Finnland Amokläufer plante offenbar Inferno


Der 18-Jährige, der an einer finnischen Schule Amok gelaufen ist, wollte weit mehr Menschen töten als die, die er tatsächlich erschoss. Der Amokläufer trug hunderte Patronen bei sich und wollte offenbar die Schule anzünden.

Verzweifelt, fassungslos und voll banger Fragen nach den Hintergründen trauert Finnland um die Opfer des Schulmassakers in Tuusula. Fünf Schüler, eine Schülerin, die Schul- Krankenschwester und die Rektorin waren am Vortag von dem Abiturienten Pekka-Eric Auvinen bei seinem Amoklauf mit einer kleinkalibrigen Pistole getötet worden. Auvinen versuchte nach Polizeiangaben, "so viele Menschen wie irgend möglich umzubringen". Er feuerte 69 Schüsse ab und hatte nach seinem Selbstmord weitere 300 Patronen für eine kleinkalibrige Pistole bei sich. Der als überdurchschnittlich begabt geltende Jugendliche hatte außerdem brennbare Flüssigkeit in die sonst völlig friedliche Schule einer ruhigen Kleinstadt bei Helsinki mitgenommen. Offenbar wollte er auch das Schulgebäude anzünden. Sein jüngstes Opfer war 15, das älteste 51 Jahre alt.

Der 18-Jährige erschoss sich nach der Bluttat selbst, nachdem er im Internet ausdrücklich das "Jokela High School Massacre" gegen "Schüler, Lehrer, die Gesellschaft, die Menschheit und die Humanität" angekündigt hatte. Wie die Polizei am Donnerstag mitteilte, hinterließ der Amokläufer auch einen Abschiedsbrief. Über den Inhalt wurde zunächst nichts bekannt.

"Niemand hätte sich so etwas vorstellen können"

"Das war der schlimmste Tag, den es je an einer finnischen Schule gegeben hat", schrieb die Tageszeitung "Helsingin Sanomat". Die Regierung in Helsinki ließ die öffentlichen Gebäude auf halbmast flaggen. "Aamulehti" verwies auf den sonst ruhigen Alltag für 5,2 Millionen Finnen mit ihrem weltweit seit den Pisa-Untersuchungen hoch angesehenen Schulsystem: "Niemand bei uns hätte sich im Traum vorstellen können, dass so etwas wie beim Massaker 1999 an der Columbine Highschool im US-Bundesstaat Colorado auch bei uns möglich ist."

Tatsächlich aber wurden Parallelen am Tag nach dem Massaker immer deutlicher. Auvinen hatte seine Gewaltfantasien auf dem Internetforum YouTube mit dem Titel "Stray Bullet" der deutschen Rockband KMFDM unterlegt. Das war auch der Lieblingssong der beiden jugendlichen Columbine-Amokläufer, die 1999 zwölf Mitschüler und einen Lehrer ermordet hatten. Auch der junge Finne ging bei der Ermordung der Opfer planmäßig und gezielt vor. Mit seiner Pistole, für die Auvinen einen Waffenschein besaß, hatte er als Sportschütze geübt. Wegen des sehr kleinen Kalibers, so die Polizei, habe er genau und überwiegend aus nächster Nähe geschossen.

Direktorin stellte sich Amokläufer in den Weg

Die meisten Opfer lagen in der Eingangshalle der Schule, wo sich Auvinen am Ende selbst erschoss. Hier starb auch die Schulleiterin Helena Kalmi. Sie hatte nach dem ersten Schuss um 11.44 Uhr über Lautsprecher alle Schüler und Lehrer aufgefordert, sich in ihren Räumen zu verbarrikadieren. Statt das selbst auch zu tun, stellte sich die Pädagogin dem Amokläufer in den Weg und versuchte, ihn zu beruhigen. Sie opferte damit ihr Leben für die anderen.

Um 12.04 Uhr, als der letzte Schuss abgefeuert wurde, war der größte Teil der Anwesenden in wilder Panik aus dem Gebäude geflohen. Ein Teil der Schüler allerdings blieb in völliger Ungewissheit bis zu fünf Stunden eingeschlossen. "Mama, was ist, wenn ich jetzt sterben muss?", schrieb Katariina Poikala per SMS an ihre Mutter ins Büro.

"So etwas vorauszusehen, ist unglaublich schwer"

"Wir haben uns mit der Illusion eingelullt, dass psychisch gestörte Jugendliche bei uns rechtzeitig erkannt werden und Hilfe bekommen", schrieb "Aamulehti". Psychiater kritisierten im Fernsehen die mangelhafte Ausstattung und die Sparmaßnahmen in der Jugendpsychiatrie. Politiker forderten seriösere Anstrengungen, um wilde Gewaltankündigungen im Internet wie durch Auvinen schneller zu erkennen und Konsequenzen zu ziehen. "Aber so etwas Drastisches wie das hier vorauszusehen, ist unglaublich schwer", meinte die Schulleiterin Marina Sjöholm Willemoes im Rundfunk.

Das Bild vom Attentäter ist wenig beruhigend für viele Eltern "ganz normaler" junger Männer mit starker Computerabhängigkeit und wenig Freunden. Auvinen wurde als intelligenter, stiller und eigenbrötlerischer Sprössling einer völlig normalen Familie im ruhigen Mittelklasse-Städtchen Tuusula charakterisiert. Eine Freundin habe er nur im Internet gehabt, berichteten Mitschüler. Computer und Gewaltspiele im Internet waren überhaupt die wichtigsten "sozialen Kontakte". Hier legte Auvinen sein nihilistisches, aggressives und menschenverachtendes Bild der Welt für jedermann zur Einsicht aus. Bis zu der Ermordung von acht Menschen war er nie als gewalttätig aufgefallen. Das Jokela-Schulzentrum bleibt bis zum Montag geschlossen.

Thomas Borchert/DPA DPA

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