Fall Madeleine Brite lenkt Verdacht auf sich


Nach dem Verschwinden der vierjährigen Madeleine McCann aus einem Hotelzimmer an der Algarve, hat die Polizei einen ersten Verdächtigen ausgemacht. Der 32-jährige Engländer hatte durch sein Verhalten das Aufsehen von Journalisten erregt.
Von Frank Diebel, London

Nach 16 Stunden Verhör ist der im Entführungsfall Madeleine McCann festgenommene Verdächtige, Robert Murat, wieder auf freien Fuß gesetzt worden. Der 35-Jährige hatte die letzte Nacht in einer Polizeistation im portugiesischen Ferienort Praia da Luz verbracht. Obwohl der Brite nicht unter Anklage steht, gilt er weiterhin als Verdächtiger, muss aber nach portugiesischem Recht nicht in Untersuchungshaft bleiben.

Von Anfang an über die Ermittlungen vertraut gewesen

"Know-all Rob" wie er von der britischen Boulevardzeitung "The Sun" genannt wird, hatte die Aufmerksamkeit von britischen Journalisten erregt, weil er sich ohne offizielle Funktion am Tatort aufhielt. "Er behauptete, dass er fließend Portugiesisch und Englisch spreche und der Familie helfe" erklärt die Sunday Mirror Reporterin Lori Campbell. "Er ging bei den McCanns aus und ein, redete mit der Presse und tat so als ob er eine offizielle Aufgabe hätte. Aber als er danach gefragt wurde, war er sehr vage was seine Rolle betraf. Er sagte, er würde der Polizei freiwillig helfen Augenzeugenberichte zu übersetzen."

"Er sagte, er sei wirklich bestürzt"

Campbell verständigte schließlich die Polizei. Wie die "Sun " weiter berichtet, erregte Murat auch die Aufmerksamkeit der Sky News Korrespondenten Martin Brunt und Ian Woods: "Robert erzählte mir, er sei in dem Zimmer gewesen in dem Madeleine geschlafen habe als sie entführt wurde. Er sagte, er habe mit der Polizei als Übersetzer zusammengearbeitet und die hätte ihn in das Apartment mitgenommen" sagt Brunt. Woods weiter: "Er hatte offensichtlich keine offizielle Funktion. Wir haben ihn gefragt ob er für ein Interview zur Verfügung steht, aber er wollte nicht. Er sagte, dass er über Madeleines Verschwinden wirklich bestürzt sei."

Aber dann telefonierte Robert Murat mit seiner Tochter Sofia: "Es hatte den Anschein, als ob er das Gespräch absichtlich in meinem Beisein führte", so Woods. Murat hatte vor Journalisten bislang betont, dass er voller Mitgefühl sei: "Ich weiß was sie durchmachen. Ich bin selbst Vater." Wie die Tageszeitung "Daily Mirror " berichtet, wurde vor Murats Festnahme in seinem Freundeskreis noch gewitzelt: "Es machte ein Witz die Runde, dass Robert ein Verdächtiger ist " sagt Gaynor De Jesus, ein Schulfreund Murats.

"Er liebt Kinder"

Laut "Sun" ist Murats Cousine Sally Eveleigh davon überzeugt, dass der Verdächtige Maddie nicht entführt hat: "Es ist unmöglich, dass er in diese Geschichte verwickelt ist" erklärt Eveleigh. "Er hat eine kleine Tochter, die er schmerzlich vermisst. Sie ist genauso alt wie Maddie und sieht ihr ähnlich. Er hat nur versucht, der Polizei zu helfen - aber er kann auch zu hilfsbereit sein. Ich kann nachvollziehen warum sein Name gefallen ist. Die Polizei hat gehört, wie er gesagt hat, dass zwischen Maddie und seiner Tochter eine Ähnlichkeit besteht. Ich habe am Samstag mit ihm und seiner Mutter zu Abend gegessen und er war sehr ruhig. Wenn man etwas Schlimmes getan hat, kann man nicht so sein. Er liebt Kinder."

Auch Murats Mutter Jenny, eine ehemalige Krankenschwester, hat an der Unschuld ihres Sohnes keine Zweifel: "Sie [die Polizei] war hier, aber sie haben nichts gefunden. Ich bestehe darauf, dass die Polizei eine Stellungnahme veröffentlicht, sobald diese Geschichte vorbei ist, damit sein guter Ruf wiederhergestellt wird." Laut "Daily Mirror" waren die Bewohner des Dorfes Hockering im englischen Norfolk - die Heimat von Murats Frau Dawn und seiner Tochter Sofia - angesichts der Festnahme überrascht: "Robert ist ein gutherziger Mensch", sagt Dorfbewohner Geoffrey Livock. "Er kommt oft hierher, um seine kleine Tochter zu besuchen. Ich bin schockiert über diese Nachrichten. Er hat nie irgendwelchen Ärger gehabt. Er ist ein ganz normaler Typ." Laut Geoffrey Livock hatte Murat halbtags für die Polizei in Norfolk als Dolmetscher gearbeitet. "Wenn jemand von den hier ansässigen Portugiesen Ärger hatte half Murat der Polizei als Übersetzer aus" so Livock.

Murat lebt mit seiner 71-jährigen Mutter in Praia de Luz. Seine Villa ist nur 100 Meter von dem Apartment in der Ferienanlage "Ocean Club" entfernt aus dem die vierjährige Madeleine am 3. Mai verschwunden ist. Der ehemalige Autoverkäufer, der inzwischen angeblich als Immobilienmakler arbeitet, ist in Portugal als Sohn einer englischen Mutter und eines portugiesischen Vaters aufgewachsen. Mit 16 Jahren kam er nach Großbritannien wo er später heiratete und bis zum Zusammenbruch seiner Ehe vor drei Jahren lebte.

Der in Portugal aufgewachsene Brite und seine Mutter, 71, die seit mehr als vier Jahrzehnten in Praia da Luz lebt, hatten sich gleich nach dem Verschwinden Madeleines am 3. Mai als freiwillige Helfer angeboten. Der Mann betätigte sich als Dolmetscher für die Polizei, Madeleines Eltern und die Journalisten. Seine Mutter richtete einen Informationsstand ein, wo Hinweise für die Suche nach dem Kind auch anonym hinterlassen werden konnten.

Sofort als Übersetzer angeboten

Die Eltern Madeleines, beide 38, die als Ärzte in der mittelenglischen Grafschaft Leicestershire arbeiten, wollen nach eigenen Angaben so lange nicht nach Großbritannien zurückkehren, bis ihre Tochter gefunden wird. Sie kündigten zudem einen öffentlichen Fonds an, in den Spenden für die Suche nach ihrer Tochter fließen sollen. Für Hinweise, die zur sicheren Rückkehr Madeleines führen, sind bislang Belohnungen in Höhe von insgesamt nahezu vier Millionen Euro ausgesetzt worden.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker