Familiendrama im Harz Auf der Suche nach dem Motiv


Die Familientragödie in Westerhausen bleibt mysteriös. Momentan gehen die Ermittler davon aus, dass sich die Eltern das Leben nehmen wollten, ihre Kinder aber nicht sterben sollten. Während sich drei der vier Geschwister langsam erholen, ist der Zustand des ältesten Sohns kritisch, aber nicht mehr lebensbedrohlich.
Von Lars Radau, Westerhausen

Eifersucht. Massive Geldsorgen. Eine unheilbare Krankheit. Psychische Probleme. Die vier Männer, die am späten Morgen sicht- und hörbar alkoholisiert im Dorf-Döner um einen Tisch in dem zwischen Quedlinburg und Halberstadt im Harzvorland gelegenen Westerhausen sitzen, wissen es ganz genau. Jeder für sich hat die Erklärung, nach der der 2300-Seelen-Ort seit Dienstagnachmittag um kurz vor vier sucht. Zu diesem Zeitpunkt öffnete die elfjährige Franziska G. ihrem Großvater die Tür des von einer schmutziggrauen Mörtelmauer zur Straße hin abgeschirmten unscheinbaren zweistöckigen Hauses.

Wenig später brach sie zusammen - und was der Großvater im Innern des von außen trist und sanierungsbedürftig wirkenden Domizils vorfand, ließ auch ihn kurz darauf kollabieren. Im zum Schlafraum umfunktionierten Wohnzimmer im ersten Stock lagen die Leichen seiner Tochter Kati (32) und ihres Mannes Heiko (33). Und sowohl die elfjährige Franziska als auch ihre jüngere Schwester Jennifer sowie die Söhne Christopher (8) und Steven (13) wiesen Vergiftungserscheinungen auf - die der Jungs waren so schwer, dass sie umgehend mit Hubschraubern aus dem nahe gelegenen Quedlinburger Krankenhaus in eine Spezialklinik in Halle geflogen wurden. Die Notärztin hatte beim Betreten des Hauses zudem Gasgeruch festgestellt - und deswegen auch die Feuerwehr alarmiert.

Eine Erklärung hat zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht einmal die Polizei. Über die dürren Fakten hinaus sind auch die Ermittler zurzeit weitestgehend auf Hypothesen angewiesen, betont Kriminalhauptkommissar Frank Götze, der die zuständige Ermittlungsgruppe der Halberstädter Polizei leitet. Als halbwegs gesichert gilt, dass die Eltern, die inzwischen in Magdeburg obduziert wurden und keine Spuren äußerer Gewalteinwirkung aufweisen, bereits etliche Zeit vor der Entdeckung verstorben waren. "Wir schätzen, dass der Familienvater bereits 24 Stunden tot war, bei seiner Frau gehen wir von zwölf Stunden aus", sagt Götze. Sie habe allerdings zugedeckt auf dem Schlafsofa gelegen, während der Mann auf dem Boden davor aufgefunden wurde. Für die exakte Bestimmung des Todeszeitpunktes und vor allem der Todesursache seien allerdings aufwendigere Untersuchungen erforderlich, deren Ergebnisse erst in einigen Tagen vorlägen, sagt Götze.

Unauffällig und ordentlich

Was das Drama ausgelöst haben könnte, ist den Ermittlern ein Rätsel. Die Familie, die vor acht Jahren in den kleinen Ort an der Bundesstraße 6 gezogen war, galt als freundlich und unauffällig - hatte offenbar aber auch wenig Kontakt zu den Nachbarn. Die Kinder besuchten eine Förderschule, Kati G. arbeitete halbtags im nahen Quedlinburg als Bürokraft - ihr Job sollte allerdings Ende April auslaufen. Familienvater Heiko G. war in der Woche als Bauarbeiter meist auf Montage im Westen unterwegs. Sein Chef soll es auch gewesen sein, der einen Nachbarn bat, nach dem Rechten zu schauen, weil der als sehr pünktlich und zuverlässig bekannte 33-Jährige bereits zwei Tage unentschuldigt fehlte.

Der Nachbar selbst, heißt es aus Ermittlerkreisen, habe sich bereits über einen gegen alle Gewohnheiten geschlossenen Rollladen im ersten Stock des Hauses gewundert. Als er die Großeltern benachrichtigte, waren diese indes schon auf dem Weg, weil sich auch ihre Tochter seit zwei Tagen nicht bei ihnen gemeldet hatte. Hinweise auf mögliche Auslöser der Tragödie hätten die ersten Untersuchungen im Haus nicht ergeben, sagt Götze. Der Hauptkommissar betont das energisch - auch, um den grassierenden Gerüchten entgegenzutreten. Die Familie habe offensichtlich "nicht üppig, aber sehr ordentlich" gelebt und einen Teil ihrer Energie und ihres Vermögens in das Haus investiert. So sei das Wohnzimmer offenbar deshalb als Schlafraum genutzt worden, weil das Schlafzimmer noch nicht fertig saniert gewesen sei. Zudem, sagt Götze, habe der Vater kurz vor seinem Tod noch an der Heizungsanlage arbeiten wollen.

Vergiftung der Kinder ein Unfall?

Darauf stützen die Ermittler auch ihre Hypothese, dass zumindest die Vergiftung der Kinder gewissermaßen ein Unfall gewesen sein könnte. Denn um an der Heizung Lötarbeiten vorzunehmen, hatte der Vater offenbar ein Propan-Schweißgerät ins Haus gebracht. Die dazugehörige Gasflasche sei beim Eintreffen der Notärztin geöffnet gewesen. Ob sie allerdings absichtlich offen gelassen wurde - und welche Wirkung das Gas hatte -, sei noch unklar. Aber offenbar hätten die Eltern relativ planvoll agiert: Zwar, betont Götze, gebe es keinen Abschiedsbrief. Aber alle vier Mobiltelefone der Familie seien ausgeschaltet gewesen. Dennoch hätten die Eltern scheinbar gewollt, dass ihre Kinder versorgt bleiben oder zumindest schnelle Hilfe bekommen. Denn auf dem Küchentisch seien die Krankenkassen-Karten der zwei Jungs und zwei Mädchen, die Visitenkarte des Hausarztes und die Bankkarte der Eltern gefunden worden - "offensichtlich so abgelegt, dass Helfer gleich auf sie stoßen", betont Götze.

Dieses "gleich" hat nach bisherigen Erkenntnissen dann fast zwei Tage gedauert. Eine der Töchter, die inzwischen wieder vernehmungsfähig sind und sich abgeschottet in psychologischer Betreuung befinden, habe erzählt, dass die vier Kinder wohl am Sonntag "ganz normal" draußen gespielt hätten, berichtet Götze. Bei Einbruch der Dunkelheit seien sie dann ins Haus gegangen und hätten sich zwar gewundert, dass sich die Eltern schon schlafen gelegt hätten, aber sich nichts weiter dabei gedacht.

Ältester Sohn außer Lebensgefahr

Versorgt haben sich die Kinder nach eigenen Angaben mit Apfelschorle und Keksen - den laut Götze "gut gefüllten Kühlschrank" mit gesünderen Lebensmitteln ließen sie unbeachtet. Aus Sicht der Ermittler ist das ein weiteres Indiz dafür, dass die Eltern das Leben ihrer Kinder schonen wollten. "Es gab nach bisherigen Erkenntnissen keinen Zwang, irgendetwas zu essen oder irgendwelche Mittel zu nehmen." Gleichwohl sei allen vier Kindern nach einiger Zeit schlecht geworden, sie hätten sich übergeben müssen und seien dann weggedämmert. Wovon und wie lange genau - das ist gegenwärtig noch unklar. Möglicherweise hat Franziskas Großvater mit dem Krach, den er beim Versuch schlug, ins Haus zu gelangen, die Leben seiner vier Enkel gerettet. Der älteste Sohn der Familie befindet sich nach Angaben der Ermittler zwar in einem "kritischen Zustand", ist mittlerweile aber nicht mehr in Lebensgefahr.


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