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Interview mit Mordfall-Analytiker: "Ich hatte noch nie den Eindruck, einen Hannibal Lecter zu jagen"

Andreas Tröster ist Fallanalytiker beim LKA. Er wird gerufen, wenn die Mordkommission nicht mehr weiterweiß. Viele würden ihn einen "Profiler nennen" - aber deren Arbeit, die in Hollywood-Filmen so gerne verklärt wird, ist nur ein kleiner Teil von Trösters Ermittlungen.

Von Ingrid Eißele und Dominik Stawski

Stern Crime Profiler

Phantombilder von Tätern: Eines von Tausend Puzzle-Teilen, die in der Arbeit von Andreas Tröster eine Rolle spielt

stern Crime: Auf Ihrem Tisch liegt ja eine Glaskugel. Ist das ein Witz?

Andreas Tröster: Ein Antrittsgeschenk der alten Kollegen, als ich von der Mordkommission zur Operativen Fallanalyse wechselte. Nach dem Motto: Andi, jetzt gehst du ja zu den Hellsehern.
Klingt wie eine Provokation.
Nein, nein, die haben sich schon für mich gefreut. Ich durfte vor fast 20 Jahren die Fallanalyse im LKA aufbauen, das war etwas Besonderes. Aber es gab auch Skepsis. Das sind erfahrene Kollegen, die sich fragten: Bringt das was? Was können die besser?
Und?
Sie werden von mir sicher keine dieser typischen Heldengeschichten hören. Der einsame Wolf, am Türrahmen lehnend, Zigarette rauchend, der mal eben den Fall löst.
Stört Sie dieses Image?
Es fängt schon mit dem Wort "Profiler" an.
Was ist daran falsch?
Profilen ist nur ein kleiner Teil unserer Arbeit, um ein Bild vom Täter zu bekommen. Wir machen sehr viel mehr. Und wir sind Teamplayer, keine Einzelkämpfer, keine Genies und keine Superheroes.

Andreas Tröster, Profiler - oder zu Deutsch: Fallanalytiker

Andreas Tröster, Profiler - oder zu Deutsch: Fallanalytiker

Und auch keine Hellseher?
Leider nicht. Es ist eine sehr strukturierte Arbeit.
Was machen Sie anders als die Mordermittler?
Es ist die ganzheitliche Fallbetrachtung.
Konkret?
Der Mordermittler fragt sich am Tatort: Wo finde ich Spuren? Wir fragen: Wo hat er angegriffen? Und wo hätte er alternativ angreifen können? Warum hat er sich so entschieden? Wir suchen nach Handlungen, nach Alternativen. Was hat der Täter getan, was er nicht hätte tun müssen? Und: Was hat er nicht getan, was er hätte tun können? Und was sagt uns das über den Täter?

Macht das nicht schon ein guter Mordermittler?
Wir haben im Gegensatz zum Ermittler viel mehr Zeit und Ruhe. Die Kollegen in der Soko sind vor Ort getrieben von den Ereignissen, von Hinweisen, neuen Spuren, alles muss abgearbeitet werden. Wir können uns auf die objektiven Fakten konzentrieren und alle Hypothesen und Alternativen durchdenken, die Ermittler haben oft nicht die Zeit.
Ist das nicht ein ernstes Problem?
Nein, es ist Arbeitsteilung. Der Kommissar von heute ist kein Sherlock Holmes, eher eine Art Manager. Er muss wissen, welche Unterstützung er wo bekommt, muss die richtigen Schubladen öffnen, Spezialisten einbinden: Kriminaltechnik, DNA-Technik, Schusswaffengutachter. Und je nach Fall auch uns.
Wie arbeiten Sie?
Das Wichtigste: Wir arbeiten abgesetzt von den Ermittlern. Wir haben hier im LKA einen Analyseraum. Darin zieht sich unser Team in der Regel für mindestens eine Woche zurück. Wir stellen uns ungestört Fragen, entwickeln Hypothesen.
... die Sie auf große Glasscheiben schreiben?
Quatsch. Das ist ein normaler Konferenzraum, groß genug, damit wir beim Diskutieren umherlaufen können. In der Mitte ein großer Tisch, dazu Flipcharts, Beamer, Pinnwände. Und wir haben eine lebensgroße Puppe, an der wir die Taten nachstellen können. Der Rest ist Hollywood.
Wann kommen Sie denn ins Spiel?
Unterschiedlich. In der frühen Phase sind wir nur Berater, erst Wochen später steigen wir in die eigentliche Fallanalyse ein. Wir brauchen dafür möglichst viele objektive Informationen, rechtsmedizinische Gutachten zum Beispiel. Unsere Basis darf nicht wachsweich sein. Uns interessiert nicht, was der Zeuge XY gesehen hat. Wir lesen die Aussagen gar nicht erst, lassen uns vorselektierte Ordner geben. Wir brauchen Fakten, keine Einschätzungen. Die führen schnell aufs falsche Gleis.
Lehnen Sie Fälle ab?
Nicht alle Fälle sind für uns geeignet. Der Klassiker ist der Auftragsmord. Tür auf, drei Schüsse, Täter dreht sich um und geht. Was soll ich da analysieren? Wenn ich kein Verhalten beurteilen kann, ist nichts zu machen.

Andreas Tröster und sein Team analysieren ungelöste Mord- und Sexualdelikte. In Filmen nennt man Leute wie sie Profiler, sie gelten als Genies. "So ein Quatsch", sagt Tröster. Sein wichtigstes Werkzeug sind gut recherchierte Akten und Spuren – wie dieses Seil, das der Täter bei einem Dreifachmord hinterließ

Andreas Tröster und sein Team analysieren ungelöste Mord- und Sexualdelikte. In Filmen nennt man Leute wie sie Profiler, sie gelten als Genies. "So ein Quatsch", sagt Tröster. Sein wichtigstes Werkzeug sind gut recherchierte Akten und Spuren – wie dieses Seil, das der Täter bei einem Dreifachmord hinterließ

Beginnt Ihre Arbeit immer am Tatort?
Ja, fast immer. Manchmal ist der längst kalt, Jahre sind vergangen. Wir wollen die Luft des Tatorts schnuppern.
Das klingt jetzt doch nach Hollywood.
Ist aber nicht so gemeint. Schnuppern ist nur ein Synonym für konkrete Fragen: Wie ist die Beleuchtung dort, die Umgebung, wie sind die Geräusche? Stellen Sie sich ein Industriegebiet vor: Wenn dort nachts ein Mädchen vergewaltigt und getötet wurde, dann bringt es wenig, am Tag hinzugehen, da brummt der Verkehr. Wir müssen nachts hin, zur tatrelevanten Zeit. Werfen Sie dann eine Münze auf den Boden, hört man sie im gesamten Gebiet.
Gehen Sie allein hin?
Immer im Team, die Vielzahl der Gedanken ist der Mehrwert. Mindestens drei Kollegen, eher fünf. Manche kommen aus dem Bereich Sexualdelikte, manche von den Tötungen. Manche sind hochstrukturiert, manche eher Freigeister. Am Tatort sprechen wir nicht viel. Jeder lässt es wirken, jeder schaut für sich allein. Wie kam der Täter zum Tatort? Wie kam er dort weg? Womöglich verschmutzt, blutverschmiert? Und warum hat er es nicht zehn Meter weiter hinter der Hecke getan? Später besprechen wir es in der Gruppe.
Was hilft es, zu wissen, dass es für den Täter eine bessere Stelle gegeben hätte, sein Opfer zu ermorden?
Es sind die ersten Fährten, die uns zur Tat, zu ihrem Entstehen und zum Täter führen. In der Regel ist das, was passiert ist, unvorstellbar schlimm, die Erklärung dafür aber meist banal: Oft ist irgendwas eskaliert. Als Allererstes fragen wir: Ist es eine Beziehungstat? Eine situative Tat? Eine geplante?
Sie suchen nach logischen Erklärungen für das Verhalten des Täters?
Nur das macht Sinn. Ist es nicht erklärbar, irrational, ist das der Tod der Analyse.
Geben Sie uns ein Beispiel.
Vor einigen Jahren gab es eine Mordserie an der französischen Grenze, in Kehl. Es kam ein Anruf der Kollegen der Sonderkommission: Zwei Frauen waren gefunden worden. Die erste, eine türkische Altenpflegerin, war morgens um halb vier mit einem harten Gegenstand niedergeschlagen worden, sie starb kurz darauf in der Klinik. Ein paar Wochen später der zweite Fall: Da wurde am frühen Morgen eine Frau vor ihrer Wohnung in Kehl mit einer Eisenstange attackiert. Nur weil der Ehemann Schreie hörte und zum Fenster stürzte, ließ der Täter von ihr ab, sie überlebte. Der Kollege aus der Soko sagte: Wir sind uns ziemlich sicher, dass die Fälle zusammengehören. Beide in Kehl. Beide innerhalb weniger Wochen.
Eine Frau tot, die andere schwer verletzt – und die Polizei hat den Täter nicht. Wahrscheinlich ein unglaublicher Druck, gerade in einer Kleinstadt.
Die Hütte brannte! Wir haben uns die Tatorte angeschaut, da geschah zwei Wochen später der nächste Mord: eine Zeitungsausträgerin, die mit einem Messer attackiert wurde. Die Soko wurde auf 100 Leute hochgefahren. Die Frauen im Ort trauten sich nicht mehr auf die Straße, die Zeitungsausträger begannen erst bei Tageslicht mit ihrer Arbeit. Für die Ermittler war die zentrale Frage: Gehören die drei Fälle zusammen? Oder ist das Zufall?
Und?
In den ersten beiden Fällen wurde eine Eisenstange verwendet, im dritten Fall ein Messer. Das ist ein krasser Unterschied und zunächst mal ein Indiz für verschiedene Täter. Aber: Wir konnten ja nicht ausschließen, dass der Täter gelernt hat. Ein Messer ist handlicher als eine Eisenstange. Und die zweite Frau hatte die Attacke mit der Eisenstange überlebt, vielleicht wollte er beim nächsten Mal sichergehen. Dazu der enge geografische Raum, die zeitliche Nähe, die Dunkelheit, und alle Opfer waren Frauen – das alles sprach für einen Zusammenhang. Vor allem aber gab es ein besonders auffälliges Täterverhalten.
Was meinen Sie?
Er hat den Körper der Krankenschwester und den der Zeitungsausträgerin verlagert, die Unterbekleidung ausgezogen, manipuliert, aber nicht vergewaltigt. Während er einerseits äußerst brutal getötet, mit dem Messer vielfach zugestochen hat, war die sexuelle Handlung vergleichsweise niederschwellig. Ausziehen, anschauen, eher vorsichtiges Hinfassen. Wer so brutal zuschlägt, von dem würde man erwarten, dass er sich dann auch brutal auslebt.
Was sagte Ihnen sein Verhalten noch?
Er hatte offenbar keine Eile, er musste ja sein Opfer um die Ecke ziehen, auskleiden. Je länger sich ein Täter am Tatort aufhält, desto wahrscheinlicher ist es, dass er sich auskennt und weiß, wie er wegkommt. Deswegen hatten wir einen völlig ortsfremden Täter ausgeschlossen, der auf der Durchreise ist.
Er ging ein wahnsinnig hohes Risiko ein. Warum?
Wenn jemand so viel riskiert, muss er davon einen Nutzen haben, beispielsweise die Befriedigung einer besonderen Fantasie. Vielleicht ist sein Bedürfnis so hoch, egal, was passiert. Oder er sucht bewusst den Kitzel. Oder er ist sich gar nicht bewusst, dass er ein Risiko eingeht.
Zu dumm also?
Womöglich – aber wir wissen nicht, auf welchem Level er tickt. Wir blenden uns mit unserem eigenen geistigen Horizont in den Fall ein. Wer sagt uns, dass der Täter den gleichen geistigen Horizont hat? Vielleicht ist er uns weit überlegen – oder deutlich unterlegen, das macht es so schwer. In Kehl hatte er immer Glück, niemand konnte ihn erkennen. Er war urplötzlich verschwunden. Die Presse nannte ihn das "Phantom von Kehl".
Aber es gab den Ehemann, der ihn gesehen hatte.
Es gab auch Phantombilder, aber die waren unbrauchbar. Und wie gesagt, für uns dürfen solche Zeugenaussagen eh keine Rolle spielen.
Konnte nicht die Frau, die überlebte, den Täter erkennen?
Sie war schockstarr. Sie erinnerte sich an eine Kapuzenjacke, aber ihre Aussage hat der Soko nicht geholfen.
Nicht mal mit Angaben zur Größe des Mannes?
Schwierig: Der Täter ist immer groß und stark. Es gab dann einen vierten Fall, auf französischer Seite. Das Opfer war eine deutsche Lehrerin, die in Straßburg lebte, sie war mit dem Fahrrad in den Rheinauen bei La Wantzenau unterwegs, als sie angegriffen wurde, auch hier wurde die Unterbekleidung heruntergezogen.
Was haben Sie gemacht?
Wir sind zum Tatort. Die Leiche wurde an einer Böschung neben einem asphaltierten Waldweg gefunden. Das Blut war noch da. Es lagen nicht einmal 15 Kilometer zwischen den Tatorten. Wieder war die Waffe ein Messer, und wieder gab es diese eher vorsichtige Entkleidung untenrum. Die Leggings waren fast säuberlich heruntergezogen. Wir haben den Franzosen gesagt: Leute, wir suchen denselben!
Fand sich DNA des Täters?
Ja, es gab sogar einen Massengentest, aber später stellte sich heraus, dass es keine Täter-DNA war. Heute findet die Kriminaltechnik jede Mikrospur, häufig eben auch von Leuten, die nichts mit der Tat zu tun haben.

Die Glaskugel ist ein Geschenk der früheren Kollegen. "Gehst ja zu den Hellsehern", spotteten sie.

Die Glaskugel ist ein Geschenk der früheren Kollegen. "Gehst ja zu den Hellsehern", spotteten sie.

Gab es ähnliche Fälle in Deutschland?
Wir haben eine spezielle Datenbank, in der die Muster aller Tötungs- und Sexualdelikte gespeichert werden. Nichts. Wir fragten das FBI: Wie viele Täter gibt es von diesem Typus? Die schätzten, vielleicht zehn, weltweit! Dass noch so einer hier herumläuft? Unwahrscheinlich.
Vier Opfer, vier Tatorte. Und keine guten Zeugen. Klingt schwierig.
Wie immer bei uns. Es sind genau diese schweren Fälle, die hier landen. Wir werden immer wieder gefragt: Wie hoch ist eure Erfolgsquote? Wie oft habt ihr zur Lösung beigetragen?
Und?
Schwierig. Ich weiß es nicht. Aber egal, was ich sagen würde, die Reaktion wäre: Oh, so wenig. Es gibt Tötungsdelikte, die lassen sich nicht klären – meistens weil es keinen Bezug zwischen Täter und Opfer gibt, weil die Spurenlage schlecht ist oder Zeugen fehlen. Und diese Fälle landen dann bei uns.
Zurück zur Mordserie an den Frauen. Wie ging es weiter?
Wir befürchteten, dass der Täter zum fünften Mal zuschlägt. Nach dem Mord an der Lehrerin begannen auch in Frankreich aufwendige Ermittlungen. Ein älterer, bis dahin ungeklärt gebliebener Mord an einer Drogenprostituierten in Straßburg wurde als Verdachtsfall nach Deutschland gemeldet. Und auch da gingen die Kollegen und unsere Leute davon aus, dass er wohl auf das Konto des Kehler Phantoms ging.
Die Serie wurde immer größer.
Es gab dann einen französischen Ermittler, der unsere Analyse gelesen hatte. Und dieser Mann bekam plötzlich einen neuen Fall auf den Tisch: ein Mann aus Guadeloupe, Wachmann in einem Straßburger Supermarkt, häufig in Kehl zu Besuch. Der hatte in einem Streit einen Kollegen mit einem Samurai-Schwert angegriffen.
Was hat ein Samurai-Schwert mit der Mordserie zu tun?
Einerseits die exzessive Gewalt. Andererseits tauchte der Name des Wachmanns auch in der Akte zum Straßburger Prostituiertenmord auf. Er wurde damals in Tatortnähe gesehen. Der Ermittler durchforstete noch einmal alles, fand bei dem Wachmann Anzeichen für ein schwieriges Mutter-Sohn-Verhältnis. Er holte sich die Erlaubnis, nach Guadeloupe zu fliegen, und sprach mit der Mutter, die nichts von ihrem Sohn wissen wollte. Wut auf Frauen schien als Motiv denkbar. Daraufhin konfrontierte er den Mann. Nach langen Vernehmungen hat er die Morde gestanden.
Ein Zufall?
Man kommt nur an den Zufall, wenn man intensiv ermittelt. Wer weiß, ohne die Hartnäckigkeit dieses französischen Kollegen gäbe es das Phantom vielleicht noch heute.
Haben Sie dem Phantom jemals gegenübergesessen?
Nein, wir haben uns davon berichten lassen. Nach jedem Fall evaluieren wir unsere Arbeit. Auch damals haben wir uns gefragt, wie gut er in unser Profil passte.
Und?
Vieles traf zu, die niedrige Hemmschwelle und extreme Gewaltbereitschaft, das problematische Verhältnis zu Frauen und dass er aus der Nähe stammte. Wir dachten allerdings, dass er als Typ eher schüchtern sei. Tatsächlich war er ein Partygänger und Nachtmensch. Und wir waren überrascht, dass er eine dunkle Hautfarbe hatte. Daran hatte sich kein einziger Zeuge erinnert – so viel zu den subjektiven Eindrücken.
Hat der Mann erklärt, warum er das gemacht hat?
Er hat kaum etwas erklärt. Es ist oft so: Man hat den Täter, aber es bleiben viele Fragen.
Sie denken sich in den Kopf des Täters, und am Ende sitzen Sie ihm nicht mal gegenüber.
Ja, das wäre schon spannend. Aber das ist nicht mehr unser Job.
Sind Sie nie bei Vernehmungen dabei?
Nein, wir vernehmen nicht, wir ermitteln nicht, nie – wir sind Berater. Nur manchmal, wenn wir eine Vernehmungsstrategie entwickelt haben, sitzen wir im Nebenzimmer und schauen uns das auf dem Bildschirm an, geben Tipps.

Tröster im sogenannten Analyseraum. Nichts darin wirkt so spektakulär, wie viele glauben. Statt beschreibbarer Glasscheiben stehen hier Flipcharts.

Tröster im sogenannten Analyseraum. Nichts darin wirkt so spektakulär, wie viele glauben. Statt beschreibbarer Glasscheiben stehen hier Flipcharts.

Wenn ein Täter geschnappt wurde, denken Sie dann: Dem hatten wir zu viel Intelligenz zugeschrieben?
Nein, wir neigen nicht dazu, die Täter zu überzeichnen. Im Fall von Kehl hatten wir nie den Gedanken, dass dahinter ein Hannibal Lecter stecken könnte. Solch überlegenes Wissen ist extrem selten, zum Glück! Bei so einem würden wir an unsere Grenzen stoßen.
Warum?
Weil er täuschen und mit völlig unspezifischem Verhalten perfekte falsche Fährten legen könnte. Ich bin jetzt seit 18 Jahren im Geschäft, hatte aber noch nie den Eindruck, einen unfehlbaren Serienkiller wie aus dem Film zu jagen. Obwohl wir natürlich schon Täter hatten, die falsche Spuren legten.
Wen?
Es gab einmal einen brutalen Dreifachmord in Heidelberg. Kurz vor Weihnachten 2002 wurden in einer Praxis der Arzt, seine Frau und die Arzthelferin stranguliert. Der Täter hob danach mit den Bankkarten der Opfer 1000 Euro ab. Später erreichte die Polizei ein anonymes Schreiben. Darin standen Sätze wie diese: "Herr Socko. In Heidelberg war Polizei vor Bank deshalb mit Taxi nach Mannheim zurück. Sie brauchen uns nicht suchen wir Fliegen Wochenende in Heimat zurück."

Klingt komisch.

Der Täter wollte ablenken. Wollte vorgeben, dass er nicht allein war und dass er aus dem Ausland stammt, deswegen die Fehler und die Ansprache "Herr Socko". Aber die Fehler schienen doch sehr absichtlich platziert zu sein.
Wie wussten Sie, dass es kein Trittbrettfahrer war?
Es stand Täterwissen darin: "Fesseln an Heizung".
Er war offensichtlich nicht sehr schlau, wenn er auch noch Täterwissen eingebaut hat. Hätten Sie ihn danach gefasst, wäre es ein Leichtes gewesen, ihn zu überführen.
Sagen wir es so: Nicht nur uns, sondern auch der ermittelnden Soko war klar, dass er in einer einfachen Welt lebt. Wichtig war aber auch, dass wir aus dem Brief schließen konnten, dass er sich mit seiner Tat beschäftigte. Es war also nicht zu vermuten, dass er gleich wieder zuschlägt. Das war die größte Sorge.
Hat der Brief noch mehr erzählt?
Wenn einer explizit darauf hinweist, dass er zurück in die Heimat geflogen ist, dann ist es wahrscheinlicher, dass er sich in der Nähe aufhält. Schon mal gut zu wissen. Kaum etwas ist schlimmer als ein reisender Täter, der auf der Durchfahrt ist.
Wie hat die Soko ihn gekriegt?
Der Täter hatte ein Seil in die Praxis mitgebracht, um die Opfer zu fesseln. Es wurden alle Baumärkte überprüft, die Kollegen konnten aber nicht herausfinden, wo er es herhatte. Als ich mit meinen Kindern bei Karstadt in Ludwigsburg einkaufen war, stöberten sie in so einer Ausverkaufsschütte mit allerlei, und da sah ich doch tatsächlich dieses Seil!
Wieder so ein Zufall.
Ja. Das Seil gab es auch bei Karstadt in Mannheim. Außerdem hatte der Täter Zigarillos der Marke Braniff geraucht. Die sind selten. Im Karstadt in Mannheim gab es einen Tabakshop. Die Kioskbesitzerin sagte, dass sie einen Kunden hatte, der Braniffs kauft. Der Kiosk wurde überwacht, und so ging uns der Mann ins Netz. Die Kombination Braniff und Seil hat letztlich den Erfolg gebracht. Es war aber kein Verdienst der Fallanalyse, sondern erstklassige Ermittlungsarbeit und das Glück des Tüchtigen.
Feiern Sie solch einen Erfolg?
Wir freuen uns, aber es knallen keine Korken, da bleiben wir erstaunlich emotionslos angesichts dessen, was wir vorher an Herzblut und Zeit investiert haben.

Über Monate jagte Tröster einen Frauenmörder in Süddeutschland. Zeugen lieferten der Soko ein Phantombild, die Zeitungen druckten es. 

Über Monate jagte Tröster einen Frauenmörder in Süddeutschland. Zeugen lieferten der Soko ein Phantombild, die Zeitungen druckten es. 

Sie sagten eben, alles beginnt am Tatort. Was sagt es Ihnen, wenn das Opfer grausam entstellt ist?
Vielleicht wollte der Täter das Opfer vernichten und auslöschen, dann steht oft das Gesicht im Fokus. Oder die Situation lief aus dem Ruder, das passiert häufig bei Taten aus dem sozialen Nahraum, beispielsweise bei Expartnern, bei der sogenannten letzten Aussprache. Plötzlich kippt die Situation, die Gewalt artet aus.
Können Sie eine Eskalation unterscheiden vom Wunsch des Täters, den anderen auszulöschen?
Meistens. Eskalative Attacken verursachen Kampfspuren und Begleitverletzungen. Das ist beim Auslöschen nicht unbedingt der Fall.
Sind Sie bei den Obduktionen dabei?
Nein, meistens nicht. Wir bekommen die Gutachten und besprechen uns mit den Rechtsmedizinern.
Was kann es bedeuten, wenn ein Täter zum Tatort zurückkehrt?
Emotionale Beteiligung. Er ist gefangen in der Tat, die ihm vielleicht leidtut. Oder er will nachschauen, ob er Spuren hinterlassen hat. In seltenen Fällen will er die Tat noch einmal nacherleben. Oder der Tatort hatte schon vor der Tat eine besondere Bedeutung für ihn.
Können Sie sich die mörderischen Fantasien, die psychischen Abgründe mancher Täter ausmalen?
Nein, da würde ich mir zu viel rausnehmen. Einer Soko ist auch nicht geholfen, wenn wir ein Krankheitsbild des Täters liefern, damit kann man ihn weder fassen noch sich ihm nähern. Was eine Soko braucht, sind Anknüpfungspunkte. Beispielsweise: Warum und wie kam die Idee zu dieser Tat zustande? Wie ist sein Verhältnis zum Opfer, wo ist er geografisch zu verorten? Könnte er der Polizei bereits wegen anderer Delikte bekannt sein?
War das von Anfang an in Ihrer Abteilung so?
Anfangs versprach man sich viel vom Psychologisieren. Das Böse zu begreifen, zu interpretieren, griffige Typologien zu benutzen. Das FBI und die kanadische Polizei haben das vorgemacht. Sie sagten: Wenn einer beispielsweise sein Opfer mit vielen Stichen übertötet, dann hat das folgende Gründe … Die Forschung vor allem in Deutschland und Europa hat das relativiert. Es zeigte sich, dass so etwas wie ein Overkill auch ganz andere Gründe haben kann. Unerfahrenheit beispielsweise. Oder ein wehrhaftes Opfer. 30 Stiche bedeuten in einem Fall übertöten, im anderen Fall nicht.
Es gab Fälle, bei denen Sie nicht helfen konnten. Das sogenannte "Phantom von Heilbronn" war so einer. Damals wusste man noch nicht, dass der NSU die Polizistin Michèle Kiesewetter in Heilbronn umgebracht hatte. Man hatte aber eine DNA-Spur. Und diese DNA fand man auch bei zahlreichen anderen Delikten, mal an einer Kaffeetasse nach einem Mord, mal an einem angebissenen Keks in einem Gartenhäuschen. Immer dieselbe DNA. Die Polizei jagte jahrelang dieses Phantom. Was war dabei Ihre Aufgabe?
Wir sollten eine geografische Analyse erstellen. Gibt es Ankerpunkte? Bezüge zu anderen Personen? Woher könnte die Täterin stammen? Es war ja eine weibliche DNA.
Und?
Ich war skeptisch. Die Fälle passten nicht zueinander. Aber es gab diese DNA. Das war bis damals ein völlig unumstrittener objektiver Fakt, wie in Stein gemeißelt, das musste berücksichtigt werden. Am Anfang ließ sich das Tatmuster noch mit hoher Mobilität erklären, aber relativ rasch passte es gar nicht mehr. Ich hatte so was noch nicht erlebt. Eine Täterin, die in allen möglichen Verbrechensarten zu Hause ist, nicht lokal begrenzt. Natürlich haben wir sehr früh auch an die Möglichkeit gedacht, dass das eine Kontamination sein könnte, dass DNA fälschlicherweise übertragen wurde, beispielsweise bei der Beweissicherung. Es gab mehrere Vergleichsuntersuchungen, aber nichts fiel auf.
Und dann? Sie müssen ja was abliefern, auch schriftlich.
Die geografische Analyse war letztlich sehr dünn. Und sie wurde mit jeder neuen Tat, bei der die DNA auffiel, schlechter statt besser. Wir hätten aber schwerlich sagen können: Sorry, macht es allein, es geht nicht.
Die Lösung war unglaublich: Die Wattestäbchen, mit denen die Spurensicherung arbeitete, waren nicht rein, sondern trugen die DNA einer Mitarbeiterin des Lieferanten.
Ja, doch eine Kontamination. Es waren aber nicht alle Stäbchen kontaminiert, sonst wäre die Sache früher ans Licht gekommen. Die Häme danach war sehr groß, auch unter den Kollegen und im Bekanntenkreis.
Gibt es eine Lehre aus der Wattestäbchenaffäre?
Inzwischen gibt es viel höhere Qualitätsstandards, die ständig angepasst werden. Aber uns Analytikern hat der Fall vor allem eines gezeigt: Sind die objektiven Spuren falsch, fehlt die Grundlage, und wir bekommen in unseren Analysen ein wahnsinniges Problem.
Sie haben auch eine Analyse zu den NSU-Morden gemacht, lange bevor man erfuhr, wer die wahren Täter sind. Sie vermuteten die Täter in Südosteuropa, den Opfern unterstellten Sie "eine undurchsichtige Lebensführung". Vermutlich hätten sie "einer Gruppe angehört, die ihren Lebensunterhalt mit illegalen Tätigkeiten verdient", die Opfer hätten gegen das innere Gesetz, gegen den "Ehrenkodex" verstoßen. Was sagen Sie heute dazu?
Wir unterstellen nicht, wir ziehen Schlüsse. Die Basis dafür sind immer die vorliegenden Informationen, in diesem Fall auch zu den Opfern. Diese Informationen werden nie von uns selbst erhoben. Wir können das auch nicht überprüfen oder gegenchecken.
Heute wissen wir, dass alles ganz anders war.
Und es ist müßig, zu fragen, zu welcher Einschätzung wir gekommen wären, hätten wir damals mehr gewusst.
Rechtsterroristen als mögliche Täter spielten für Sie gar keine Rolle?
So kann man das nicht sagen. Wir haben das natürlich auch diskutiert, aber es wurde als weniger wahrscheinlich erachtet, deshalb konzentrierten wir uns auf das andere.
Was ist denn Ihre Lehre daraus?
Man muss immer alles, auch das Undenkbare oder scheinbare Randphänomene, ins Kalkül ziehen und sehr intensiv betrachten. Auch wenn es verdammt bitter ist, für uns Fallanalytiker wird so etwas, denke ich, ein nahezu unlösbares Problem bleiben. Denn Fallanalyse ist die Arbeit mit Wahrscheinlichkeiten. Wir müssen das Wahrscheinlichste priorisieren. Die Fallanalyse hat die undankbare Aufgabe, Entscheidungen zu treffen. Etwas Rechtsterroristisches wie der NSU war eine Möglichkeit, aber damals nicht die wahrscheinlichste. Heute sieht das anders aus.
Ist dieser Zwang, sich zu entscheiden, nicht eine echte Schwäche Ihrer Arbeitsweise?
Ja, das ist das Dilemma. Wir müssen alle denkbaren Hypothesen durchdenken. Aber wir müssen am Ende eine Entscheidung treffen. Der Mordkommission ist nicht mit der Aussage gedient, es kann so, aber auch so sein.
Werden Ihre Möglichkeiten, zur Aufklärung von Verbrechen beizutragen, überschätzt?
Von vielen ja. Dazu haben die vielen Serien, die Filme, die Bücher des Profiler-Genres beigetragen. Die Fallanalyse ist kein Allheilmittel, wir haben Grenzen. Wir sind nur ein Mosaikstein bei der Suche nach der Wahrheit.
Schon mal überlegt, wieder die Abteilung zu wechseln, die Glaskugel wieder einzupacken?
Alles Wissen, alle Erfahrungen über Bord werfen? Nein, ich bleibe, solange es noch geht. Ich mag Rätsel.

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Interview: Ingrid Eißele und Dominik Stawski
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