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Fall Marco W.: "Mit dem Islam hat das nichts zu tun"

Ein junger Mann wird von der Mutter seiner noch jüngeren Freundin wegen Mißbrauchs angezeigt. Plötzlich steht ein ganzes Land am Pranger. stern.de sprach mit dem Europaabgeordneten der Grünen Cem Özdemir über unnötige Kampagnen und darüber, wie man Marco W. helfen könnte.

Herr Özdemir, ein junger Mann macht mit einem noch jüngeren Mädchen herum. Ihre Eltern sind empört und zeigen ihn an. So weit so normal. Aber auf einmal ist die Türkei mal wieder nicht europatauglich, in ihr herrscht das pure Mittelalter. Wie kann dieser Kurzschluss im Diskurs passieren?

Auf beiden Seiten wird scharfes Geschütz aufgefahren, man könnte den Kopf darüber schütteln, wenn der Junge nicht wäre. Denn in der Sache wird ihm geschadet, wenn bei so einem Anlass gleich eine Grundsatzdebatte über die Europatauglichkeit der Türkei los getreten wird.

Die Aufregung in Deutschland bekommt jeder hier mit. Aber warum erregt sich die öffentliche Meinung in der Türkei über diesen Fall?

Das ist hier wie dort eine absurde und unsachliche Diskussion, die auch in der Türkei mit einem sehr scharfen Tonfall geführt wird. Mit der ablehnenden Haltung "Ihr seid ganz anders als wir" werden in der Türkei schnell starke Abwehrreflexe provoziert. In der Türkei wird die Kritik an einem angeblichen "mittelalterlichen" Staat im Zusammenhang mit ganz anderen Faktoren und Entwicklungen gesehen als in Deutschland, etwa mit der Aufregung um den Moscheebau in Köln oder mit der Gesetzgebung über den Ehegattennachzug von Ausländern, die ja durchaus als "Lex Türkei" bezeichnet werden kann, um die Türken draußen zu lassen. Damit wird der nationale Stolz der Türken getroffen, manchen Medien schütten dann noch gerne Öl ins Feuer gießen und kommentieren: "Ausgerechnet Deutschland, das erst von der ganzen Welt besiegt werden musste, will uns etwas über Zivilisation erzählen."

Verstehen die Türken die Kritik an ihrem Justizsystem?

Es gibt gute Gründe, sich für entscheidende Verbesserungen im türkischen Justizsystem einzusetzen, das ist auch Bestandteil der EU-Beitrittsverhandlungen. Das weiß und unterstützt auch ein Teil der Bevölkerung und auch die miserablen Bedingungen in den Gefängnissen sind ja kein Geheimnis. Aber zugleich wollen sie sich auch nicht bevormunden lassen, Teile der Medien tragen ihres dazu bei. Es gibt aber auch andere, sachliche Stimmen, das sollten wir nicht vergessen. Es macht auch hier keinen Sinn, von "den Türken" zu sprechen.

Die Türken reagieren empfindlicher und verschlossener auf Kritik aus der EU. Wie konnte das geschehen?

Die Diskussion hat sich auch in der Türkei verändert. Die Bereitschaft auf Europa zuzugehen, ist geringer geworden. Überhaupt ist der Glaube an eine faire Behandlung durch die EU geringer geworden. Vor einigen Jahren war Europa ein sehr wichtiges Thema, nicht nur für Politiker, sondern für die gesamte türkische Öffentlichkeit Jede Äußerung des Erweiterungskommissars kam auf die erste Seite und war Aufmacher in den Abendnachrichten. Heute, nach all den Frustrationen, ob sie nun berechtigt sind oder nicht, kommt so etwas auf Seite fünf.

Wann könnte sich das Verhältnis von EU und Türkei wieder normalisieren?

Nach der Wahl in der Türkei wird sich die Diskussion etwas entspannen. Die momentane Regierung gilt vielen im Land als Handlanger der EU, gar als ferngesteuert aus Brüssel. Die türkische Bevölkerung sieht leider oftmals nur die Forderungen der EU und nicht, dass zugleich Gegenleistungen angeboten werden.

Was könnte jetzt geschehen, um dem jungen Mann zu helfen?

Zunächst muss die Kommunikation über die Medien aufhören. Der Außenminister und die deutsche Botschaft sind gefordert. Auch türkische Politiker würden vieles tun, damit der Junge aus dem Gefängnis raus kommt. Ich hoffe, dass der Fall über diplomatische Kanäle geregelt wird und der Junge schnell nach Deutschland zurückkehren kann.

In der Diskussion um diesen mutmaßlichen Missbrauch wird einmal mehr die Furcht vor dem Islam beschworen. Müssen wir uns vor der Türkei fürchten?

Die Diskussion um die Islamfurcht und um ein angebliches mittelalterliches Rechtsverständnis ist in diesem Fall vollkommen absurd. Man traut es sich ja kaum zu sagen, dass derartige Handlungen - wenn sie denn stattgefunden hätten - auch in Deutschland strafbar wären. Die Türkei hat einiges zu verbessern, aber auch im angelsächsischen Recht gibt es ähnliche Strafvorstellungen, nehmen wir etwa die USA, wo rigide Moralvorstellungen auch ihre Spuren im Strafrecht hinterlassen. Mit dem Islam hat das alles überhaupt nichts zu tun. Wir sollten die Kirche im Dorf lassen.

Die Fragen stellte Gernot Kramper

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