Fall Natascha "Jetzt sind wir berühmt, aber schlecht berühmt"


Die Marktgemeinde Strasshof, fünfzehn Kilometer nordöstlich von Wien und an der Nordbahn gelegen, wurde Schauplatz eines der spektakulärsten der österreichischen Kriminalgeschichte.
Von Matthias G. Bernold, Wien

"Jetzt sind wir berühmt, aber schlecht berühmt", sagt der alte Herr im Föhrenhof, einer der Gaststätten im Ort. Um die Mittagszeit sind alle Tische voll besetzt. Vier Euro fünfzig kostet das Menü und die Portionen sind üppig. Eierschwammerl mit Semmelknödel, davor eine Karfiolcremesuppe, hinterher Mohnnudeln - das zieht bei den Stammgästen. Gesprächsthema Nummer Eins ist die Geschichte von Natascha Kampusch und ihrem Peiniger. Viele hier kannten ihn ein bisschen, keiner genauer. "Ich möchte selbst wissen, was mit diesem Menschen los war", sagt der Pensionist, "wahrscheinlich war das angeboren. So ein Versager."

Ein Scheusal, ein Versager, eine Sexbestie, ein introvertierter Kontrollfreak mit Machtobsession, ein ganz angenehmer Zeitgenosse, der aber vor Hunden so viel Angst hatte, dass er sich an die Wände presste, um ihnen nicht zu nahe zu kommen. Ein Radfahrer. Ein BMW-Fahrer. Ein Fernmeldetechniker. Ein Triebtäter, der jahrelang über einem sadistischen Plan brütet. Einer, der sich, wie eine Nachbarin meint, "im Keller seine Traumfrau bauen wollte". Ein kontaktscheuer Misanthrop. Ein erfolgreicher Unternehmer. In Strasshof hat jeder seine eigene Theorie über den Täter in einem der spektakulärsten Kriminalfälle Österreichs.

"Als Kind war er wie alle anderen"

Strasshof an der Nordbahn. Die Marktgemeinde gehört zum Verwaltungsbezirk Gänserndorf. Deswegen steht auf den Autokennzeichen "GF", was im Wiener Schmäh üblicher Weise mit "Ganselficker" übersetzt wird. 7.534 Einwohner hat die Ortschaft jetzt, vor fünf Jahren waren es noch 6.993. Strasshof liegt fünfzehn Kilometer außerhalb der Stadtgrenze Wiens. Es ist relativ billiger Baugrund. Eine Speckgürtelsiedlung, attraktiv für Städter, die im Grünen leben wollen und das tägliche Pendeln in Kauf nehmen. 40 Minuten braucht man unter idealen Bedingungen mit dem Auto in die Innenstadt, mit dem Zug geht es schneller. In den 1970-Jahren errichten die Österreichischen Bundesbahnen Schrebergartenanlagen für ihre Bediensteten. Wolfgang Priklopils Haus in der Heinestraße, aus dem Natascha Kampusch flieht, als ihr Wächter einen Moment lang unaufmerksam ist, liegt eingebettet in die Siedlung "Föhrenwald".

Priklopils Großvater baut das Einfamilienhaus in den 1950er-Jahren, 20 Jahre bevor die Kleingärtner kamen. "Als wir eingezogen sind, waren rundherum Felder. Nur die beiden Häuser, das vom Priklopil und das von seinen Verwandten nebenan sind schon da gestanden", erinnert sich Elisabeth Laha, die ein paar Gärten weiter in der Anlage wohnt und die Priklopil schon als Kind kannte. Aufgefallen sei ihr nie etwas. "Als Kind war er wie alle anderen. Und in den letzten Jahren habe ich ihn kaum gesehen." Auf dem Gehsteig in der Heinestraße hocken Jennifer und Esther. Jennifer ist elf, ihre Freundin gerade zwölf geworden: "Wir sind nur so da", erklären die beiden. Wie viele andere Schaulustige, die mit dem Auto oder mit dem Fahrrad vorbeifahren, hat sie das Treiben der Ermittler und Reporter angelockt. So viel war noch nie los zwischen gepflegten Vorgärten und, behübschten Fertigteilhäusern. Gerade bringt ein Kameramann sein Arbeitsgerät in Stellung. Zu filmen gibt es nicht viel. Die Kriminaltechniker arbeiten unsichtbar im Inneren des Hauses. Sie werden sich später beklagen, dass sie in der zwei mal drei Meter großen Zelle kaum Platz zum Arbeiten hatten. Ein Stück der Heinestraße wurde abgesperrt. Das gelbe Haus mit der Satellitenanlage auf dem Dach ist von einer dichten Hecke umgeben. Wenn ein Anrainer die Nase aus dem Fenster streckt, sind sofort die Reporter zu Stelle. "Wir haben keine sehr gute Meinung mehr von den Medien", sagt das Ehepaar S., "überall wird über uns als Tante und Onkel vom Priklopil geschrieben. Dabei sind wir mit ihm gar nicht verwandt. Wir wohnen doch bloß nebenan."

Anonymität der Großstadt in ländlicher Atmosphäre?

Natascha Kampusch soll im Garten gearbeitet haben, Hausarbeit verrichtet, den BMW gereinigt. Trotzdem bekam keiner der Nachbar je etwas mit. Das liegt, glauben viele hier, am Charakter Strasshofs. "Da gibt es genug Leute, die wollen von ihren Nachbarn nichts wissen", sagt eine junge Mutter, die vom Rennbahnweg nach Strasshof gezogen ist, weil sie es ruhiger haben wollte, "überall sieht man diese grünen Planen, damit nur ja keiner in den Garten schauen kann", die Leute stecken den anderen Zettel hinter Scheibenwischer, wenn sie schief parken, aber sie reden kaum miteinander. Anonymität der Großstadt in ländlicher Atmosphäre? Eine Oase des Friedens ist Strasshof nicht. Vor ein paar Monaten gab es eine Messerstecherei mit einem Toten. Und die Gemüsefrau, die Priklopil immer gesehen hat, wie er mit dem Fahrrad zum Zielpunkt (Supermarkt) einkaufen ging, weiß von einer Bande rumänischer Ladendiebe zu berichten, die eine Schaufensterscheibe brachen, um Flatscreen-Fernseher zu stehlen. Ein Polizist aus der für Strasshof zuständigen Polizeinspektion Deutsch-Wagram, der in der Heinestraße wacht, malt ebenfalls ein düsteres Bild: "Sie irren sich, wenn Sie glauben, alles sei so idyllisch hier. Wir haben hier alles, was es im schlimmsten Bezirk von Wien auch gibt." Und scheinbar noch mehr.

Matthias G. Bernold ist Redakteur bei der "wiener stadtzeitung falter" (www.falter.at)


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