Fallschirmdrama in Belgien Mord am heiteren Himmel

Mit 2000 Sprüngen gilt man als routinierter Fallschirmspringer. Auf diese Erfahrung konnte auch die Belgierin Els van Doren verweisen. Doch im November 2006 stürzte sie tödlich ab. An einen Unfall glaubt niemand, denn von Doren hatte eine junge Liebeskonkurrentin.
Von Albert Eikenaar

Die grausamen Fakten bieten ausreichend Stoff für einen Spielfilm über ein klassisches Liebesdrama in der geschlossenen Welt der belgischen Fallschirmspringer. Der Beginn des Falles spielt sich im Herbst vorigen Jahres ab. Am Samstag, den 18. November, fährt die 38-jährige Hausfrau Els van Doren, Mutter zweier Kinder, wie immer zu ihrem "Paraclub Zwartberg" (Schwarzer Berg) im Kohlerevier des flämischen Kempen.

Sie gehört zu einer Clique erfahrener Fallschirmsportler, die sich durch und durch kennen, gegenseitig blind vertrauen und Samstagnachmittags gemeinsam ein paar Absprünge machen. Und dann zusammen einen bechern gehen.

An jenem Novembertag läuft dieses feste Ritual ganz anders ab. Die erfahrene Els van Doren hat schon über 2000 Sprünge auf ihrem Konto, als sie routiniert für einen neuen freien Fall aus dem Sportflugzeug hüpft. Mit 200 Stundenkilometern saust sie auf die Erde zu. Eine Liquidierung auf hohem Niveau, wie sich herausstellt.

Auch der Reserveschirm entfaltet sich nicht

Bei 1300 Metern muss sie ihren Schirm öffnen. Das gelingt ihr jedoch nicht. Blitzschnell versucht sie das Reserveexemplar zu öfnnen. Auch dieses entfaltet sich nicht. Die Kamera an ihrem Sturzhelm hält ihren verzweifelten Kampf mit den Reißleinen auf Videoband fest: Innerhalb weniger Sekunden stürzt Els van Doren tödlich ab in einem Garten eines Hauses in Opglabbeek bei Hasselt.

Ein tragisches Missgeschick? Selbstmord? Ein Fehler? Die Fallschirmsportler sind entsetzt. Sie wollen überhaupt nicht daran denken, dass es kein Unfall sein sollte.

Bis zur Einäscherungszeremonie der Toten beschäftigt sich die belgische Kripo diskret mit den ersten technischen Ermittlungen. Alles weist darauf hin, dass mit beiden Schirmen manipuliert worden war. Aber von wem? Mit welchem Motiv?

Zuerst die Klubmitglieder unter Verdacht

Die Polizei konzentriert sich zuerst voll auf die Klubmitglieder. Nur sie verfügen über die Kenntnisse und Möglichkeiten, einen Fallschirm zu blockieren, ohne dass das spätere Opfer etwas merkt. Els van Doren war offensichtlich nichts besonderes aufgefallen. Also kam die Polizei nur zu folgender Schlussfolgerung: Es geht um Mord am heiteren Himmel. Ganz allmählich tauchen dann die ersten Gerüchte auf.

Els van Doren, verheiratet mit einem Juwelier, pflegt mit Einverständnis ihres Mannes eine himmlische Liebesbeziehung mit dem niederländischen Springer Marcel S. Eine Liaison am Freitagabend. Die eigene Ehe steht sowieso längst auf Sparflamme.

Am Samstag, nach den üblichen Sprüngen, bekommt S. turnusmäßig außerdem noch Besuch von Els Carels, einer 22-jährigen Studentin, ebenfalls Hobby-Springerin, die richtig in S. verknallt ist, ihn heiß und innig liebt. Obwohl sie von der erotischen Verbindung ihres Freundes mit der anderen Els weiß, kann sie die Situation nicht verkraften. Sie will nicht als Ersatz herhalten, spielt verrückt, schreibt böse Briefe an den Ehemann der Juweliersfrau und bezichtigt ihre Rivalin im Bett, eine schlechte Mutter zu sein. An Freitagabenden ruft sie bei ihrem "Second Hand"-Freund an, um ihn und die andere Els beim vergnüglichen Liebesspiel zu stören.

Els Carels als potenzielle Täterin

Als die Fahnder dies alles in Erfahrung gebracht haben, zählen sie eins und eins zusammen. Sie richten ihr Augenmerk auf Els Carels als potenzielle Täterin des "Fallschirmmordes". Grundlage: Leidenschaft, Hass, Eifersucht. Sie fanden heraus, dass Els Carels die Schirme hätte sabotieren können, weil das spätere Opfer und Marcel S. sie meistens mit zu ihrem Liebesnest in Eindhoven nahmen, wo auch Els Carels an Wochenenden ein- und ausging. Im Klub wäre so ein Zugriff wegen der vielen Kollegen kaum möglich gewesen.

An dem Tag, als ein erstes Verhör geplant war, meldeten die Spürnasen der Polizei sich vergebens bei der suspekt gewordenen Studentin. Kurz davor hatte sie einen Selbstmordversuch verübt. Ihre Mutter fand sie im Koma im Bett, nach dem Schlucken zu vieler vergiftender Pillen. Ärzte kämpften um ihr Leben. Die Polizisten mussten unverrichteter Dinge zurückkehren. Inzwischen wurde die junge Frau in eine Klinik eingewiesen.

Wochen später wird sie dort von der Kripo verhört. Ohne Ergebnis. Els Carels verneint hartnäckig, mit dem teuflischen freien Fall zu tun zu haben. Die Rechercheure können ihr nichts anhaben. Sie verfügen nicht über technische Beweise, weder Indizien noch Spuren. Nur das so genannte Täterprofil passt nahtlos auf Els Carels als Täterin. Ihr Anwalt zeigt sich nicht beeindruckt von den Ergebnissen der Ermittlungen. "Dass meine Mandantin eine Geschichte als psychiatrische Patientin hinter sich hat, ist nicht genug, sie als Mörderin hinzustellen. Die Polizei befindet sich auf dem Holzweg."

Ein Lügendetektor brachte keine neuen Erkenntnisse

Die Kripo setzt inzwischen nach drei Monaten intensiven Recherchen nicht allein mehr auf Els Carels. Ein Lügendetektor brachte keine neuen Erkenntnisse. Nun suchen die Beamten nach weiteren Personen mit einem Tatmotiv. Auf wen und was sie sich dabei richten, wollen sie nicht preisgeben. Beim Fallschirmspringerklub munkelt man, dass der Juwelier doch seine Finger mit im Spiel hätte. Die Polizei würde in seinem Umfeld recherchieren. Konkretes weiß man jedoch nicht. Der Liebhaber und der Ehemann schweigen.


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