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Familientragödie: Ohne Sam war das Leben sinnlos

Eine unglaubliche Tragödie: Jahrelang haben die Putticks um das Leben ihres Kindes gekämpft. Letztlich ohne Erfolg. Als ihr Kind tot war, wollten auch sie sterben: Die Eltern sprangen von den Klippen an der Küste Südenglands in den Tod - mit der Leiche ihres fünfjährigen Sohnes im Rucksack.

Von Cornelia Fuchs, London

Es ist sein Lachen, das so außergewöhnlich ist. Sam Puttick lacht auf allen Bildern, die seine Eltern ins Internet gestellt haben. Er lacht, wenn er auf dem Computer Legomännchen zusammenbaut, er macht Scherze über Roboter auf dem Bauernhof, und stets scheint er mit seiner Freude alle Umstehenden anzustecken.

Es kann wohl kaum eine größere Diskrepanz geben zwischen diesen Bildern und dem Schicksal, das den Fünfjährigen und seine Eltern getroffen hat. Sam erkrankte an einer schweren Form der Hirnhautentzündung, die Ärzte gaben den Kampf um sein Leben auf. Die Eltern Neil und Kazumi Puttick nahmen ihren Sohn mit nach Hause, wo er verstarb.

Gemeinsamer Sprung in den Tod

Am Tag darauf packten die Putticks die Leiche ihres Kindes in einen Rucksack, füllten einen zweiten Rucksack mit den Modell-Traktoren und anderen Spielsachen, die Sam so geliebt hatte. Sie fuhren fast 200 Kilometer zu den hohen, weißen Klippen von Beachy Head an die Südküste Englands, parkten ihren silbernen Familientransporter, zogen die Rücksäcke auf und sprangen gemeinsam in den Tod.

Ihr Sohn Sam war ihr Leben geworden - mehr noch, als ein Kind es sowieso für jedes Elternteil ist. Im Alter von 18 Monaten war Sam bei einem Verkehrsunfall so schwer verletzt worden, dass er nicht mehr selber atmen konnte und keine Kontrolle mehr hatte über Arme und Beine.

Seine Mutter war damals mit ihm über die engen englischen Landstraßen gefahren in der Nähe ihres Hauses im Landstrich Wiltshire. Die Fahrerin eines Volvos hatte mehr auf ihre Hunde auf der Rückbank geachtet als auf den Weg vor ihr und war in das Familienauto der Putticks gerast. Kazumi Puttick brach sich Beine und Becken, Sams Rückenmark wurde im Genick durchtrennt. Er überlebte nur, weil zwei Zeugen des Unfalls Ärzte waren und ihm sofort Erste Hilfe leisten konnten.

Jahrelange Hingabe

Für die Familie begann ein Kampf um ihren Sohn. Obwohl die Ärzte ihnen wenig Hoffnung auf Heilung machten - die Nerven in Sams Wirbelsäule, so hieß die Diagnose, seien komplett durchtrennt - gaben die Eltern nicht auf. Vater Neil kündigte seine Arbeit bei einer Hilfsorganisation in London, sie zogen um und bauten in ihrem neuen Zuhause eine Krankenstation und ein Physiotherapie-Zentrum. Dann organisierten sie eine kleine Armee von Pflegepersonal, Freunden und Familie, die sich rund um die Uhr um Sam kümmerte, der ständig beatmet werden musste.

Um all das zu finanzieren, begannen die Putticks zusammen mit Freunden mit Hilfe der Webseite "Stuff4Sam" (Zeugs für Sam) Spenden zu sammeln. Sie brauchten Geld für neue Maschinen, die Sams Beine bewegten, um seine Muskeln zu trainieren, oder die seine Arme stabilisierten, so dass er Dinge berühren konnte. Die Eltern schafften es mit einer fast unfassbaren, jahrelangen Hingabe, über 35.000 Euro zu sammeln.

Eine Bilderbuch-Familie

Ein neuer Rollstuhl ermöglichte es dem Jungen, auf dem Strand bis in die Wellen zu fahren und durch die Felder vor dem Haus. Er konnte ihn durch Pusten in ein Röhrchen bewegen. "Die Reifen waren schon mehrfach platt", schrieb der Vater stolz im Internet. "Und sie werden es auch noch viel öfter sein!"

Nachbarn erzählen im britischen Radio, dass die Eltern ein "Traumpaar" waren, eine Familie wie aus dem Bilderbuch. Sie waren Menschen, die Kekse vorbeibrachten, um sich zu bedanken und Sam war immer und überall mit dabei, beim Schokoladenkuchenessen im Café und beim Besuch neugeborener Lämmer auf einem Bauernhof in der Nähe seines Zuhauses.

Ein Video auf der Familien-Internetseite zeigt Sam ganz konzentriert, wie er geschickt seinen Mund benutzt, um mit einem neuen Joystick auf dem Computer Lego-Figuren zusammen zu stecken. Der Vater dankte in einem Brief allen Helfern überschwänglich, die bei der Anschaffung dieses neuen Gerätes geholfen hatten: "Nachdem der Unfall ihm alles genommen hat, seine Atmung, seine Bewegung, seine Unabhängigkeit, habt ihr ihm die größte Freiheit wiedergegeben." Die Eltern hofften, dass sich für ihren Jungen mit dem Beherrschen eines Computers ein ganz neues Leben eröffnen würde.

Drei Wochen später starb Sam. Und seine Eltern entschieden, dass ein Leben ohne ihn nicht mehr lebenswert war.

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