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Fall Michael Brown: Jury-Entscheid stürzt Ferguson in Chaos und Gewalt

Aufruhr in Ferguson: Nachdem eine Geschworenen-Jury im Fall Michael Brown entschieden hat, den Todesschützen nicht anzuklagen, kommt es in der US-Kleinstadt zu schweren Ausschreitungen.

In der US-Kleinstadt Ferguson (Missouri) ist es am Montagabend (Ortszeit) bei Protestkundgebungen gegen die Jury-Entscheidung im Fall Michael Brown zu schweren Gewaltausbrüchen gekommen. Demonstranten warfen mit Flaschen und Ziegelsteinen auf Polizeifahrzeuge, wie die Sender CNN und MSNBC berichteten. Mehrere Autos, darunter auch ein Streifenwagen, sowie zwei Läden gingen in Flammen auf. Mehrere Gebäude wurden geplündert. In der Stadt waren Rauchwolken zu sehen. Demonstranten zerschlugen zudem mehrere Schaufensterscheiben von Läden. In dem Vorort von St. Louis (US-Staat Missouri) stünden mindestens 15 Läden in Flammen, berichtete der Sender CNN.

Nach CNN-Angaben hatte die Polizei zuvor Tränengas eingesetzt. MSNBC sprach von Rauchbomben. Im US-Fernsehen waren auch Bilder von vereinzelten Feuern zu sehen. Die Zeitung "St. Louis Post-Dispatch sprach auch von Plünderungen. Hunderte Demonstranten besetzten zeitweilig eine Schnellstraße.

Laut CNN wurden im Laufe der Nacht mindestens 15 Schüsse gehört. Nach einem Bericht der Zeitung "St. Louis Post-Dispatch" wurde ein Polizist angeschossen. Demonstranten bewarfen CNN-Reporter mit Steinen und forderten den Abzug der Medien. Feuerwehrmänner, die zum Löschen ausgerückt seien, mussten der Zeitung zufolge von einem brennenden Gebäude wieder abrücken, nachdem Schüsse fielen. Das Luftfahrtamt FAA schloss wegen Schüssen in Flughafennähe den Luftraum über der Stadt.

"Mörder, Ihr seid nichts als Mörder"

Die Proteste richteten sich gegen die Entscheidung einer Geschworenenjury, den weißen Polizisten Darren Wilson nach den tödlichen Schüssen auf den schwarzen Teenager Michael Brown nicht anzuklagen. Der Fall hatte wochenlange Unruhen in Ferguson und eine landesweite Rassismusdebatte ausgelöst.

US-Präsident Barack Obama rief die Menschen in Missouri auf, friedlich auf die Entscheidung der Jury zu reagieren. Die Polizei mahnte er, sich zurückzuhalten. Zu diesem Zeitpunkt war die Wut vieler Menschen aber bereits in Gewalt umgeschlagen. "Mörder, Ihr seid nichts als Mörder", wurde den Polizisten aus der Menge entgegengeschrien. Proteste gab es vor allem vor dem Polizeigebäude in Ferguson. Der 25-jährige Schwarze Antonio Burns sagte: "So funktioniert unser Rechtssystem nun einmal - die Reichen sind oben, die Armen unten."

Auch in anderen Städten in den USA kam es zu Demonstrationen, die allerdings zunächst allesamt friedlich verliefen. In New York versammelten sich Menschen auf dem Times Square. Auch in Chicago, Seattle und Boston und vor dem Weißen Haus in Washington gab es Proteste.

Obama - der erste schwarze Präsident in den USA - sagte, es müsse noch viel getan werden, um das Verhältnis der Farbigen zur Polizei und zum Rechtssystem zu verbessern. Es gebe Amerikaner, die der Entscheidung der Jury zustimmten, aber auch Bürger, die dies wütend mache. "Das ist eine verständliche Reaktion", so Obama.

Die Familie von Michael Brown betonte, tief enttäuscht zu sein. "Wir verstehen zwar, dass viele unseren Schmerz teilen." Die Frustration müsse aber in einer positiven Art geäußert werden. Der Gouverneur von Missouri, Jay Nixon, rief zu Toleranz und gegenseitigem Respekt auf.

"Es gibt keine Entschuldigung für Gewalt"

Der Bezirksstaatsanwalt von St. Louis, Bob McCulloch, erklärte auf der mit Spannung erwarteten Pressekonferenz, es habe nach der Begutachtung aller Hinweise und Befragung aller Zeugen keinen ausreichenden Beweis gegeben, der für eine Anklage gesprochen hätte. Die Jury bestand aus zwölf Geschworenen - sieben Männern und fünf Frauen, neun Weißen und drei Schwarzen. Ihre Aufgabe war es, eine vorläufige Entscheidung zu treffen, ob ein Verbrechen begangen wurde und dieses vor Gericht verhandelt werden sollte. Geheim blieb, ob die Jury einstimmig entschieden hat.

McCulloch ergänzte, die Entscheidung müsse respektiert werden. Die Jury habe ein umfassendes Verständnis von dem Fall bekommen. Viele Zeugen hätten eingeräumt, die Schüsse nicht gesehen zu haben. Umstritten war vor allem, ob sich Brown vor den tödlichen Schüssen ergeben wollte oder er den Polizisten bedroht hat und der deswegen in Notwehr handelte. Die Zeugen hätten dazu unterschiedliche Angaben gemacht, so der Bezirksstaatsanwalt. Der Polizist habe zwölf Mal auf Brown geschossen. Der Teenager soll von sechs Kugeln getroffen worden sein. Er wurde verdächtigt, kurz zuvor Zigarren aus einem Laden geklaut zu haben.

Bundesbehörden ermitteln weiter gegen Wilson

Die Polizei hatte sich auf neue Ausschreitungen in dem Vorort der Metropole St. Louis vorbereitet. Der Gouverneur von Missouri, Jay Nixon, hatte bereits vergangene Woche den Notstand ausgerufen und die Nationalgarde mobilisiert.

Für Wilson könnte der Fall weiterhin ein juristisches Nachspiel haben, denn die Bundesbehörden ermitteln weiter gegen den Beamten. Dabei geht es um die Frage, ob Wilson aus rassistischen Motiven geschossen und damit die Bürgerrechte des Teenagers verletzt hat. Auch könnte die Familie des Jugendlichen den Polizisten zivilrechtlich verklagen.

mad/DPA/Reuters / DPA / Reuters