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Fall Maddie: "Es wird noch Überraschungen geben"

Der Sicherheitspezialist Steve Park ist durch seine Verbindungen zu Scotland Yard gut mit dem Fall Maddie vertraut. Im stern.de-Interview verteidigt er die Medienkampagne der Eltern und spricht über Fehler der Polizei.

Steve Park hat über 20 Jahre lang bei Scotland Yard gearbeitet, darunter mehrere Jahre als persönlicher Schutzbeamter für Prinz Charles and Prinzessin Diana. Seit zwölf Jahren leitet er eine eigene Sicherheitsfirma „Sema“, die unter anderem internationale Firmen in Entführungsfällen berät. Durch seine Kontakte zu Scotland Yard hat Steve Park Einblick in aktuelle Ermittlungsfälle, unter anderem auch im Fall der entführten Madeleine McCann in Portugal.

Herr Park, die Eltern der verschwundenen Madeleine haben sich dazu entschieden, immer wieder an die Medien zu gehen. Hat diese enorme Aufmerksamkeit den Entwicklungen geschadet oder geholfen?

Das ist schwer zu beantworten. Aber welche andere Option haben die Eltern denn? Sie haben bereits verstanden, dass sie einen Fehler gemacht haben, als sie die Kinder in ihrem Zimmer allein ließen. Damit müssen sie leben. Den Eltern wird im Moment Unterstützung angeboten, die nicht mehr da sein wird, wenn sie jetzt nicht zugreifen. Als Elternteil wäre ich auch da draußen und würde alles tun, um neue Erkenntnisse zu bekommen. In den vergangenen Wochen ist ja nichts Neues herausgekommen. Die Eltern müssen den Druck erhöhen, um noch eine Chance zu haben.

Könnte die Berichterstattung nicht einen möglichen Entführer dazu hinreißen, irrational zu handeln?

Könnte sie Madeleine schaden? Ja, das könnte sie. Aber wenn jemand so verrückt ist und sie jetzt noch bei sich hat und das Mädchen lebt noch, würde es mich sehr wundern, wenn sie jetzt noch getötet würde. Ich denke, sie würde einfach in der Mitte einer Straße ausgesetzt werden. Jemand wird sich die Hände von ihr freiwaschen wollen, weil er weiß, dass eine internationale Suchmaschine angelaufen ist. Und mit den heutigen Möglichkeiten der DNA-Erkennung, ist es sehr schwer, eine Leiche zu entsorgen, ohne entdeckt zu werden. Das weiß auch ein potentieller Täter.

Wie schätzen Sie den Fall nach den bisherigen Erkenntnissen ein? War es ein Einzeltäter oder eine Bande?

Ich wäre überrascht, wenn dahinter eine organisierte Bande stecken würde, die Kinder entführt. Der Ort des Verbrechens spricht dagegen. Überall am Mittelmeer gibt es hunderte Kinder, die relativ unbeaufsichtigt an Stränden spielen. Es gibt einfach keine Notwendigkeit für einen Einbruch in einer ruhigen Ferienanlage. Jeder Verbrecher schaut sich seinen Einsatzort sehr genau an, bevor er zuschlägt - und nichts scheint mir ungünstiger als dieses Appartement mitten zwischen Urlaubern. Außerdem war der Eindringling offensichtlich mit der Umgebung sehr vertraut - Madeleine ist sicher nicht zufällig aus dem Zimmer herausgepickt worden, in dem noch zwei andere Kinder schliefen. Es gibt auch keine Hinweise darauf, dass eine Bande in der Gegend operierte.
Ich glaube, dass sich in diesem Fall noch Überraschungen ergeben werden. Es ist manchmal komisch, wie viele Verbrechen gelöst werden, weil das, was man sucht, direkt vor der Nase ist. Für mich liegt der Schlüssel zur Lösung dieses Falls unmittelbar am Ort des Verbrechens.

Gab es nicht gerade da, bei der Aufnahme der Beweise, große Schludrigkeiten?

In einer solchen Situation gibt es immer Schwierigkeiten. Denn am Anfang hat wohl jeder gedacht, dass Madeleine bald wieder gefunden werden wird - und all die Helfer haben schon forensische Beweise in dem Appartement zerstört. Es ist die Aufgabe der Polizei, den Ort des Verbrechens zu evaluieren. Ein solcher Ort sollte mindestens 100 Meter im Umkreis abgesperrt werden. Der Täter hinterlässt immer eine Spur, es gilt sie nur zu finden. Aber diese Beweise wurden 48 Stunden nicht gesucht.

War dies also ein Fehler der portugiesischen Polizei?

Nun ja, man muss sich die Situation vor Augen führen: Ein ruhiger Urlaubsort ohne Vorgeschichte. Bis daraus der Ort einer Entführung wird, muss die Polizei hunderte Fragen klären. Sie mussten mit dem arbeiten, was sie vorgefunden haben. Und da war es schwierig, gleich auf eine Entführung zu schließen. Ganz im Gegenteil: Der ganze Fall hatte die typischen Merkmale eines Verbrechens innerhalb eines kleinen Kreises von Familie oder Bekannten. Wir alle dachten, da müsste nur die Familie, Freunde und Bekannte interviewt und abgewartet werden. Dass es anders sein könnte, hat niemand erwartet.

Britische Ermittler haben ihre Hilfe angeboten. Wen hat Scotland Yard denn nach Praia da Luz geschickt?

Das waren Experten für Kindesentführungen und auch Forensiker. Ein Ex-Kommandant der Metropolitan Police war dabei, der viel Erfahrung aus jahrelanger Arbeit in der Spezialeinheit für Entführungsfälle mitbringt. Sie waren noch in der ersten Woche als Berater zuständig. Wir sollten eines bedenken: Dieser Fall ist noch jung, auch wenn jede Stunde für die Eltern natürlich die Hölle bedeutet. Seitdem der Terrorismus zu einer solchen Bedrohung geworden ist in Europa ist auch die Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Polizeieinheiten der europäischen Länder viel besser geworden. Die Briten haben Familienangehörige in Großbritannien interviewt, es gibt einen ständigen Austausch von Erkenntnissen. Aber die oberste Ermittlungshoheit liegt stets bei den Portugiesen – es ist ihr Fall.

Verfolgt die portugiesische Polizei denn konkrete Spuren?

Die konkreteste Spur, die mir bekannt ist, ist der Fund von Spürhunden gewesen: Sie haben im Haus von Robert Murat Madeleines Fährte aufgenommen. Das ist ein signifikanter Hinweis. Ich bin mir sicher, dass die Polizei daran arbeitet, diesen Zusammenhang zu klären.

Wäre es nicht Aufgabe der Polizei, den Schlafanzug von Madeleine an die Öffentlichkeit zu geben und Urlauber nach ihren Fotos zu fragen? Das tun aber jetzt Madeleines Eltern auf ihren Pressekonferenzen.

Ja, das ist wirklich komisch, nicht wahr? Niemand kann im Moment andere Menschen besser überreden, wirklich seine Urlaubsbilder noch einmal anzuschauen als diese Eltern. Sie haben die Aufmerksamkeit der Medien in aller Welt. Die portugiesische Polizei will sich offensichtlich auch nicht in die Situation manövrieren, in der sie zwar die Medien um Hilfe bittet, aber ihnen dann keine weiteren Informationen gibt. Also überlassen sie die Eltern der Meute.

Wie hoch ist nach Ihrer Erfahrung denn die Aufklärung in einem solchen Entführungsfall?

Ich erinnere mich an keinen einzigen Fall, der aufgeklärt wurde, wenn ein solch kleines Kind fast völlig ohne Hinweise verschwand. Dazu muss man sagen, dass Kleinkinder überhaupt ganz selten einfach verschwinden. Das sind höchstens eine Handvoll im Jahr. Und davon werden dann die Mehrzahl in Scheidungsfällen vom eigenen Vater entführt. Aber es gab in den vergangenen Jahrzehnten drei oder vier britische Kinder, deren Verbleib bis heute völlig ungeklärt ist.

Interview: Cornelia Fuchs