Fall Tim Der Angeklagte zitterte


Am Landgericht Itzehoe begann der Prozess gegen Oliver H., der den kleinen Tim umgebracht haben soll. Während der Verhandlung wich der 38-jährige den Blicken von Tims Mutter aus - obwohl sie vermutlich selbst nicht ganz unschuldig ist.
Eine Reportage von Kerstin Schneider

Der Angeklagte Oliver H. zittert am ganzen Körper, als der Gerichtsdiener im Landgericht Itzehoe seine Handschellen aufschließt. Er ist blass, seine Wangen sind eingefallen. Der 38-jährige Bautischler muss sich seit heute wegen Totschlags vor der 5. Großen Strafkammer verantworten. Er soll den zweijährigen Tim, den Sohn seiner Ex-Freundin Monya H., so schwer misshandelt haben, dass der Junge starb.

Sein Anwalt Christoph Heer aus Elmshorn wirft einen besorgten Blick auf die Zuschauerreihen.

Journalisten und Schaulustige sitzen nur wenige Meter von dem Angeklagten entfernt - getrennt durch eine niedrige Holzwand, und nicht, wie in manchen Gerichtssälen üblich, durch Panzerglas. Offenbar fürchtet der Anwalt um die Sicherheit seines Mandanten. Doch die Justiz hatte strengste Sicherheitsvorkehrungen für den Prozess getroffen. Selbst akkreditierte Journalisten mussten ihre Taschen leeren und wurden mit den Händen von Justizbediensteten abgetastet - teilweise gefährlich nahe am Schritt, was für Unmut sorgte.

Nur wenige Meter vom Angeklagten sitzt Tims Mutter Monya H. Die 21-jährige sieht zu ihrem Ex-Freund herüber. Doch Oliver H. erwidert ihren Blick nicht. Mit gesenktem Kopf sitzt er da, hört, was der Staatsanwalt ihm vorwirft. Der Ankläger kleidet das, was am 8. November des vergangenen Jahres passiert ist, in nüchterne Worte. Oliver H. soll den kleinen Tim "an beiden Armen gepackt" und so heftig geschüttelt haben, dass das Kind mit dem Kopf "gegen eine harte Fläche prallte" und Stunden später an einer "ausgeprägten Hirnschwellung" starb. Sechs Tage suchte die Polizei damals nach Tim. Die Beamten fanden die Leiche des Kindes zusammengepfercht in einer schwarzen Sporttasche. Sie stand in der Ecke eines verwilderten Gartens. Monya H. schließt kurz die Augen, kaut auf der Unterlippe, knetet ihre Hände, die gefaltet im Schoß liegen. Wieder blickt sie Oliver H. an. Doch der Mann, der ihren Sohn getötet haben soll, würdigt die Mutter keines Blickes.

Leise, kaum hörbar, haucht Oliver H. ein "Ja" in den Raum, als der Richter ihn fragt, ob er aussagen will. Der Bautischler hat in der U-Haft einen 32-seitigen Brief geschrieben, der in den nächsten Prozesstagen vor Gericht verlesen werden soll. Schon nach einer knappen Viertelstunde ist die Verhandlung beendet. Christoph H., der Anwalt von Oliver H., beeilt sich, den Journalisten zu versichern, dass der Brief "kein Geständnis" sei. Oliver H. stellt Tims Tod nach wie vor als Unfall da. Dagegen sprächen die medizinischen Gutachten, wie Oberstaatsanwalt Wolfgang Zepter betont. "Wir haben keinen Grund, auch nur einen Millimeter vom Anklagevorwurf abzuweichen", sagt er. Auch Tims Mutter Monya H. muss sich darauf gefasst machen, dass ihre Rolle im Prozess genau beleuchtet wird. "Wir werden sehr genau hinsehen, wie der Junge aufgewachsen ist", kündigt Zepter an. Der Stern hatte Anfang Januar anhand eines Fotos enthüllt, dass Tim offenbar schon vor seinem Tod misshandelt worden war. Das Foto aus der Digitalkamera von Oliver H. zeigt Tim wenige Tage vor seinem gewaltsamen Tod. Auf dem Bild ist deutlich zu erkennen, dass Tims Wange und sein Ellenbogen blau angelaufen sind.

Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft, wer für diese Verletzungen verantwortlich war und was Tims Mutter Monya H. gewusst hat. Darüber hinaus gibt es zwei Zeugen, die am 8. November im Nebenhaus und auf der Straße Schreie gehört haben wollen. Monya H., die ihr Kind über Tage Oliver H. anvertraute, will dagegen nichts gehört haben. "Das ist auch eine Frage, die wir klären werden", sagt Zepter.


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