "So einen Fall wie Jessica kann man nicht ausschließen, selbst mit dem besten Hilfesystem nicht. Dafür bräuchte man eine dauernde Überwachung der Bevölkerung. Aber das will niemand."

Nach Angaben des Schweriner Jugendamtes sind im Fall Lea-Sophie zwei Mitarbeiter wenige Tage vor ihrem Tod an der Wohnung ihrer Eltern gewesen. Allerdings hätten sie dort niemanden angetroffen und deshalb eine Einladung für einen Termin am nächsten Tag hinterlassen. In Hamburg würde man in einem solchen Fall ähnlich verfahren, sagte eine Mitarbeiterin des "ASD" stern.de. "Hier sind uns die Hände gebunden", sagte sie. Wenn keine verdächtigen Laute aus einer Wohnung dringen, könne man sich nicht durch ein Aufbrechen der Wohnung Zugang verschaffen. Um Fälle wie Jessica oder Lea-Sophie in Zukunft zu verhindern, forderte die ASD-Mitarbeiterin verpflichtende Untersuchungen im Alter von einem Jahr. "Das ist absolut notwendig und sinnvoll, weil es eine zusätzliche Kontrollmöglichkeit schafft."

Auch die Hamburger SPD will sich für verpflichtende Vorsorgeuntersuchungen für Kinder stark machen. Dafür werde die SPD- Fraktion ihren entsprechenden Gesetzentwurf vom Dezember 2006 erneut in die Bürgerschaft einbringen, kündigte der SPD-Sozialexperte Dirk Kienscherf in Hamburg an. Er warf der CDU und dem Senat vor, die landesrechtlichen Möglichkeiten für die Einführung verpflichtender U-Untersuchungen für Kinder nicht auszunutzen. Nach Angaben des Sprechers der Sozialbehörde, Hartmut Stienen, hat der CDU-Senat einen Gesetzentwurf im Grunde vorbereitet.

"Bonussystem schafft Anreize"

Der familienpolitische Sprecher der Unions-Bundestagsfraktion, Johannes Singhammer (CSU), erinnerte an einen gemeinsamen Antrag der Koalitionsfraktionen unter dem Motto "Gesundes Aufwachsen von Kindern ermöglichen". Darin werde die Einführung eines Bonussystems für die Teilnahme an den Vorsorgeuntersuchungen U1 bis U10 gefordert. "Ein solches Bonussystem schafft mehr Anreize, alle Vorsorgeuntersuchungen wahrzunehmen. Das geplante Betreuungsgeld könnte damit kombiniert werden", hieß es in einer Mitteilung Singhammers.

Die Vorsitzende des Bundestags-Familienausschusses, Kerstin Griese (SPD), verlangte in der "Berliner Zeitung" angesichts des Todes der Fünfjährigen: "Ich plädiere ganz massiv dafür, die Vorsorgeuntersuchungen zur Pflicht zu machen." Notwendig sei eine bundesweit einheitliche gesetzliche Regelung. Zwar sei dies keine Garantie dafür, dass künftig schreckliche Fälle wie der in Schwerin verhindert werden. "Aber es ist ein Baustein für den Schutz der Kinder", sagte Griese.

Der Vorsitzende der Deutschen Kinderhilfe, Georg Ehrmann, sagte dem Sender n-tv: "An der Strukturkrise der Kinder- und Jugendhilfe, an dem Problem, dass die Jugendämter offensichtlich nicht in der Lage sind, das Kindeswohl sicherzustellen, ändert sich durch Pflichtuntersuchungen gar nichts."

Für die Vize-Fraktionschefin der Union, Ilse Falk (CDU), muss gewährleistet werden, dass bei den Vorsorgeuntersuchungen konkret auf Anzeichen von Misshandlungen geachtet wird. Falk plädierte in der "Berliner Zeitung" dafür, die sogenannte aufsuchende Hilfe zu stärken. "Früher gab es die Gemeindeschwester, die sich regelmäßig um die Familien gekümmert hat." Oppositionsvertreter beklagten in der Zeitung vor allem ein Versagen der staatlichen Stellen.

mta/dpa/AP / AP