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FAQ: Fragen und Antworten zum Fall Marco W.

Wer ist Marco W. überhaupt? Was ist in der fraglichen Nacht passiert? Welche Strafe könnte ihn erwarten? Und wie reagieren Politiker auf seine Inhaftierung? stern.de fasst die wichtigsten Informationen zusammen.

Seit 11. April sitzt Marco W. im Gefängnis in Antalya. Der Grund: Er soll ein 13-jähriges britisches Mädchen sexuell missbraucht haben.

Um die Eltern des Uelzener Schülers finanziell zu unterstützen, hat das Technische Hilfswerk (THW), bei dem Marco W. seit sechs Jahren ehrenamtliches Mitglied ist, ein Spendenkonto eingerichtet.

Spitzenpolitiker setzen sich für den 17-Jährigen ein, wollen ihn zurück nach Deutschland holen. Im türkischen Justizministerium heißt es, er könne nach Deutschland überführt werden - allerdings erst nach einer Verurteilung.

Aber wer ist der große, schlacksige Schüler eigentlich? Wer ist sein mutmaßliches Opfer? Was ist passiert, dass er im Ausland im Gefängnis sitzt? Welche Strafe droht ihm nach Meinung von Experten?

stern.de fasst die wichtigsten Fakten zum Fall zusammen.

Marco W. - Der sensible Junge aus Uelzen

Der 17-jährige Marco W. besucht die Abschlussklasse einer Schule in Uelzen. Dort will er seinen Realschulabschluss machen. Neben der Schule engagiert er sich beim Technischen Hilfswerk (THW). Seit sechs Jahren ist Marco W. ehrenamtliches Mitglied des THW.

Patrick Frieder, Jugendbetreuer des THW, beschreibt ihn als aufgeschlossenen, netten und lebenslustigen Jungen. Er sei aber kein Draufgänger. "Ich kenne ihn als einen sehr verlässlichen Teenager." Seine Schulleiterin Elke Schießer schildert Marco W. als sensibel, freundlich und eher etwas kindlich. "Auf keinen Fall ist er ein Aufreißer."

Gemeinsam mit seinen Eltern, Martina W. und Ralf J., hat Marco W. in den Osterferien Urlaub in Side, einem Urlaubsort in der Nähe Antalyas an der türkischen Riviera, gemacht.

Charlotte M. - das mutmaßliche Opfer

Charlotte M. hat mir ihren Eltern und ihrer 14-jährigen Schwester Urlaub an der türkischen Riviera gemacht.

Die 13-jährige lebt mit ihrer Familie in Oldham, einem Vorort von Manchester.

Laut einer Nachbarin sei die Familie sehr gläubig. Das Mädchen gehe in eine der besten Schulen der Gegend. Die Nachbarin weiter: "Charlotte hat meines Wissens noch nie einen echten Freund gehabt."

Heather M., die Mutter der 13-jährigen Charlotte, hat Marco W. bei der türkischen Polizei angezeigt.

In einem Interview mit der türkischen Zeitung "Hürriyet", aus dem die "Bild"-Zeitung zitiert, sagte Heather M.: "Wir sind sehr traurig. Mehr will ich nicht sagen. Ich bin nicht in der Lage dazu."

Laut einer Sprecherin der Familie werde Charlotte M. psychologisch betreut. Die Mutter wolle die Rechtsmittel gegen Marco W. voll ausschöpfen.

Die türkische Strafanstalt

Marco W. ist seit dem 11. April in einem Gefängnis in Antalya inhaftiert.

Nachdem Marco W. und seine Familie durch die türkische Polizei von der Anzeige erfahren hatten, hat der Schülers eigenen Angaben zufolge beim Staatsanwalt seine Aussage gemacht. Dann sei er einem Richter vorgeführt und verhaftet worden.

Der 17-Jährige ist in einem Trakt für erwachsene ausländische Häftlinge untergebracht. Gemeinsam mit etwa 30 anderen Inhaftierten teilt er sich eine Zelle, eine Toilette und eine Dusche.

Laut einem Bericht der türkischen Zeitung "Hürryiet" habe sich Marco W. in einem Interview mit dem Blatt nicht über die Haftbedingungen beschwert. Er habe seinen Eltern aber erzählt, wie schwierig es sei, mit so vielen Leuten einen Saal, eine Toilette und eine Dusche zu teilen.

Er erzählte der Zeitung weiter, dass er im Gefängnis nicht Opfer von Gewalt oder Misshandlungen geworden sei. Das Essen sei gut. Allerdings wäre es schön, wenn es auch mal "Pommes und Steak" geben würde.

Es sei gut, dass es einen Innenhof gebe, der von morgens sieben bis abends acht geöffnet sei. Da es in Antalya aber im Moment sehr heiß sei, habe er keine Lust hinauszugehen, erzähle Marco W. weiter.

Marco W. hat das Angebot bekommen, in ein anderes Gefängnis verlegt zu werden. Das habe er aber abgelehnt. Er hätte bereits Bekanntschaften geschlossen und wolle in kein anderes Gefängnis. "Es gibt keinen anderen Deutschen, aber einen aus dem Kosovo, der Deutsch kann."

Patrick Frieder vom Technischen Hilfswerk in Uelzen erklärte jedoch, dass es kaum etwas zu Essen und zu Trinken gebe. "Die Haftbedingungen sind sehr schlecht. (...) Einmal wöchentlich besteht die Möglichkeit, Trinkwasser, Nahrungsmittel, Seife und anderes zu kaufen, aber nur in sehr begrenzten Mengen und zu hohen Preisen", sagt Frieder. Die Eltern müssten für alles, was er im Gefängnis brauche, viel Geld auf ein Konto einzahlen.

Marco W. gab an, dass er seine Eltern einmal pro Woche für zehn Minuten durch eine Glasscheibe sehen dürfe. Die Bundesregierung hat die türkischen Behörden aber darum gebeten, den Angehörigen häufigere Besuche zu gestatten. Außerdem wird eine bessere Versorgung des 17-Jährigen mit Medikamenten gefordert, da Marko W. an Neurodermitis leidet.

Was ist in der fraglichen Nacht passiert - Die Version von Marco W.

Marco W. erzählte der türkischen Zeitung "Hürriyet", er habe die 13 Jahre alte Charlotte in einer Diskothek kennengelernt. Einen Tag später hätten sie sich zusammen am Strand gesonnt. Am dritten Abend habe sie ihn in ihr Zimmer eingeladen. Dort kam es seinen Worten zufolge zu sexuellen Kontakten, allerdings hätten sie keinen Geschlechtsverkehr gehabt.

Beide hätten zwar Sex gewollt. Aber dazu sei es nicht gekommen. Laut Marco hat Charlotte auch zunächst die Initiative ergriffen: "Sie hat angefangen!"

Einem Reporter der türkischen Zeitung "Hürriyet" erzählte Marco W.: "Sie hat mich geküsst, angefasst, da bin ich zu früh gekommen." Sie habe ihm die Unterhose ausgezogen. Die Vagina des Mädchens habe er nicht berührt. Allerdings meint der Marco W.: "Wenn ich nicht gekommen wäre, hätte ich mit ihr geschlafen. Sie wollte das auch."

"Mir war die Situation peinlich. Also bin ich dann aufgestanden und hab gesagt, ich gehe. Dann hat man an ihrem Gesicht gemerkt, dass sie sauer war auf mich", sagt Marco.

Charlotte hätte ihm gesagt, sie sei 15. "Ich war geschockt, als die Polizei mir sagte, dass sie erst 13 ist", erklärte der Schüler. "Wenn ich gewusst hätte, dass sie 13 ist, wären wir nicht so weit gegangen."

Was ist in der fraglichen Nacht passiert - Die Version von Charlotte M.

Nach Angaben von Marco W.s Anwalt Jürgen Schmidt habe die Aussage von Charlotte M. "möglicherweise keinen Bestand mehr." Angeblich hätte das Mädchen widerrufen.

Charlottes türkischer Anwalt Ömer Aycan erklärte dagegen der "Bild": "Das kann ich nicht bestätigen." Dem stimmte laut "Bild"-Zeitung auch der stellvertretende Staatsanwalt Antalyas, Senol Yilmaz, zu: "Ich habe mir die Akte angeschaut. Es gibt nichts Neues."

In ihrer Aussage erklärte die 13-jährige Britin, sie habe Marco in der Disco getroffen und mit ihm gestritten. Später, als sie mit ihrer Schwester und ihrer Freundin ins Hotelzimmer zurückgekehrt sei, habe Marco sie zusammen mit einem Freund aufgesucht, um sich zu entschuldigen. Sie hätten eine Weile auf dem Bett gesessen. Später seien ihre Schwester und Marcos Freund auf den Balkon gegangen. Ihre Freundin sei eingeschlafen und auch sie selber habe sich schlafen gelegt.

Zum den weiteren Verlauf zitiert die "Bild"-Zeitung das Mädchen: "Ich legte mich auch schlafen, obwohl der Beschuldigte neben mir war. Zwischen unserer Unterhaltung und meinem Einschlafen waren zirka 15 Minuten verstrichen. Als ich plötzlich zu mir kam, also erwachte, da fühlte ich den Beschuldigten auf mir. Ich schubste ihn weg. Dabei bemerkte ich aber eine Feuchtigkeit auf meinem Körper. Danach sind wir zum Arzt gegangen."

Welche Strafe könnte Marco W. erwarten?

Nach Auffassung des Stuttgarter Rechtswissenschaftlers Christian Rumpf kommt Marco W. vermutlich mit einer Bewährungs- oder Geldstrafe davon. Laut Rumpf, der auf türkisches Recht spezialisiert ist, sei die Information, dass Marco die Höchststrafe von acht Jahren zu erwarten habe, falsch.

Der Anwalt erklärte in einem Expertengespräch mit der Deutschen Presseagentur DPA, dass das türkische Strafgesetz bei Kindesmissbrauch von einem Strafrahmen von drei bis acht Jahren für Erwachsene ausgehe. Bei Minderjährigen zwischen 15 und 18 sei die Strafe laut Gesetz aber auf die Hälfte zu reduzieren.

Außerdem habe das Gericht einen gewissen Spielraum. So könne es Erziehungsmaßnahmen anordnen, die auf Jugendliche zugeschnitten sind. Oder die Freiheitsstrafe in eine Geldstrafe umwandeln.

Eine Untersuchungshaft von zehn Wochen sei hart. "Aber die türkische Justiz ist hier nicht brutal und schon gar nicht, im Vergleich zur italienischen, französischen oder deutschen Justiz in vergleichbaren Fällen, unverhältnismäßig."

Rumpf geht davon aus, dass Marco W. nach der ersten Hauptverhandlung am 6. Juli oder kurz danach auf freien Fuß kommt.

Hat die Türkei rechtsstaatlich gehandelt?

Aufgrund der Fluchtgefahr ist Marco W. inhaftiert worden. So wollen die Behörden verhindern, dass sich der 17-jährige durch Ausreise der Strafverfolgung entzieht.

Hätte ein türkischer Urlauber in Uelzen dasselbe getan und es läge eine Strafanzeige vor, dann würde man laut Strafrechtsexperte Ulrich Sommer "auch davon ausgehen, dass sich der Täter leicht entziehen kann, und ihn daran hindern wollen". Durch eine Heimunterbringung oder auch eine Inhaftierung könnten die Behörden eine Ausreise verhindern.

Nach Ansicht Sommers ist "der türkische Staat (...) nicht weniger rechtsstaatlich vorgegangen, als es der deutsche getan hätte."

Wenn Charlotte in der Verhandlung aussagt, wird es einfacher

Am 6. Juli beginnt die erste Hauptversammlung in Antalya.

Laut Bilal Kalayci, einem türkischen Anwalt für Ausländerangelegenheiten in Antalya, sei es für Marco W. wichtig, dass Charlotte persönlich in der Verhandlung aussagt.

Ansonsten müsse die 13-jährige Britin über ein Rechtshilfeabkommen in England vernommen werden. "Das dauert nach meinen Kenntnissen sechs Monate, wenn das Mädchen mit seinen Eltern hierher kommt und seine Aussage macht, dann wird das Verfahren kürzer sein."

Das empfiehlt der Anwaltverein

Strafrechtserxperte Ulrich Sommer vom Anwaltverein sagte der "Frankfurter Rundschau", die Bundesregierung solle daraufhin arbeiten, dass der Fall in die Zuständigkeit der deutschen Behörden übergeht. Anzustreben sei, "dass die für Marco zuständige deutsche Staatsanwaltschaft die Ermittlungen an sich zieht und den Fall hier verhandelt", erklärte Sommer. "Die Türken könnten dann gebeten werden, ihr Verfahren einzustellen."

Sollte sich ein Urteil in der Türkei aber nicht verhindern lassen, könne sich die Bundesregierung auch danach noch um die Überstellung des Schülers bemühen. Gemäß einer Konvention des Europarats könne ein bereits Verurteilter unter erleichterten Bedingungen zwecks Verbüßung der Strafe in sein Heimatland überstellt werden.

"Angenommen, Marco würde zu fünf Jahren verurteilt, könnte ein deutsches Gericht das in eine mildere Sanktion umwandeln - vorausgesetzt es kommt zu dem Schluss, dass der Fall nach unserem Recht eine mildere Strafe verdient", sagte der Strafrechtler. Einen Rechtsanspruch auf Überstellung gebe es aber nicht.

Politiker setzen sich für Marco W. ein

Neben deutschen Politikern wie Bundeskanzlerin Angela Merkel, Außenminister Frank-Walter Steinmeier und SPD-Fraktionschef Peter Struck äußern sich auch ausländische Politiker, wie der luxemburgische Regierungschef Jean-Claude Juncker, zu dem Fall.

Außenminister Frank-Walter Steinmeier hat sich bei der türkischen Regierung für die Freilassung von Marco W. eingesetzt. Steinmeier sagte am Rande von EU-Türkei-Verhandlungen in Brüssel, er habe darüber ausführlich mit seinem türkischen Kollegen Abdullah Gül telefoniert. Zudem habe er den Fall auch beim türkischen EU-Chefunterhändler Ali Babacan in Brüssel angesprochen.

"Wir respektieren die Unabhängigkeit der türkischen Justiz", sagte Steinmeier. Allerdings wolle er die "Aufmerksamkeit aller türkischen Stellen auf den Fall lenken, damit der Jugendliche bald möglichst wieder bei seinen Eltern in Deutschland ist". Steinmeier sagte, er habe auf die schwierige Haftsituation des 17-Jährigen hingewiesen, der nun auch nicht zur Schule gehen könne.

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel hat weitere Hilfe für den 17-jährigen Schüler zugesagt. "Erst einmal geht es darum, dass wir diesem Jungen helfen, und das tut die Bundesregierung gemeinsam mit allen anderen, die dazu einen Beitrag leisten können", sagte Merkel in den ARD-"Tagesthemen". Sie glaube, dass die Menschen in Deutschland dies erwarteten. Weiter sagte die Kanzlerin: "Es ist ganz wichtig, dass wir aktuell und präzise dem Jungen helfen, damit er schnell wieder nach Hause kommt."

In einem Brief an den türkischen Premierminister Recep Tayyip Erdogan schrieb Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) "Nach den Informationen, die mir vorliegen, gehört der Junge zu seinen Eltern nach Hause und nicht ins Gefängnis." Eventuell notwendige Ermittlungen könnten nach Ansicht Wulffs auch in Deutschland erfolgen.

Eine Sprecherin des Justizministeriums erklärte, dass Marco W. im Fall einer Verurteilung seine Strafe nicht in Deutschland absitzen könne, da die Vorwürfe, soweit sie bekannt seien, nach deutschem Recht nicht strafbar seien. Eine abschließende Bewertung des Falles sei aber Aufgabe der Staatsanwaltschaft und könne erst erfolgen, wenn der Sachverhalt vollständig aufgeklärt ist.

Die Staatsanwaltschaft in Lüneburg hat gegen Marco W. ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts des sexuellen Kindesmissbrauchs eingeleitet. "Wir sind auf Grund der Medienberichte tätig geworden", sagte Oberstaatsanwalt Manfred Warnecke. Derzeit ruhe das Verfahren aber, weil keine gerichtsverwertbaren Beweise vorlägen. Warnecke sieht aber keine Möglichkeit, in das Verfahren einzugreifen.

Die Türkei lenkt ein

Im Fall einer Verurteilung will die Türkei Marco W. zur Verbüßung der Strafe nach Deutschland ausliefern. Das berichtete die türkische Nachrichtenagentur Anadolu unter Berufung auf das Justizministerium in Ankara, ohne die Quelle näher zu nennen. Eine Auslieferung wäre möglich, wenn der 17-Jährige dies wünsche, hieß es.

kap/AP/DPA/Reuters / AP / DPA / Reuters