Fall Marco W. Charlotte M. und die Wut der Briten


Charlotte M. aus England beschuldigt den deutschen Schüler Marco W. sie sexuell missbraucht zu haben. Der 17-Jährige sitzt in einem türkischen Gefängnis und wartet auf seinen Prozess. Doch wo und wie lebt das 13-jährige Mädchen?
Ein Ortstermin in Manchester von Oliver Link

Sogar das Namensschild an der Türklingel ist entfernt worden. Die Familie des Mädchens Charlotte ist nicht mehr da, ist irgendwo untergetaucht, weg, nur weg. Das Haus ist unter Polizeischutz, steht verlassen und abweisend im Nieselregen. Im Inneren ist ein grimmig aussehender Mann mit einem Funkgerät in der Hand zu sehen, er öffnet die Tür, in seinem Blick: Wut. In seiner Stimme: Kälte. "Nein, niemand da", sagt er, "get lost", dann schmeißt er die Tür zu.

Viel Geld für Interviews geboten

Die Nachbarn öffnen nicht, in ihren Zimmern brennt Licht. Und die ältere Dame, die die Straße entlang gelaufen kommt, hebt sofort abwehrend ihre Hand, als man auf sie zugeht. "Leave me alone!" Auch englische Höflichkeit hat ihre Grenzen. Sie ist in den vergangenen Tagen sehr strapaziert worden.

Kamerateams haben das Mädchen auf dem Weg zur Schule abgefangen, haben das Haus belagert, immer wieder geklingelt. "Wir wissen nicht, wo die Familie jetzt ist", sagt ein Sprecher der Polizei von Manchester, "und wenn wir es wüssten, würden wir es nicht sagen." Seine Stimme ist um Zurückhaltung bemüht. "Wir kommentieren den Fall nicht, warum respektiert ihr Deutschen nicht, dass die Familie mit euch nichts zu tun haben will?" Er wartet die Antwort nicht ab. "Die Familie ist massiv belästigt worden und hat uns um Hilfe gebeten. Wenn ihr Deutschen irgendetwas wissen wollt, dann haltet euch an die türkischen Behörden. Die führen die Ermittlungen. Die Familie hat sich entschlossen, nichts zu dem Fall zu sagen." Seine Stimme klappt zu, er lässt eine lange Pause entstehen, die klar macht, dass das Gespräch beendet ist.

"Der Familie ist viel Geld für ein Interview geboten worden, doch es geht ihnen nicht um Geld, sie haben das abgelehnt, sie wollen nichts sagen", sagt eine Sprecherin des Reiseveranstalters Thomas Cook, mit dem Charlotte und ihre Mutter in die Türkei geflogen war. "Niemand weiß, wo sich die Familie zur Zeit aufhält. Sie will einfach nur in Ruhe gelassen werden."

Spießigkeit im Klinkerstil

Die Familie M. lebt am äußersten nördlichen Rand einer dieser traurigen seelenlosen Vorstädte im Norden Manchesters, durch die man kilometerlang hindurch fährt, ohne irgendetwas Schönes zu sehen. Es ist eine Gegend, die in Zeiten der industriellen Revolution durch die Verarbeitung von Baumwolle zu Wohlstand gekommen ist und bis heute sich vom Niedergang der Fabriken nicht recht erholt hat. Flache, geklinkerte Wohnhäuser liegen wie an einer Perlenkette gezogen links und rechts der leeren Straßen, das Leben findet in Manchester statt, und wer es sich leisten kann, lebt dort. Jugendliche hängen an Bushaltestellen herum, rauchen, trinken Bier aus Dosen, langweilen sich. Auch das Haus der M. steht in einer dieser Straßen, in denen kaum einmal ein Mensch zu sehen ist, hier lebt man um zu schlafen. Die Häuser hier im Viertel sind hübscher als die anderen, sie deuten bescheidenen Wohlstand an, Klinkerspießigkeit hinter Buxbäumchen, Garagen, Mittelklassewagen. Es sieht hier ziemlich heil aus.

Von dem Fall hat in England bislang niemand etwas mitbekommen, in der Presse taucht die Geschichte nicht auf. Die Engländer interessieren sich dieser Tage für andere Dinge. Der Terroralarm hält das Land in Atem, Gordon Brown ist als neuer Premierminister in Downing Street Number 1o eingezogen, eine Serie von Morden unter Jugendlichen erschüttert das Land.

"Irgenwann werden sich Charlotte und ihre Familie vielleicht äußern", sagt die Sprecherin von Thomas Cook. "Doch wann dies der Fall sein wird, das liegt allein bei ihnen. Hier in England respektieren wir das, vor allem bei Fällen wie diesen, in denen eine 13-Jährige sexuell missbraucht wurde. Ich nehme an, in Deutschland wäre das nicht anders."


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