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Die Wut bleibt: Ferguson, ein Jahr nach dem Tod von Michael Brown

Vor einem Jahr erschoss in Ferguson ein weißer US-Polizist den unbewaffneten schwarzen Teenager Michael Brown. Der Fall erschütterte die USA. Es folgten unzählige Bürger-Proteste und heftige Zusammenstößen mit der Polizei. Wie sieht es heute in der Stadt aus?

Ein Mann betet vor der Stelle, an der Michael Brown vor einem Jahr erschossen wurde

Ein Mann betet vor der Stelle, an der der Teenager Michael Brown vor einem Jahr von einem Polizisten erschossen wurde

Dort, wo Michael Brown starb, liegen heute ein paar Stofftiere auf der Straße. Ein kleiner bunter Haufen, eine hilflose Geste, die trotzdem traurig stimmt. Ein paar junge Männer stehen herum. Ein Fotograf schießt Bilder. Niemand spricht ein Wort. Am 9. August ist es ein Jahr her, dass hier in Ferguson im US-Staat Missouri ein weißer Polizist den Afroamerikaner mit mehreren Schüssen tötete - Brown war 18 Jahre alt und unbewaffnet.

"Er hat den Jungen kaltblütig umgebracht", sagt Ivan Mullen vor dem nahegelegenen McDonald-Imbiss. "Er hat ihn angeschnauzt, er solle von der Straße gehen. Dann hat er zur Waffe gegriffen und abgefeuert. So war das." So wie Mullen denken viele in Ferguson. 
Die Wut ist dem Afroamerikaner noch heute ins Gesicht geschrieben. Er zeigt auf die Geschäfte, die damals bei den Unruhen in Flammen aufgingen oder geplündert wurden. Mullen trägt ein Unterhemd, es ist heiß und schwül in Ferguson - wie damals vor einem Jahr. "Nichts hat sich seitdem verändert. Der Cop ist nicht mal angeklagt. Nichts hat sich gebessert."

Ferguson war der Anfang

Mit Ferguson hat alles angefangen. Ferguson wurde zum Fanal. Plötzlich tauchten Videos im Netz auf, kamen Berichte über weitere Misshandlungen Schwarzer an den Tag. Da ist etwa der stark übergewichtige und asthmakranke Eric Garner, der in New York starb, als er Zigaretten verhökern wollte. "Ich kann nicht atmen, ich kann nicht atmen", schrie das Opfer, als mehrere Polizisten ihn brutal in den Griff nahmen.

Oder Freddie Gray in Baltimore. Die Polizei misshandelte ihn nach seiner Festnahme derart, dass er schwerste Rückenverletzungen erlitt, ins Koma fiel und später starb. Das Besondere an dem Fall: Diesmal wurden sechs Polizisten, darunter auch Schwarze, angeklagt.

Es ist das hässliche Gesicht Amerikas, das da zum Vorschein kam. Der latente und gar nicht so latente Rassismus, der sich auch unter  dem schwarzen Präsidenten nicht gelegt hat. In einer vor kurzem veröffentlichten Untersuchung kommt das Justizministerium zu einem vernichtenden Urteil: Die Polizei in Ferguson habe Schwarze jahrelang systematisch schikaniert. Unter anderem seien sie bewusst mit Strafzetteln traktiert worden - mit dem erklärten Ziel, die Stadtkasse aufzufüllen.

Demonstranten gedenken des toten Michael Brown

Demonstranten in Ferguson gedenken am Jahrestag des toten Michael Brown

Ferguson, die Vorstadt von St. Louis, ist kein schöner Ort. Dort, wo Michael Brown starb, ist es ein hässlicher, ein hoffnungsloser Ort. Wer hier lebt, ist ein Loser - ein Verlierer in der rauen US-Gesellschaft. An der Hauptstraße West Florissant Avenue reihen sich Billiggeschäfte wie "One Dollar Shops" aneinander. Es gibt auffallend viele Pfandhäuser und Läden, die mit Sofort-Krediten werben. Vor den Alkoholläden stehen häufiger kleine Menschentrauben.

Weiße sind hier eine Rarität

Es ist die Meile der Ärmsten der Armen in dem Land, das sich gerne das reichste Land der Erde nennt. Und fast alle Menschen, die in dieser Gegend auf der Straße gehen, sind Schwarze. Weiße sind eine echte Rarität. Die gibt es im anderen Ferguson, nur eine Meile entfernt. Es heißt Ferguson East: Großzügige Einfamilienhäuser, grüne Gärten, alte Bäume - das ist das Bild Amerikas, das es selbst gerne von sich macht. Im "Corner Coffee House" sitzen Weiße und genießen ihren Kaffee. Einer von ihnen ist Brian Fletcher, der frühere Bürgermeister von Ferguson.

Die Mutter des ermordeten Michael Brown

Die Mutter des ermordeten Michael Brown im März 2015 auf einer Pressekonferenz

"Natürlich gibt es noch eine Menge Rassismus in den USA", sagt er. Nicht zuletzt in der Polizei seien "nicht nur gute Typen", deutet er an. Unter den Schwarzen herrsche "ein Gefühl der Hilflosigkeit". Armut, Arbeitslosigkeit, Drogen, Kriminalität - der alte Teufelskreis eben. Der Ex-Bürgermeister spricht offener, als viele andere. Er kann es sich leisten.

Es ist auch der Niedergang der Stadt, der Mitschuld an der Misere hat. Flechter erzählt: Noch in den 80er waren 75 Prozent der Einwohner Weiße. Heute seien 67 Prozent der rund 21 000 Einwohner Schwarze. "Die Leute, die konnten, sind einfach weggezogen."

Doch auch Flechter betont: Sowohl eine Geschworenenjury, als auch eine eigene angesetzte Untersuchung des Justizministeriums forderten keine Anklage, keine Gerichtsverfahren gegen den Täter Wilson.

Der Täter versteckt sich

"Das ist es, was die Leute immer noch bitter macht", sagt der wütende Ivan Mullan vor dem McDonald-Laden. Noch heute wissen viele Menschen in Ferguson nicht mit letzter Sicherheit, was in den entscheidenden Sekunden vor einem Jahr geschehen war. Notwehr, wie der Polizist sagt? Blanker Hass und Schießwut, wie die meisten Schwarzen meinen?

Allerdings: Es gibt auch andere Stimmen in Ferguson. Schwarze, die Verständnis für die Polizei äußern, die junge Schwarze wegen Drogen und Kriminalität anklagen. Schwarze, die Fortschritte sehen. Brenda Beal etwa, sie ist 54 und arbeitet Teilzeit in einigen der Läden, die bei den Unruhen beschädigt wurden. "Die Läden haben Hilfe bekommen, ohne die sie gar nicht hätten weitermachen können", meint sie. Und dann, nach einigem Zögern: "Die Polizei tut ihren Job, es ist kein leichter Job. Es gibt schwarze Kids, die sind bewaffnet. Drogen und Kriminalität und so."   

Pünktlich zum Jahrestag kommen auch Neuigkeiten über den Täter an den Tag. Er müsse sich mit seiner Familie verstecken, es gebe Morddrohungen, niemand in der Polizei will ihn mehr einstellen, beklagt sich Darren Wilson. Das Magazin "The New Yorker" hat den 29-Jährigen aufgespürt. Ob er denn mitunter an das Opfer denke, wollte der Reporter wissen. "Ob ich daran denke, was für ein Mensch er war? Nein, nicht wirklich, weil das heute nicht mehr wichtig ist." Nach Mitgefühl klingt das nicht gerade - zur Versöhnung zwischen Schwarz und Weiß dürfte es auch kaum beitragen. 

jek / DPA
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