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Kommentar zum Ferguson-Jury-Urteil: Ich verstehe die Wut der Schwarzen

Natürlich geht Gewalt nicht. Aber dass die Wut über das Jury-Urteil in Ferguson in Krawall endete, ist verständlich. Den Schwarzen wurde wieder einmal klar gemacht, dass sie nur den Kürzeren ziehen.

Ein Kommentar von Alexandra Kraft, New York

Anti-Polizei-Protest in Los Angeles: Die Schwarzen sind immer das Opfer, die Weißen kommen mit allem davon

Anti-Polizei-Protest in Los Angeles: Die Schwarzen sind immer das Opfer, die Weißen kommen mit allem davon

Es war unwürdig, wie Staatsanwalt Robert McCulloch da am Rednerpult stand und über den Tod des 18-jährigen Michael Brown redete. Er wirkte so kalt, so distanziert, dass jedes seiner Worte über die Trauer der Eltern und den verlorenen Sohn, den sie nun nie wieder in die Arme schließen können, wie Hohn klang.

Was da zur besten Sendezeit im Fernsehen in die amerikanischen Wohnzimmer flimmerte, war unerträglich. Es machte wütend, gar zornig. Auch mich. Ich bin weiß, ich war in meinem Leben noch nie Diskriminierung ausgesetzt. Ich kann also nur ahnen, wie sich das anfühlt. Aber in diesem Moment konnte ich die Wut der Menschen auf den Straßen von Ferguson verstehen.

Nur die Weißen kommen mit allem davon

Gewalt ist das falsche Mittel, daran gibt es keinen Zweifel. Steine schmeißen, Autos umkippen, Häuser anzünden und plündern hilft Keinem. Ich will das, was in Ferguson passierte nicht entschuldigen. Aber, die schwarzen Amerikaner sind es leid. Viele leben heute in dem Gefühl, dass sie nie Recht bekommen. Immer das kürzere Ende ziehen. Das Opfer ständiger Diskriminierung sein. Dass sie es schlechter haben im Leben, weil sie eine andere Hautfarbe haben. Und das die Weißen mit allem davon kommen.

Das ist kein neues Gefühl. Aber der Tod von Michael Brown wirkte wie ein Brandbeschleuniger. Dass es so weit gekommen ist, daran sind Leute wie McCulloch schuld. Gestern wäre eigentlich der Moment gewesen, Reue zu zeigen. Aufrichtig um Michael Brwon zu trauern. Die Hand auszustrecken. Aber was macht der Chef-Ankläger? Noch bevor er das Urteil der Großen Jury verkündet setzt er zu einer minutenlangen Rede an. In der er alle attackierte, die Medien, die Zeugen, die Demonstranten. Am Ende waren aus der Sicht von McCulloch alle schuld am Tod von Michael Brown und den wütenden Protesten - nur nicht die Polizei.

Keine Anklage - nicht mal wegen Totschlags

Er, der Ermittler, der für seine Nähe zu den Cops bereits zu Beginn der Untersuchung kritisiert worden war, sprach Officer Darren Wilson frei. Und erst dann verkündete er das Urteil der Grand Jury: Keine Anklage. Weder für Mord, noch nicht einmal für Totschlag reichte es.

Draußen auf der Straße, überall im Land, kam an: Wieder ein weißer Polizist, der ungestraft mit der Ermordung eines farbigen Jungen davon kommt. Michael Browns Mutter, die kurz zuvor über den Freispruch informiert worden war, war inzwischen zu den Demonstranten hinaus geeilt. Die Frau mit der Sonnenbrille, die ihre Trauer und Enttäuschung über das Urteil hinausschrie, wurde zum Symbol der Nacht. "No justice. No peace", "Keine Gerechtigkeit. Kein Frieden", prangte es aus einem Auto, das durch die Reihe der Demonstranten in Ferguson fuhr. Es war genau das passiert, was alle befürchtet hatten. Die Wut kannte keine Grenzen mehr.

Sie war über Monate gewachsen. So, so viele Fehlentscheidungen hatten sie stetig genährt. Es gab Momente, in denen man mit Recht an der Objektivität der Ermittlungen zweifeln konnte. So setzte sich die Jury aus neun Weißen und nur drei Farbigen zusammen. Damit hatten die Weißen die für ein Urteil nötige Mehrheit. Das Verhalten von Staatsanwalt Robert McCulloch war mindestens ungeschickt. Der Nachrichtensender CNN ging sogar so weit und nannte seine Arbeit "dubios."

Kippte McCulloch die Jury mit Infos zu?

Normalerweise ist es Aufgabe, der Grand Jury, lediglich zu entscheiden, ob Anklage erhoben werden kann. Dafür muss sie einen "probable cause", die hinreichende Wahrscheinlichkeit einer Straftat feststellen. Ein einfacher und meist sehr schneller Vorgang. Aber McCulloch hatte seine Assistenten über Wochen alle Beweise, alle Aussagen und alle Ermittlungsergebnisse vorlegen lassen. Es brauchte 23 Sitzungen.

Und heute gibt es nicht wenige, die sagen, er hat die Große Jury bewusst zugekippt mit Informationen und alleine gelassen. Was mit am Schwersten wiegt: Anders als sonst üblich, verzichtete McCulloch darauf, vor der Jury Position zu beziehen und eine Anklage zu befürworten oder begründet abzulehnen.

Stundenlanges Warten auf die Verkündung

Und natürlich war es ungeschickt, mit der Verkündigung des Urteils bis in den Abend zu warten. Stundenlang die Menschen im Ungewissen zu halten. Dabei hatte die Grand Jury bereits mittags ihre Entscheidung getroffen. Noch ungeschickter war es, dass Michael Browns Eltern nicht informiert wurden, sondern erst im Fernsehen davon erfuhren. Und dass, als das Urteil noch gar nicht verkündet war, aus dem Umfeld von Officer Darren Wilson der Freispruch durchsickerte. Und er mit den Worten zitiert wurde: "Mir ist eine schwere Last von den Schultern genommen worden." Noch einmal: Eine halbe Stunde bevor McCulloch vor die Öffentlichkeit trat. Natürlich macht das misstrauisch und nährt den Verdacht, alles könnte nur ein abgekartetes Spiel sein.

Inzwischen wurden alle Unterlagen, die der Grand Jury vorlagen für die Öffentlichkeit freigegeben. Auch das ist ungewöhnlich. Vielleicht endlich der Versuch, von Transparenz. Darin findet sich auch die Aussage von Darren Wilson. Er beschreibt eindrücklich, wie der ihm körperlich überlegene Brown ihn noch im Polizeiwagen attackierte. Ihn schlug und er mit ihm um die Waffe rang. Wer das liest, versteht, welche Angst Wilson hatte, als Brown erneut auf ihn zukam. Was man immer noch nicht versteht: Warum schoss Wilson zwölfmal auf einen unbewaffneten 18-Jährigen? Ist es eine angemessene Reaktion, in einer solchen Situation fast ein ganzes Magazin leerzufeuern? Und warum schoss er nicht einfach "nur" auf die Beine? Sondern auf den Kopf?

Wer wird das nächste Opfer sein

Vielleicht ist eine Erklärung, dass die Polizeikultur in den USA so ist. Traurig, aber wahr: Vor allem im Umgang mit schwarzen, jungen Männern. Seit dem Tod von Michael Brown sind etwa ein Dutzend unschuldiger Afroamerikaner von Polizisten erschossen worden. Wie vor kurzem im New Yorker Stadtteil Brooklyn: Der 28-jährige Akai Gurley, der aus dem Apartment seiner Freundin auf die Straße trat. Ein Polizist feuerte ohne Vorwarnung auf ihn. Oder der 12-jährige Junge, der auf einem Spielplatz in Cleveland Ohio mit einer Spielzeugpistole hantierte und vor zwei Tagen von einem Polizisten mit zwei Schüssen in den Bauch getötet wurde. Er wird nicht der Letzte sein, der so stirbt, dafür muss man kein Prophet sein.

All das hat die Wut angeheizt, die sich nun so unbändig entlud. Amerika mag das Land der Freiheit sein. Aber das gilt längst nicht für alle. Einen großen Teil der Gesellschaft ungleich zu behandeln, ist eine Schande. Ein Land das sich rühmt, einen farbigen Präsidenten zu haben, sollte so nicht weiter machen. Statt Flaschen zu schmeißen und zu randalieren, wäre es Zeit für einen Dialog. Hoffentlich ist es dafür aber nicht schon zu spät.