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Feuertod von Asylbewerber: Tumulte nach Freispruch für Polizisten

Nach dem Feuertod des Asylbewerbers Oury Jalloh vor knapp vier Jahren in einer Polizeizelle in Dessau-Roßlau hat das Landgericht die beiden angeklagten Polizisten freigesprochen. Ihnen sei keine Mitschuld am Tod des Mannes aus Sierra Leone nachzuweisen. Nach dem Urteil versuchten empörte Zuschauer, die Richterbank zu stürmen.

Knapp vier Jahre nach dem Tod eines afrikanischen Asylbewerbers in einer Polizeizelle in Sachsen-Anhalt sind die zwei angeklagten Polizeibeamten freigesprochen worden. Die beiden Männer wurden verdächtigt, am Tod des 23-jährigen Oury Jalloh aus Sierra Leone eine Mitschuld zu tragen und mussten sich seit dem vergangenen Jahr vor dem Landgericht Dessau verantworten. Nach dem Richterspruch am Montag kam es zu tumultartigen Szenen im Gerichtssaal, weil mehrere Prozessbeobachter gegen das Urteil laut protestierten und die Richterbank stürmen wollten. Die Begründung konnte zunächst nicht verlesen werden. Ein Protestierer wurde von der Polizei aus dem Gerichtssaal gebracht.

Die Staatsanwaltschaft hatte zuvor für einen der beiden Polizisten eine milde Geldstrafe gefordert und beim zweiten Angeklagten auf Freispruch plädiert. Der Dienstgruppenleiter Andreas S. habe sich der fahrlässigen Tötung durch Unterlassen schuldig gemacht, wobei sich sein Verschulden "im niedrigen Bereich bewege", sagte Oberstaatsanwalt Christian Preissner. Die Verteidiger beantragten für ihre Mandanten Freispruch.

S. sei vorzuwerfen, dass er beim Alarm des Rauchmelders in Jallohs Zelle nicht an Brand gedacht und nicht zu einem Feuerlöscher gegriffen habe, erklärte der Oberstaatsanwalt. Für diesen Polizeibeamten beantragte er eine Geldstrafe in Höhe von 4800 Euro. Bei dem zweiten Angeklagten habe die Beweisaufnahme keinen Tatvorwurf ergeben. Dem Streifenpolizisten Hans-Ulrich M. war anfänglich vorgeworfen worden, bei der Durchsuchung des in Gewahrsam genommenen Jalloh ein Feuerzeug übersehen zu haben.

An Händen und Füßen gefesselt

Beide Polizeibeamte standen seit März 2007 vor Gericht. Der 23-jährige Jalloh wurde vor fast vier Jahren in Dessau festgenommen, weil sich Frauen von dem alkoholisierten Mann belästigt fühlten und die Polizei riefen. Er starb am 7. Januar 2005 in der Ausnüchterungszelle, in der man ihn auf dem Boden liegend an Händen und Füßen fesselte. Todesursache war ein Hitzeschock durch einen Brand, den der Mann anscheinend selbst entfachte. Die Verteidiger argumentierten, es handele sich um einen Unglücksfall. Der Dienstgruppenleiter habe den Mann retten wollen, es sei ihm jedoch nicht gelungen.

Die Vertreter der Eltern und Geschwister Jallohs wandten sich gegen die Darstellung, dass keine andere Möglichkeit als Selbstentzündung infrage käme. Dieser Sachverhalt sei nicht beweisbar, lediglich eine theoretische Möglichkeit, sagte Rechtsanwalt Felix Isensee, der einen Bruder Jallohs vertrat. Dieser äußerte am Montag vor Gericht, dass sein Bruder vor einem Bürgerkrieg weggelaufen sei und sich selbst nicht umgebracht habe. "Wir wollen wissen, wer hat ihn umgebracht. Es geht nicht um Schwarz oder Weiß, es geht um einen Menschen, der ums Leben kam."

Auch Staatsanwaltschaft geht von Unfall aus

Wie die Verteidigung geht dagegen auch die Anklage von einem Unfall aus. "Es gibt keine andere denkbare Variante als die, dass Oury Jalloh selbst das Feuer angezündet hat", sagte Oberstaatsanwalt Preissner. Für ihn handele es sich "hier um einen ganz tragischen Unglücksfall", bei dem nach seiner Überzeugen der Tod von Jallohs aber vermeidbar gewesen wäre. In dem fast 60 Verhandlungstage dauernden Prozess hatte das Gericht versucht, die genauen Umstände des Sterbens des Asylbewerbers zu ermitteln. Mehrfach ordnete es Brandversuche am Feuerwehrinstitut Sachsen-Anhalt an, um Aufschluss über die genaue Todesursache und den exakten zeitlichen Ablauf zwischen Ausbruch des Feuers und dem Tod Jallohs zu erhalten.

AP / AP