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Interview

Familie lässt Mutter verhungern: "Dieser Fall ist in seiner Dimension einmalig"

In Niedersachsen ließ eine Familie die alkoholkranke Mutter auf dem Sofa verhungern. Ehemann und Tochter kamen dafür ins Gefängnis. stern-Autor Malte Herwig sprach mit dem Anwalt der Familie über die unfassbare Tragödie.

Anwalt Michael Brennecke (r.), hier mit dem angeklagten Vater Ende Januar im Landgericht Verden

"Am Ende hatte niemand mehr die Kraft, aktiv zu werden": Anwalt Michael Brennecke (r.) mit dem angeklagten Vater Ende Januar im Landgericht Verden

Der Fall sorgte letztes Jahr bundesweit für Entsetzen: Sieben Wochen lang lag eine Mutter aus Niedersachsen auf einem Sofa in ihrem Wohnzimmer, dann war sie tot. Verhungert, verdurstet, bis auf 26 Kilo abgemagert. Der Ehemann und die Tochter hatten die schwer alkoholkranke Frau weder ausreichend versorgt, noch den Notarzt gerufen und wurden deshalb im Frühjahr wegen Totschlags durch Unterlassen zu langen Haftstrafen verurteilt.

Autor Malte Herwig beschreibt im aktuellen stern in einer großen Reportage die Tragödie einer Familie, die durch die Alkoholsucht der Mutter so abgestumpft war, dass sie deren Tod in Kauf nahm. Hier spricht er mit dem Rechtsanwalt Michael Brennecke aus Achim, dessen Kanzlei die Familie vertritt, über den Fall.

Die Umstände, unter denen die Mutter starb, wurden von Prozessbeteiligten immer wieder als erschreckend bezeichnet. Wie konnte es Ihrer Meinung nach so weit kommen?

Aus Sicht der Verteidigung war das ein über Jahre hinweg sich entwickelnder schleichender Prozess, der dann schließlich in der Tragödie mündete. Die Familiensituation war geprägt durch den äußerst schweren Alkoholismus der Mutter mit allem, was dazugehört. Es gab wiederholt Versuche von Familienangehörigen, diese Problematik zu durchbrechen, und zwar mithilfe von Ärzten, Einweisungen und Behörden und Gerichten. Nichts hiervon war erfolgreich. Bei den Familienangehörigen manifestierte sich dann die Vorstellung, dass ohne Mitwirkung der Mutter allein durch sie nichts gemacht werden könne respektive erreicht werden kann. Da weiter die Mutter selbst aber auch jegliche ärztliche Intervention ablehnte und es in diesem Zusammenhang dann auch immer wieder zu schwersten Spannungen innerhalb der Familie kam, resignierten die Beteiligten schließlich vollends und ließen schlicht die Dinge laufen. Schlussendlich hatte niemand mehr die Kraft, aktiv zu werden, Entscheidungen zu treffen oder Änderungen vorzunehmen. Das Ganze geriet außer Kontrolle und brach schließlich über den Familienmitgliedern zusammen.

Hätte man diese Familientragödie verhindern können?

Selbstverständlich, durch einen schlichten rechtzeitigen Anruf beim Rettungsdienst. Aus den vorstehend genannten Gründen war hierzu aber niemand in der Familie mehr in der Lage. Hinzu kommt, dass auch die von den Familienmitgliedern zuvor angesprochenen Stellen wie Ärzte, Krankenhäuser, Behörden und Gerichte hier im konkreten Fall versagt haben. Auch von dort aus hätte bei genauerer Betrachtung der Situation und einer kritischen Bewertung der von den Beteiligten vorgespielten Familiensituation rechtzeitig eingegriffen werden können.

Welche Schuld sehen Sie bei den Angehörigen der verstorbenen Mutter? 

Natürlich ist eine Schuld der Angehörigen gegeben. Diese ist seitens der Verteidigung auch nie in Abrede gestellt worden, ebenso wenig vom Angeklagten selbst. Es ist zu keinem Zeitpunkt in Abrede gestellt worden, dass sich der Ehemann strafrechtlich dafür zu verantworten hat, dass er den Notarzt erst zu einem Zeitpunkt gerufen hat, als seine Ehefrau bereits tot gewesen ist. Die Tragik im vorliegenden Fall liegt darin, dass alle Beteiligten im Grunde genommen den Zeitpunkt rechtzeitigen Handelns verpasst haben und dann bei der gegebenen Situation niemand mehr die Kraft und Fähigkeit hatte, einzuschreiten.

Das Gericht spricht im Urteil davon, dass eine emotionale Trennung zwischen den Ehepartnern bis zuletzt nicht stattgefunden habe. Können Sie das nachvollziehen?

Selbstverständlich ist diese Situation nachvollziehbar. Die Ehepartner sind nicht an ihrer Beziehung zueinander gescheitert, sondern an der konkreten Lebenssituation, dem Alkoholismus der Ehefrau und der sich daraus dann ergebenden emotionalen Entwicklung.

Warum gehen Sie in Revision?

Mit der Revision wird die Bewertung des Gerichtes angegriffen, dass vorliegend ein vorsätzliches Tötungsdelikt anzunehmen ist, mithin die Angeklagten den Todeseintritt bewusst in Kauf genommen haben. Weiter hat sich nach Auffassung der Verteidigung das erkennende Gericht aber auch nicht ausreichend mit dem "Patienten-Selbstbestimmungsrecht" der Mutter auseinandergesetzt. Diese hat ihren Familienangehörigen bis zu ihrem Tode untersagt, einen Arzt in das Haus zu holen bzw. sich in ein Krankenhaus einweisen zu lassen. Es stellt sich damit auch die Frage, in welcher Form Angehörige, die letztlich in Anerkennung dieser Entscheidung agieren, sich strafbar machen.

Ehepartner haben nach dem Gesetz eine sogenannte Garantenstellung füreinander. Was bedeutet das konkret?

Das Unterlassen einer Handlung ist nur dann strafbar, wenn eine Verpflichtung besteht, dafür einzustehen, dass ein strafbarer Erfolg nicht eintritt. Eine solche Verpflichtung nennt der Gesetzgeber Garantenstellung. Ob tatsächlich aus dem bloßen Bestehen einer Ehe eine solche Garantenstellung uneingeschränkt herleitbar ist, zum Beispiel auch im Verhältnis von Eltern zu ihren Kindern und umgekehrt, ist ebenfalls Thema des Verfahrens gewesen.

Der Vater und die Tochter haben am Tag nach ihrer Verhaftung vor der Polizei Aussagen gemacht. Sie haben - letztlich erfolglos - Einspruch gegen die Verwendung dieser Aussagen erhoben. Warum?

Die Verwertung der Aussagen wird auch im Rahmen der Revision beanstandet. Es geht dabei unter anderem um die Frage, ob bei den polizeilichen Vernehmungen auf die Beiziehung eines Verteidigers verzichtet wurde und ob nicht vielmehr den Angeklagten die Möglichkeit genommen worden ist, einen Verteidiger zu konsultieren.

Das Gericht hat die lange Jugendstrafe für die Tochter damit begründet, dass "durch einen längerfristigen Vollzug erzieherisch auf die Angeklagte einzuwirken sei“. Wann muss der Staat als strenger Erzieher auftreten?

Im Jugendstrafrecht ist die Jugendstrafe nicht Selbstzweck, sondern es geht darum, auf den Jugendlichen oder Heranwachsenden einzuwirken. Das Jugendstrafrecht ist danach vorrangig am Erziehungsgedanken auszurichten. Vorliegend hat das Gericht offensichtlich die von ihm vorgesehene Strafzeit für notwendig erachtet, um in diesem Sinne auf die Tochter einzuwirken.

Haben Sie schon einmal einen ähnlichen Fall erlebt?

Dieser Fall ist in seiner Ausgestaltung und seiner Dimension einmalig. In meiner über 28-jährigen Berufszeit habe ich Derartiges noch nicht erlebt. Es ist allerdings nicht der erste Fall von Vernachlässigungen mit entsprechender Todesfolge, der in einem Gerichtsverfahren zur Aburteilung gekommen ist.

Die Reportage über die Familientragödie in Verden lesen Sie im neuen stern.