Fall Natascha Gibt es ein zweites Opfer?


Zurzeit durchkämmt die österreichische Polizei das Grundstück des Entführers von Natascha Kampusch. Die Ermittler schließen nicht aus, dass Wolfgang Priklopil noch ein weiteres Mädchen gefangen gehalten haben könnte. Natascha selber will nächste Woche in einem Interview über ihre Entführung sprechen.

Das Haus des Entführers Wolfgang Priklopil gleicht einem Taubenschlag. Gerade erst wurde die biologische Spurensuche im Fall Natascha Kampusch abgeschlossen, nun ist die Sonderkommission mit Tauchern und Infrarotkameras angerückt. Gesucht wird nach etwaigen Hohlräumen, zudem wird ein Schacht auf dem Grundstück unter die Lupe genommen. Denn die Ermittler schließen nach einem Bericht des österreichischen Nachrichtendienstes "news.at" nicht aus, dass Priklopil neben Natscha Kampusch noch ein weiteres Mädchen entführt und gefangen gehalten hat.

Zudem suchte die Polizei am Tatort nach Hinweisen auf mögliche Komplizen Priklopils. Die Ermittler hätten aus dem Haus Fingerabdrücke, Fasern, Haare und DNA-Spuren entnommen, die nun ausgewertet würden, sagte der Sprecher des Bundeskriminalamts, Gerhard Lang. "Wir erhoffen uns davon Hinweise auf dritte Personen, die im Haus waren", sagte Lang. "Wir können nicht ausschließen, dass es einen weiteren Täter gegeben hat."

Der Hinweis auf einen zweiten Täter stammt von einer damals zwölfjährigen Schulfreundin von Natascha. Sie sagte, sie habe bei der Entführung einen Mann gesehen, der Natascha in einen Lieferwagen gezerrt habe, der von einer zweiten Person gelenkt worden sei. "Wenn es Spuren von dritten Personen auch in dem Raum gibt, besteht Erklärungsbedarf", sagte Lang. Kampusch selbst spreche jedoch nur von einem Täter.

Anwalt ist erschüttert

Die 18-Jährige Natascha Kampusch war mehr als acht Jahre in dem Haus in Strasshof gefangen gehalten worden, bevor ihr vor zehn Tagen die Flucht gelang. Sie wurde von ihrem Entführer in einem winzigen Raum unter der Garage versteckt, dessen Zugang mit einem Tresor gesichert war. Der 44-jährige Entführer Wolfgang Priklopil beging nach Nataschas Entkommen auf der Flucht vor der Polizei Selbstmord.

Die Polizei geht auch einem Hinweis aus der Bevölkerung nach, wonach sich der Entführer einen Kriminalroman zum Vorbild genommen haben könnte. Bei dem Buch soll es sich um "Der Sammler" von John Fowles handeln, das in den 60er Jahren erschien. Darin wird beschrieben, wie ein Mann eine Kunststudentin entführt und in einem Keller gefangen hält. Allerdings, so berichtet "news.at", sei weder das Buch noch der Film gefunden worden.

Der Tatort wurde am Freitag vom Untersuchungsrichter, dem Staatsanwalt und dem Anwalt der jungen Frau besichtigt. "Ich bin erschüttert", sagte Anwalt Gerald Ganzger, nachdem er in dem Raum gewesen war, in dem Kampusch festgehalten wurde. "Es ist ein großer Unterschied, ob man so was in der Realität sieht oder auf Bildern in der Zeitung", sagte er. Das unterirdische Verlies, das Kampusch selbst als "ihren Raum" bezeichnet, war mit Hochbett, Schreibtisch, WC und Waschbecken ausgestattet.

Ludwig Koch, der Vater der 18-Jährigen, will Schadensersatz von den Hinterbliebenen Priklopils. Die Forderung ist nach Angaben der Nachrichtenagentur APA bei einem Gericht angemeldet und beläuft sich angeblich auf 35.000 Euro als Abgeltung für die erlittenen seelischen Schmerzen durch die Entführung. Der österreichischen "Kronen-Zeitung" sagte Koch, er wolle das Geld nicht für sich sondern "als Absicherung der Zukunft meines Kindes". Auch Natascha Kampusch soll durch einen Anwalt Schadenersatzansprüche gegen Priklopil eingebracht haben.

Natascha will Interview geben

Die 18-Jährige will nächste Woche ihr Schweigen brechen. Ihrem Medienberater habe sie laut "news.at" mitgeteilt, dem Fernsehen ein Interview geben zu wollen. Wahrscheinlich hat der Sender ORF das Rennen gemacht. Natascha Kampusch war in den vergangenen Tagen als wichtigste Zeugin mehrmals verhört worden. Die junge Frau, die von der Öffentlichkeit abgeschirmt an einem geheim gehaltenen Ort lebt, wird psychologisch betreut. "Sie ist in einem guten Zustand", sagte Lang.

Auch in den nächsten Tagen will die österreichische Polizei mit ihr sprechen. Ein neuer Termin sei schon vereinbart. Doch ihr Anwalt sagte, seine Mandantin sei nach den bisherigen Gesprächen sehr erschöpft gewesen: "Sie war dem gerade noch gewachsen." Aber, so der Anwalt, "sie muss sich jetzt ganz sicher erholen".

mta/Reuters/DPA DPA Reuters

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