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Fall Meredith Kercher: Sex, Mord und Gewaltphantasien

Ein grausamer und verworrener Mordfall erschüttert Italien: Die attraktive britische Studentin Meredith Kercher wird im Uni-Städtchen Perugia vergewaltigt und erstochen. Die möglichen Täter stammen aus gutem Hause, hatten bizarre Gewalt- und Sexphantasien. Der Hauptverdächtige wurde nun in Mainz festgenommen.

Von Luisa Brandl, Rom

Ein Mordfall im beschaulichen Uni-Städtchen Perugia mit 150.000 Einwohnern und 40.000 Studenten hat die italienische Öffentlichkeit erschüttert. Die Auslandsstudentin Meredith Kercher aus London war in der Nacht des 1. November - weit weg von ihrer Familie - in ihrem WG-Zimmer in der italienischen Universitätsstadt Perugia in Umbrien. Sie hatte ein Messer an der Kehle, wurde vergewaltigt und wehrte sich verzweifelt. Jemand drückte ihr Gesicht zu Boden. Das Messer stach sie in den Hals, dann ein zweites Mal, der dritte Stich war tödlich, verfehlte aber die Halsschlagader. Das Blut spritzte zwei Meter die Wand hoch. Es dauerte etwa zehn Minuten, bis Kercher irgendwann zwischen 20.30 Uhr und 22.30 Uhr verblutet war.

Polizei nimmt Ivorer in Mainz fest

Die italienische Polizei hatte Haftbefehl gegen Rudy Hermann G. erlassen, die deutsche Polizei hat ihn nach Angaben von CNN nun in Mainz festgenommen. Nach den Ermittlungen ist der 21-jährige Afrikaner von der Elfenbeinküste am Mordszenario beteiligt gewesen. G. ist in Italien aufgewachsen und verdingt sich als Drogendealer. Man sagt ihm einen Hang zu angelsächsischen jungen Frauen nach. Seine Spuren in der Wohnung der ermordeten Meredith Kercher konnten zunächst nicht identifiziert werden und gaben der Polizei Rätsel auf.

Der entscheidende Tipp kam aus dem studentischen Umfeld von Kercher und ihrer angeklagten Mitbewohnerin Amanda K. Der Bewohner einer benachbarten Studenten-Wohngemeinschaft hatte den Ermittlern erzählt, dass der Mann sich öfter in seiner Wohnung aufgehalten habe, dass er einmal sturzbesoffen auf der Toilette eingeschlafen sei und dass er ein Auge auf Amanda geworfen hatte.

Die Beamten verglichen seine bei der Ausländerbehörde hinterlegten Fingerabdrücke mit denen auf dem blutigen Kopfkissenbezug von Kercher und identifizierten ihn. Weitere Untersuchungen legen nahe, dass er derjenige war, der die 22-jährige Britin zum Sex gezwungen hatte. Der Verdächtige, der am Tag nach der Ermordung in Mailand untergetaucht ist, könnte laut der Ermittler den Schlüssel zur Lösung des verworrenen Mordfalls liefern.

Erlebnishungrig und im Vollrausch?

Seit zwei Wochen sitzt Amanda K., eine 20-jährige amerikanische Studentin, die sich mit Meredith und zwei anderen Studentinnen die Wohnung teilte, in Perugia in U-Haft. Genauso wie ihr Freund, der 24-jährige Student Raffaele S. und der Barbetreiber Patrick Diya L., ein 44-jähriger Kongolese, in dessen Lokal Knox gelegentlich arbeitete. Sie hatte L. vor ihrer Festnahme beschuldigt. Die drei Tatverdächtigen sind des Mordes und der sexuellen Gewalt angeklagt, beteuern aber ihre Unschuld. Der Haftbefehl gegen G. wird jedoch voraussichtlich L. entlasten. Seine Freilassung wird in diesen Tagen erwartet.

Damit ändert sich vermutlich die Anklage. Bisher waren die Ermittler davon ausgegangen, dass sich in der Studentenwohnung ein perverses Spiel zugetragen hatte, bei dem Lumumbas Verlangen nach Meredith und der Vollrausch der bekifften und erlebnishungrigen K. und S. letztlich zu extremem Sex und Mord geführt hatten. Die Staatsanwaltschaft in Perugia wird voraussichtlich in dem Szenario G. an die Stelle von L. setzen. G. könnte auch der Mann gewesen sein, den Zeugen zusammen mit K. am 3. November in einem Waschsalon gesehen haben wollen. K. hatte vermutlich die Turnschuhe von S. und in der Mordnacht verschmutzte Kleidung von Spuren reinwaschen wollen.

Die Amerikanerin und ihr Freund trugen sich offensichtlich schon länger mit Gewaltfantasien. In ihrem Blog hatte K. eine erfundene Vergewaltigungsszene beschrieben. Auch S. outete sich im Internet, er sehne sich nach "extremen Empfindungen, die der Sex auslöst". Er stellte ein Foto von sich ins Netz, auf dem er ganz in Klopapier eingewickelt mit einem Beil als "irrer Doktor" posiert. Sein Vater nannte das "einen Scherz".

S. bezeichnete sich als ängstliche Person. "Ich rauche an jedem freien Tag Haschisch und immer dann, wenn ich es brauche", sagte er den Beamten. Es stellte sich heraus, dass er Klappmesser sammelt und mit sich herumträgt, seit dem er 13 Jahre alt ist und dass er sie jeweils passend zu seinem Outfit kombiniert.

Musterstudentin aus Seattle

K., die attraktive Studentin aus Seattle, kommt aus guter Familie, war eine Musterstudentin. Ihre Kommilitonen erinnern K. als eine, die immer pünktlich war und in der ersten Reihe saß. Ihr Freund S., den sie in Perugia getroffen hatte, ist der Sohn eines angesehenen Arztes aus dem süditalienischen Apulien, ein smarter angehender Ingenieur unmittelbar vorm Abschluss seines Studiums. "Kennen wir noch unsere Kinder?", zweifelte Italiens berühmtester Talkmaster Bruno Vespa in seiner Sendung.

Kercher war im Sommer mit dem Studentenaustausch-Programm Erasmus von London nach Perugia gekommen und hatte zufällig ein Zimmer in derselben Wohnung gefunden wie K., die einen Italienisch-Kurs an der berühmten Ausländeruniversität belegt hatte. Ihrem Vater erzählte sie am Telefon eher belustigt, K. sei "ein selbstsicheres Mädel und ein wenig exzentrisch". Sie machte sich lustig, dass sie kurz nach ihrer Ankunft schon einen boyfriend hatte. Ihrer britischen Freundin in Perugia, Sophie Purton, vertraute Kercher an, dass K. viele Männer mit nachhause brächte. Möglicherweise führte dies zum Streit zwischen den beiden.

K. verstrickte sich in widersprüchliche Aussagen. Erst gab sie an, nicht in den Mordfall verwickelt zu sein. Später sagte sie, sie habe sich am 1. November mit L. um 21 Uhr getroffen, um ihn mit nach Hause zu bringen. Die Ermittler glauben, S. sei dabei gewesen. Von L. konnten jedoch keine Spuren in der Wohnung identifiziert werden. Der Barbetreiber hatte stets ausgesagt, er sei ab 21 Uhr in seinem Lokal "Le Chic" gewesen und hatte verschiedene Zeugen dafür.

K. erzählte den Ermittlern, sie sei an jenem Abend zwar in der Wohnung gewesen, wäre aber nicht an dem Mord beteiligt gewesen. L. und die Britin hätten sich in Kerchers Zimmer zurückgezogen. Sie habe Kercher schreien hören und sich die Ohren zugehalten, sagte Knox. Später kehrte sie wieder zu ihrer ersten Version zurück und behauptete, sie sei an dem Abend nicht in der Wohnung gewesen, sondern bei S.

Blut am Küchenmesser

Doch die Laborbefunde belasten K. und ihrem Freund. An einem 17 Zentimeter langen Küchenmesser wurden an der Klinge Blutspuren von Kercher gefunden und am Griff Blutspuren von K. Die Polizei hatte das Messer in der Wohnung von S. beschlagnahmt. Im Bad fanden die Beamten zwei Kanister Bleichmittel und stellten Schwämme und Putzlappen sicher. Die Ermittler glauben, dass K. und S. das Messer mit Bleichmittel gründlich abgewaschen haben, um Spuren zu beiseitigen. Später fand die Polizei bei S. den Kassenbon, der belegt dass das Bleichmittel am Vormittag nach der Ermordung bei einem Lebensmittelgeschäft in der Nähe seiner Wohnung gekauft worden war.

S. hatte hingegen etwas anderes behauptet: Er habe an dem Morgen lange ausgeschlafen, während K., die bei ihm übernachtet hatte, morgens in ihre Wohnung gegangen sei, um sich zu duschen und umzuziehen. K. habe die Wohnungstür offen stehend vorgefunden, das Fenster von Kerchers Schlafzimmer war eingeschlagen, ein Stein lag auf dem Fußboden. Die Ermittler nehmen an, dass K. und S. einen Einbruch vortäuschen wollten.

S. erzählte den Ermittlern, er habe am Tag von Kerchers Ermordung den ganzen Nachmittag und Abend mit Amanda zuhause verbracht und sich mit Haschisch zugedröhnt. Er könne sich nicht daran erinnern, ob K. noch einmal weggegangen sei. Er habe in der Nacht im Internet gesurft. Die Polizei ist dabei, seinen Computer zu untersuchen.

Das Augenmerk der Ermittler konzentriert sich auch auf eine Reisetasche, die K. am Eingang der Haftanstalt abgeben musste. Die Tasche wird auf Spuren der Mordwaffe hin untersucht. Die Beamten vermuten, dass K. das Messer nach der Bluttat in derselben Tasche in die Wohnung von S. zurückgebracht haben könnte.

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