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Fall Marco W.: Uelzen - eine Stadt unter Schock

Die Kleinstadt Uelzen ist schockiert: Seit elf Wochen sitzt Marco W., einer der ihren, in einem türkischen Gefängnis. Doch was für ein Typ ist Marco W.? Seine Freunde und Mitschüler, Nachbarn und Kollegen der Eltern haben stern.de von ihren Eindrücken erzählt.

Von Malte Arnsperger, Uelzen

Ali kann es einfach nicht fassen. Er hat seinen Freund doch noch im Scherz ermahnt. "Genieß deine Ferien, hab viel Spaß, aber mach keine Dummheiten!" So hat Ali Marco in den Osterurlaub verabschiedet. Nur wenige Tage vor dem Abflug der Familie in die Türkei.

Das fröhliche Grinsen auf Alis Gesicht ist schlagartig verschwunden. Traurig schaut der Uelzener Schüler auf den Boden, als er über Marco spricht. "Er hat sich so auf den Urlaub in der Türkei gefreut, er wollte etwas ausspannen vor den Prüfungen im Juni", sagt Ali. Stattdessen landete er im Knast, eine 13-Jährige soll er sexuell missbraucht haben. Sein Schulfreund Ali wartete nach den Ostertagen vergeblich auf ihn. "Wir haben uns alle gewundert, warum Marco nicht in der Schule ist. Nach Tagen hat uns unser Deutschlehrer gesagt, dass er in der Türkei im Gefängnis sitzt. Diesen Schock kann man sich nicht vorstellen. Ich fasse es heute noch nicht."

Marco W. ist Gesprächsthema Nummer eins

Diese Ungläubigkeit ist in der niedersächsischen Kleinstadt allgegenwärtig. Normalerweise würden sich die rund 37.000 Einwohner jetzt auf das Stadtfest Anfang Juli freuen. Doch davon keine Spur. Marco W. und sein verhängnisvoller Urlaubsflirt sind Gesprächsthema Nummer eins. Seit Tagen berichtet die örtliche Zeitung auf Doppelseiten über den Fall, in der Bäckerei und in den Kneipen diskutieren die Uelzener über den 17-Jährigen und seine Familie.

Vor allem den Freunden und Lehrern von Marco geht die Geschichte sichtbar nahe. Ausgerechnet Marco soll sich an einem Mädchen vergangen haben. Das versteht hier niemand. Seine Schulleiterin Elke Schießer glaubt der 13-Jährigen kein Wort. "Es hört sich ja fast so an, als ob sich das Mädchen absichtlich unter ihn gelegt hat. Marco ist keiner, der Zwang ausübt."

Seinen Sitzplatz halten die Mitschüler frei

Das bestätigen seine Klassenkameradinnen. "Marco hat Scherze mit uns gemacht, hat uns gekitzelt oder über den Schulhof gejagt. Natürlich hat er wie alle Jungs auch mit Mädchen geflirtet, aber er hat es nie übertrieben", sagt die blonde Stefanie. Sie ist Marcos Nebensitzerin im Klassenzimmer. Seit Ostern ist der Platz neben ihr leer. Keiner setzt sich dort hin, versichert Stefanie: "Den halten wir für Marco frei." Morgens früh, wenn sie sich auf ihren Stuhl setzt, denkt Stefanie an Marco. "Ich versuche mir immer vorzustellen, wie es ihm wohl geht. Er ist so ein sympathischer, hilfsbereiter Typ. Wir denken alle an ihn und vermissen ihn und seine Scherze."

Marco W., ein ruhiger Typ, der aber im Freundeskreis seine Zurückhaltung ablegt, aus sich herausgeht und zu einem richtigen Scherzbold wird. So beschreibt ihn auch sein früherer Fußballmitspieler Pascal. Verschwitzt kommt der blonde Junge im dunklen Trainingsanzug aus dem Fitnessstudio. Bis vor zwei Jahren hat er mit Marco gebolzt. "Marco hat Mittelfeld gespielt. Er war aber nicht so gut", sagt der 16-Jährige und grinst. "Aber viel wichtiger ist, dass er ein sehr netter Junge ist. Eher still und zurückhaltend, deshalb glaube ich einfach nicht, dass er die 13-jährige Britin zu etwas zwingen wollte."

Marco W. könnte an der Geschichte zerbrechen

Einen großen Freundeskreis habe Marco, erzählt Pascal. Auch Mädchen gehören dazu. Bis vor einem halben Jahr hatte Marco sogar eine Freundin, Bettina. Pascal steht in regelmäßigen Kontakt mit dem Mädchen. "Sie ist richtig geschockt von der Geschichte. Das Ganze tut ihr furchtbar leid für Marco. Sie sagt, dass er auch nach der Trennung ein ganz normaler Junge war, mit dem man viel Spaß haben konnte."

Doch Marcos fröhliches Gemüt könnte im türkischen Knast einen kräftigen, bleibenden Knacks bekommen, glaubt Ali. "Marco ist ein eher sensibler Typ. Man hat ja im Fernsehen gesehen, dass es ihm sehr schlecht geht. Ich befürchte, dass er an dieser Geschichte zerbricht."

Spenden von Kollegen

Eine gedrückte Stimmung herrscht auch an Marcos Elternhaus. Das weiß getünchte zweistöckige Gebäude liegt am Rande der Stadt, kleine Einfamilienhäuser reihen sich hier aneinander. Die Rasenflächen sind penibel gemäht und gut gepflegt. Nur bei der Familie W. ist der Vorgarten voll von Sträuchern, Blumen und kleinen Bäumen. Die grauen Rollläden sind allesamt heruntergelassen, die Zeitung steckt noch im Briefkasten, nichts regt sich.

Die meisten Nachbarn wollen nicht über das schlimme Schicksal der Familie reden. Nur Hans-Herrman Büsch - er wohnt genau gegenüber - macht aus seiner Wut auf die türkischen Behörden keinen Hehl. "Die Behandlung von Marco in der Türkei finde ich unmöglich. Er und sein Bruder sind so nette freundliche Jugendliche. Und die Familie machte auch immer einen ganz normalen Eindruck." Mutter und Vater habe er in den vergangenen Wochen allerdings kaum mehr gesehen, sagt Büsch.

Spenden für die Familie

Das geht den Kollegen von Marcos Vater ähnlich. Seit einem halben Jahr ist der Taxifahrer wegen einer schweren Erkrankung beurlaubt. Und nun sitzt sein Sohn in Haft und die Kosten für Anwälte und Reisen zu Marco steigen unaufhörlich. Deshalb sammeln nun neben Marcos Kameraden vom THW auch die Taxifahrer für die Familie. 1000 Euro haben sie in nur drei Tagen eingenommen. Uwe Winkelmann ist fünf Jahre lang mit Marcos Vater Taxi gefahren. Auch er hat gespendet. "Die Geschichte geht uns sehr unter die Haut. Der Vater ist bei uns sehr beliebt."

Mit seiner Spende möchte Winkelmann helfen zu verhindern, dass sein Kollege und die Familie ihr Haus verlieren. "Der Vater ist ein sehr sensibler Typ und ich glaube, dass ihn das schon sehr mitnimmt. Ich hoffe, dass sein Sohn möglichst bald freikommt."

Das hofft natürlich auch Marcos Freund Ali. Er will mit seinen Schulkameraden jetzt einen Brief an Marco aufsetzen. Und wenn Ali seinen Kumpel endlich wieder sieht, dann wird er ihm einen Tipp geben. "Mach erst mal keinen Urlaub mehr."

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  • Malte Arnsperger