Fall Marco W. Berliner Forderung eine "Beleidigung"


Heftige Reaktionen aus der Türkei auf die geforderte Freilassung des 17-jährigen Marco W.: Die Zeitung "Hürriyet" spricht von einer "Beleidigung" des Justizsystems. Der Schüler aus Uelzen sitzt nach einer Knutscherei mit einer Minderjährigen unter katastrophalen Bedingungen im Knast.

Die von der Bundesregierung geforderte sofortige Freilassung eines seit zehn Wochen in der Türkei inhaftierten 17 Jahre alten Schülers aus Uelzen ist von der türkischen Justiz abgelehnt worden. Die türkische Zeitung "Hürriyet" hat die Forderung aus Berlin heftig kritisiert. Sie bedeute eine "Beleidigung" des Justizsystems eines anderen Staates, schrieb der Kolumnist Oktay Eksi in der Sonntagausgabe der Zeitung. "Stellen Sie sich vor, die türkische Regierung würde der deutschen Regierung für einen in Deutschland inhaftierten türkischen Staatsbürger eine solche Verbalnote überreichen - unvorstellbar", schrieb der Kolumnist.

Deutschland hatte die türkische Regierung nach Angaben eines Sprechers des Auswärtigen Amtes in Berlin offiziell aufgefordert, den Jungen bis zu seiner für den 6. Juli angesetzten Verhandlung vorzeitig freizulassen. Dies lehnten die türkischen Richter aber ab. Auch SPD-Bundestagsfraktionschef Peter Struck setzte sich für den Jugendlichen aus seinem Wahlkreis Celle- Uelzen ein. Struck sei erschüttert über die Haftbedingungen des Jugendlichen und die Abläufe des Strafverfahrens, sagte eine Sprecher des SPD-Politikers.

Anzeige wegen sexuellen Missbrauchs

Der 17-Jährige war wegen eines Urlaubsflirts mit einer 13-jährigen Britin in der Mittelmeerstadt Antalya in Haft genommen worden. Die Mutter des Mädchens hatte den Realschüler wegen sexuellen Missbrauchs angezeigt. Die beiden Jugendlichen waren sich im Osterurlaub in Antalya näher gekommen. Der in seiner Freizeit als Jugendgruppenleiter beim Technischen Hilfswerk (THW) engangierte 17-Jährige hatte beteuert, mit dem Mädchen lediglich geflirtet zu haben. Die Britin soll sich außerdem als 15-Jährige ausgegeben haben.

Die Berichterstattung in Deutschland bezeichnete "Hürriyet" als "Medienkampagne". Mit keinem Wort gingen die Zeitungen auf die Vorwürfe ein, die gegen den 17-Jährigen erhoben würden. Stattdessen zeichneten sie ein "Schreckensbild" der türkischen Gefängnisse. Eine Verbesserung der Haftbedingungen sei für alle Insassen "unbedingt nötig", schrieb der Kolumnist, "nicht nur für Marco". Doch wenn sie allein für den deutschen Schüler erhoben werde, bekomme die Forderung "ein hässliches Aussehen".

Katastrophale Haftbedingungen

Der Jugendliche muss sich mit 30 anderen ausländischen Gefangenen eine Zelle, eine Dusche und eine Toilette teilen. Seine Eltern darf er nur ein Mal pro Woche durch eine Glasscheibe hindurch sehen. Dem 17-Jährigen droht bei einer Verurteilung eine Haftstrafe von bis zu acht Jahren.

Inzwischen ist die Mutter des Jungen wieder in die Türkei gereist, um den 17-Jährigen zu betreuen. Der Junge wollte ursprünglich in den vergangenen Wochen seinen Realschulabschluss machen und hatte sich bereits in einer Fachoberschule angemeldet.

DPA DPA

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