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Spurensuche auf Korfu: Anwältin von Hussein K.: "Er blieb immer unglaublich kühl"

Kühl und gefühlsarm - so erinnert sich seine griechische Anwältin an Hussein K., dem dringend Tatverdächtigen im Freiburger Mordfall Maria L. Er habe nach seiner Tat auf Korfu nicht den Ansatz von Reue gezeigt.

Von Ferry Batzoglou und Raphael Geiger, Korfu

Hussein K.

Hussein K. in Deutschland, eines seiner vielen Selfies auf Facebook

Vielleicht, sinniert Hussein K.s Anwältin, hatte er gar keine Angst vor dem Gefängnis. K. lebte damals in einer stillgelegten Seifenfabrik im Hafen von Korfu. Er schlief auf einer dreckigen Schaumstoffmatratze zwischen Müllresten, an einer Wand in dem total verfallenen Gebäude ist der Kopf eines Mädchens gemalt, daneben steht der Name Hussein - womöglich eine Andeutung eines Mitbewohners nach K.s Tat Ende Mai 2013.

Damals hatte K. auf der Insel eine griechische Studentin über eine Klippe acht Meter in die Tiefe gestürzt, sie überlebte schwer verletzt. Maria-Eleni Nikopoulou wurde damals als seine Pflichtverteidigerin bestellt. Sie erinnert sich an einen "jungen Mann mit einer sehr, sehr ruhigen Stimme", der während all ihrer Treffen "unglaublich kühl blieb".

Kein Wort der Entschuldigung von Hussein K.

Er habe "nie Gefühlsregungen gezeigt", berichtet sie dem stern. Was der Anwältin bis heute im Gedächtnis haften geblieben ist: Während der Gerichtsverhandlung habe sich K. nicht auch nur einmal nach dem Opfer umgedreht, das ein paar Reihen hinter ihm saß. Sie habe ihm geraten, sich in einem Brief bei der Studentin zu entschuldigen. Vergeblich.

Im Jugendgefängnis in Volos, einer zentralgriechischen Provinzstadt, begann K. Griechisch zu lernen. Einmal habe er seine Anwältin auf Griechisch angerufen. Im April oder Mai 2014 habe sie den Kontakt zu ihm aber verloren.

Jetzt, etwa zweieinhalb Jahre danach, holt sie der Fall wieder ein. Die Haftstrafe von zehn Jahren sei deswegen so hoch ausgefallen, weil der Fall die Bewohner der Insel "so sehr bewegte" und die Richter "von Beginn an entschlossen" gewesen seien, mit ihrem Urteil "ein moralisches Zeichen zu setzen", glaubt Nikopoulou.

Aus dem Gefängnis sofort nach Deutschland

Die Strafe hätte ihr Mandant ohnehin nicht absitzen müssen. Nach spätestens vier Jahren, im Frühjahr 2017, erklärt sie, wäre K. sowieso entlassen worden. Denn er galt zum Zeitpunkt der Tat auf Korfu als minderjährig. Weil er Berufung gegen das Urteil eingelegt habe, ist es bis heute noch nicht einmal rechtskräftig.

Bereits Ende Oktober 2015 kam K. vorzeitig frei, nachdem ein neues griechisches Gesetz zur Entlastung der überfüllten Gefängnisse in Kraft trat. Er machte sich sofort auf den Weg nach Deutschland.

Am Donnerstag wies Athen Vorwürfe aus Berlin im Fall K. zurück. Bundesinnenminister Thomas de Maiziere (CDU) hatte von einem "sehr ärgerlichen Vorgang" gesprochen. Das werde man "mit der griechischen Seite zu besprechen" haben. De Maiziere warf den griechischen Behörden vor, K. international nicht zur Fahndung ausgeschrieben zu haben. Andernfalls wäre K. wohl gefasst worden.

Athen weißt Vorwürfe aus Berlin zurück

Die Athener Regierung sieht das anders. Als K. in Griechenland politisches Asyl beantragte, hätten die Behörden schon im Jahr 2013 alle seine Personaldaten, inklusive seiner Fingerabdrücke, in die Europäische Datenbank eingetragen. Somit hätten alle EU-Staaten auf K.s Daten Zugriff gehabt, hieß es am Donnerstag in einer Presseerklärung der Athener Ministerien für Justiz und Bürgerschutz.

Unklarheit herrscht aber weiter darüber, ob K.s Verurteilung in Griechenland nachträglich in dieser Datenbank ergänzt wurde - ein entscheidendes Detail. Fakt ist jedenfalls: Zwischen Athen und Berlin besteht mal wieder Gesprächsbedarf. Zu klären ist auch, ob K. eventuell nach Griechenland ausgeliefert werden muss.

Eigentlich müsste er dort noch seine Haftstrafe verbüßen. Schließlich hat er gegen die Entlassungsauflagen verstoßen. Sie sahen vor, dass er sich regelmäßig an seinem Wohnort in Athen bei der Polizei melden sollte.

Der Fall K., so viel lässt sich jetzt schon sagen, taugt kaum zur Frontalkritik gegen offene Grenzen in Europa. Will man etwas aus dem Fall folgern, dann, dass vielmehr die Zusammenarbeit in der EU verbessert werden muss. Und zwar sofort.