Fall Litwinenko Ermittlungen auf russische Art


Während das Buch des ermordeten Alexander Litwinenko trotz Verbotes zum Kassenschlager avanciert, werden den ermittelnden Behörden immer wieder Steine in den Weg gelegt. Die Realität verkommt zum Agentenklischee.
Von Andreas Albes, Moskau

Das Buch Alexander Litwinenkos, "Blowing Up Russia", ist in Russland verboten. Es schildert, wie der russische Geheimdienst FSB zwei Moskauer Wohnhäuser in die Luft gejagt haben soll, um die Tat Tschetschenen zuzuschieben. Da die Nachfrage nach dem Werk in den letzten Tagen enorm gestiegen ist, wird es inzwischen von Straßenhändlern unter deren Tapeziertischen verkauft. Für 500 Rubel, zwölf Euro, dem Vierfachen des durchschnittlichen Buchpreises. Die Händler verpacken "Blowing Up Russia" eilig in dunkle Plastiktüten und verabschieden Kunden mit den Worten: "Gehen Sie jetzt. Aber schnell."

Deserteur und kleiner Wicht

In Russland gilt Litwinenko als Staatsfeind. Dennoch glauben nur wenige an die Theorie, der FSB könnte ihn beseitig haben. "Litwinenko war ein unbedeutender Wicht aus der dritten Reihe", wiegelt der Ex-Geheimdienstler und Duma-Abgeordnete Gennadi Gudkow ab. Das Kreml-treue Massenblatt Koskomolskaja Prawda schrieb: "Warum sollten sich die russischen Regierungsstellen an einem Deserteur der Geheimdienste die Finger schmutzig machen?" Anderseits berichten Zeitungen, bei Schießübungen des FSB würde auch schon mal auf Pappfiguren mit Litwinenkos Gesicht geschossen.

Die neun Top-Ermittler von Scottland Yard, die gestern in Moskau landeten, um die FSB-Theorie zu untersuchen, werden es nicht leicht haben. Zwar bot ihnen Generalstaatsanwalt Juri Tschaika großzügig Büroräume an, doch die wichtigsten Zeugen, die Großbritanniens Antiterrorspezialisten von der Abteilung SO15 gerne befragen würden, sind derzeit unabkömmlich.

Pollonium schnappt sich Zeugen

Andrej Lugowoi etwa, jener Ex-Agent, den Litwinenko kurz vor seinem Zusammenbruch in der Bar des Londoner Hotels "Millenium Mayfaire" traf. Vor einer Woche noch hatte Lugowoi erklärt, er werde Scotland Yard Rede und Antwort stehen. Man habe sogar schon telefoniert, sagte er Journalisten, die in seine Moskauer Firmenzentrale gekommen waren. Sie liegt im ersten Stock des noblen Radisson-Hotels, in dessen Foyer ein gelber Lamborghini ausgestellt ist und Edelhuren auf Kundschaft warten. Lugowoi betreibt unter anderem einen Sicherheitsdienst und einen Getränkehandel. Montag ließ sich Lugowoi samt Frau und seinen drei Kindern überraschend ins Krankenhaus einliefern: Verdacht auf Polonium-210-Vergiftung. Dabei war sein Körper vergangene Woche bereits einmal untersucht und für "sauber" befunden worden. Nun soll die ganze Familie mit dem radioaktiven Isotop belastet sein, das auch Litwinenko das Leben kostete.

Generalstaatsanwalt Tschaika sicherte den britischen Beamten "jede erdenkliche Hilfe" zu, jedoch mit Einschränkungen. Erstens habe Russland Handlungshoheit, was bedeutet, die Briten dürften den Vernehmungen beiwohnen, sie jedoch nicht selbst führen. Und zweitens: Wenn Ärzte etwas gegen eine Befragung einzuwenden hätten, können man eben nichts machen. Nach letzten Informationen wird Lugowoi mindestens bis Ende der Woche das Bett hüten.

Hürden für Londoner Ermittler

Um keine Zeit zu verlieren, machten sich die Sonderfahnder deshalb gleich nach ihrer Ankunft aus London auf den Weg zu Lugowois Geschäftspartner Dmitri Kowtun. Auch der hatte den ermordeten Litwinenko am 1. November in der "Millenium Mayfaire"-Hotelbar getroffen, allerdings erst kurz zuvor von dessen schillernder Vergangenheit erfahren. Auch sein Körper ist angeblich Polonium-210-belastet, aber nicht so sehr, dass er ins Krankenhaus müsste. Der erste Versuch Scotland Yards, sich mit ihm zu treffen, scheiterte dennoch. Nach Informationen der Nachrichtenagentur "Interfax", weil die Beamten drei Stunden lang im obligatorischen Moskauer Feierabend-Stau stecken geblieben waren.

Ein weiterer Zeuge, den sie unbedingt befragen wollten, ist der ehemalige Litwinenko-Kollege Michail Trepaschkin, auch einst im Range eines Offiziers beim FSB tätig. Trepaschkin sitzt seit 2004 wegen Geheimnisverrats in der Strafkolonie von Nischni Tagil im Ural ein. Der Sprecher des Föderalen Strafvollzugsdienstes ließ Scotland Yard ausrichten: "Wir werden es nicht zulassen, dass ein Delinquent, der für die Verbreitung von Staatsgeheimnissen verurteilt wurde, mit den Vertretern ausländischer Sonderdienste spricht."

Trepaschkin, der seine Geheimdienstmitarbeit 1997 beendete, hatte Litwinenko bereits 2002 gewarnt, eine "gefährliche Gruppe von Agenten" plane einen Mordanschlag auf ihn. Diese Informationen, behauptet Trepaschkin, habe er bei einem geheimen Treffen mit einem FSB-Kontaktmann auf einem Bahnhof erhalten.

Mehrehit verdächtigt Oligarchen des Mordes

Russlands Medien berichten täglich über den Agenten-Thriller. Die Leser diskutieren alle Tatversionen im Internet. Bei einer Umfrage meinten 44 Prozent, der beim Kreml verhasste Ex-Oligarch Boris Beresowski habe seinen Freund Litwinenko umgebracht, um Putins Ruf zu schaden. 21 Prozent halten den russischen Geheimdienst für verantwortlich. 15 Prozent favorisieren die Theorie, westliche Geheimdienste hätten den Ex-Agenten auf dem Gewissen. Und 13 Prozent glauben an Selbstmord.

Auf der Homepage der Komsomolskaja Prawda schrieb ein User namens "Opa Nikita" aus Wladiwostok: Man hätte sich mit dem Vergiften gar nicht solche Mühe geben sollen, den Verräter entführen, an einen Pfahl binden und erschießen wäre einfacher gewesen.


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