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Fall Tuğçe A.: Justizminister hält härtere Strafen für unwirksam

Bundesjustizminister Heiko Maas glaubt nicht, dass härtere Strafen den Tod von Tuğçe A. verhindert hätten. Er setzt auf etwas anderes als auf Abschreckung.

Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) hält härtere Strafen für Gewaltverbrechen als Konsequenz nach dem Tod der Studentin Tugce A. für nicht angebracht. "Wer glaubt, mit härteren Strafen solche Verbrechen zu verhindern, ist auf dem Irrweg", sagte Maas am Montagabend in Neumünster am Rande einer SPD-Regionalkonferenz. Notwendig sei insgesamt mehr Zivilcourage der Bürger. Je mehr Menschen Zivilcourage zeigten, um so unwahrscheinlicher dürfte es werden, dass solche Gewalttaten wieder passierten, meinte Maas.

Auch nach dem vorläufigen Ergebnis der Obduktion bleibt unklar, ob die Studentin Tugce A. an einem Schlag gegen den Kopf oder dem anschließenden Sturz starb. Beides könne die festgestellte stumpfe Gewalteinwirkung verursacht haben, teilten Polizei und Staatsanwaltschaft am Montag in Offenbach mit. Wann mit einem endgültigen Ergebnis zu rechnen ist, stehe nicht fest. Die Untersuchungen seien sehr aufwendig.

Mutmaßlicher Täter schweigt

Die junge Frau war Mitte November vor einem Offenbacher Schnellrestaurant so schwer verletzt worden, dass sie ins Koma fiel und später starb. Die lebenserhaltenden Apparate wurden am vergangenen Freitag abgestellt. Der mutmaßliche Schläger, ein 18-Jähriger, sitzt in Untersuchungshaft und schweigt zu den Vorwürfen.

Die Ermittler prüfen zurzeit auch, auf welchem Weg ein Video mutmaßlich aus der Tatnacht in die Öffentlichkeit gelangt ist. Darauf seien offensichtlich Szenen vom Parkplatz des Schnellrestaurants zu sehen, teilten die Behörden mit. Das Video sei von den Ermittlungsbehörden nicht freigegeben worden. Die "Bild"-Zeitung hatte auf ihrer Internetseite den Film der Überwachungskamera des Schnellrestaurants veröffentlicht, der die Attacke auf Tuğçe A. mit tödlichen Folgen zeigen soll.

Keine Angaben machen die Ermittler zu den Aussagen zweier junger Frauen, die als Zeuginnen tagelang gesucht worden waren. Es dürften die beiden Mädchen sein, die zu Beginn der Auseinandersetzung im Inneren des Restaurants gesehen wurden. Am vergangenen Wochenende hätten sie sich bei den Behörden gemeldet, heißt es in der Mitteilung. Die jungen Frauen hätten sich bisher nicht als die Gesuchten angesprochen gefühlt. Angaben zu ihrer Identität wurden nicht gemacht.

Belästigungen auf der Toilette

Die beiden jungen Frauen sollen sich nach früheren Mitteilungen der Polizei kurz vor dem Zwischenfall in den frühen Morgenstunden stark betrunken im Toilettenbereich des Fast-Food-Lokals aufgehalten haben. Dabei sollen sie von mehreren Männern belästigt worden sein, darunter auch von dem mutmaßlichen späteren Schläger. Tuğçe A. half nach Aussage von Zeugen den Mädchen, was die spätere Attacke vor dem Restaurant ausgelöst haben könnte.

Tuğçe A. soll am Mittwoch (3. Dezember) auf dem Friedhof von Bad Soden-Salmünster in Osthessen beigesetzt werden. Ein Sprecher der Stadtverwaltung bestätigte den Termin. Eine genaue Uhrzeit war zunächst jedoch nicht bekannt. Medienberichten zufolge soll die junge Frau vor der Beisetzung in einer Moschee im benachbarten Wächtersbach aufgebahrt werden.

"Danke Tuğçe"

Ihr Tod erregt auch in der Türkei große Aufmerksamkeit. Die Zeitung "Türkiye" veröffentlichte am Montag einen Artikel mit der Überschrift "Danke Tuğçe, Seni Seviyoruz" (Danke Tuğçe, wir lieben dich). Andere Zeitungen begleiteten die Entwicklung im Fall Tuğçe vor allem nachrichtlich. Die Zeitung "Hürriyet" titelte bereits am Freitag auf Deutsch mit den Worten "Danke Tuğçe".

Der Vorschlag, Tuğçe A. das Bundesverdienstkreuz zu verleihen, findet unterdessen immer mehr Unterstützer. Allein die Internet-Plattform "Change.org" verzeichnete bis zum Montag mehr als 140.000 Unterschriften unter einer entsprechenden Petition. Deren Initiatoren wollen erreichen, dass der Studentin posthum die Auszeichnung verliehen wird. Bundespräsident Joachim Gauck will das prüfen lassen.

tkr/DPA / DPA