Finnland Amoklauf im Internet angekündigt


Im finnischen Tuusula hat ein 18-jähriger Schüler seine Schuldirektorin und mehrere Mitschüler erschossen. Der Amokläufer hatte seine Tat offenbar zuvor in einem Internet-Verzeichnis angekündigt. Der Zugang ist mittlerweile gesperrt, doch stern.de zeigt Online-Videos und zitiert aus vermutlich von dem Jugendlichen verfassten Texten.

Ein 18-jähriger Schüler hat bei einem Amoklauf an einer Schule in Finnland ein Blutbad angerichtet: Acht Menschen wurden laut Polizei am Mittwoch getötet, darunter die Direktorin. Rund zehn Schüler und Lehrer wurden verletzt, als sie aus dem Gebäude flüchten wollten. Der Täter schoss sich in den Kopf und wurde schwer verletzt ins Krankenhaus gebracht. Dort erlag er am späten Abend seiner Verletztung.

Der Täter stamme aus einer ganz normalen Familie, erklärte Polizeichef Matti Tohkanen auf einer Pressekonferenz. Er habe seit dem 19. Oktober eine Lizenz für eine Kleinkaliber-Pistole gehabt und sei zuvor nicht straffällig gewesen. Einer der Lehrkräfte, Kim Kiuru, erklärte, die Direktorin habe alle Schüler kurz vor Mittag über Lautsprecher aufgefordert, in ihren Klassenzimmern zu bleiben. Der Täter habe die Tür abgeschlossen und im Flur auf weitere Anweisungen gewartet, sagte Kiuru dem Radiosender YLE. Dann habe er den Bewaffneten auf sich zu rennen sehen. Er selbst sei daraufhin die Treppe hinuntergelaufen und so entkommen. Bei seiner Flucht nach draußen habe er auf dem Boden den Körper einer Frau gesehen. Von draußen habe er seine Schüler aufgefordert, aus den Fenstern zu springen. Nach Angaben von Behördensprecherin Heidi Hagman wird die Jokela-Schule von mehr als 400 Schülern im Alter zwischen zwölf und 18 Jahren besucht.

Das Massaker an der Schule in Tuusula, 50 Kilometer nördlich von Helsinki, soll der Jugendliche zuvor in einem Video auf der Internetplattform "YouTube" angekündigt haben. Am Dienstag, also ein Tag vor der Tat, hatte er das Video unter dem Titel "Jokela High School Massacre - 11/7/2007" dort veröffentlicht. Innerhalb weniger Stunden bis zur Sperrung wurde es von rund 175.000 Nutzern heruntergeladen. Auf dem Video sind unter anderem zwei rot eingefärbte Fotos eines jungen Mannes mit Schusswaffe zu sehen. Die Aufnahme stammt laut User-Profil von einem 18-jährigen Finnen, der unter dem Namen "Sturmgeist89" zu einer "Revolution gegen das System" aufrief. Zu sehen ist außerdem ein junger Mann, der ein T-Shirt trägt mit der Aufschrift "Die Menschheit wird überbewertet".

Am Anfang des eine Minute und 17 Sekunden langen Videos ist die Außenfront der Schule zu sehen. Dann erscheint der Amokläufer mit einer Pistole in der Hand. Im Hintergrund ist das Lied "Stray Bullet" der französischen Band KMFDM zu hören. Darin heißt es unter anderem: "Ich bin dein Albtraum, der wahr wird / Ich bin dein schlimmster Feind."

"Ich teste nur meine Waffe"

Der Amokläufer scheint zudem ein offenes Verzeichnis im Internet gehabt zu haben. Der Zugang ist mittlerweile gesperrt, doch stern.de konnte die dort befindlichen Videos und Textdateien sichern. Neben dem inzwischen gesperrten "YouTube"-Video befand sich in diesem Internet-Verzeichnis auch ein weiteres Video mit dem Titel "Ich teste nur meine Waffe", das den 18-Jährigen zeigt, wie er auf Äpfel in einem Wald schießt. Die Polizei erklärte, die Identität des Täters sei nicht geklärt. Deshalb könne man nicht sicher sein, ob der Autor der Internet-Seite mit dem Amokläufer identisch sei.

Zudem hat der Jugendliche unter dem Titel "Attack-Information" offenbar genauere Informationen über seinen Amoklauf ins Internet gestellt. Der Text liest sich wie eine genaue Anleitung für die Bluttat am Mittwoch. Unklar ist jedoch, wann dieses Dokument ins Intenet gestellt wurde und ob eine nachträgliche Manipulation durch Dritte stattgefunden hat.

Amokläufer kündigte Tat detailliert an

In dem Textdokument gibt der Jugendliche seinen vollen Namen Pekka-Eric A. an und unter welchen Pseudonymen er im Internet zu finden sei. Das "Event" sei das "Jokela High School Massacre". Targets (Ziele) seien die Jokela-Schule, Schüler und Angestellte, die Gesellschaft, die Menschheit und die menschliche Rasse. Als Datum kündigte er den 7. November an. Als "Attack-Type" (Angriffs-Art) listete er auf: "Massen-Mord und politischen Terrorismus". Allerdings, so schreibt der Autor des Textes, habe er zwar die Schule als Ziel ausgewählt, seine Motive für die Tat seien aber politische. Deshalb wolle er nicht, dass dies nur als "Schul-Schießerei" bekannt werde. Am Ende des Dokuments gibt der Autor an, welche Tatwaffe er benutzen wolle.

Ein weiteres Dokument trägt den Titel "Love & Hate". Hier listet der Autor auf, was er nicht möge und was er möge. Auf der "What I don't like"-Liste sind unter anderem aufgeführt: Toleranz, Menschenrechte, TV-Seifenopern, religiöse Fanatiker und die menschliche Rasse. Auf der "What do I like"- Liste werden neben Freiheit, Wahrheit auch Pistolen, Schießen und Naturkatastrophen aufgelistet.

In einem seitenlangen "Manifest" schreibt der Jugendliche: "Ich bin ein zynischer Existenzialist. Ich bin bereit, für meine Sache zu sterben." Der Text, der nach Angaben einer finnischen Zeitung zum letzten Mal am Dienstabend um 23.44 Uhr bearbeitet worden war, endet mit dem Satz: "Jeder bekommt das, was er verdient."

Gewaltankündigungen per Tagebuch

Auch in seinem Tagebuch in der Internet-Galerie "irc" hat der 18-Jährige im Vorfeld detailliert über seine Hassgefühle und Gewaltbereitschaft geschrieben. Unter anderem heißt es dort: "Vor einiger Zeit habe ich noch an ein langes und glückliches Leben geglaubt. Aber dann bin ich aufgewacht." Jetzt sei er an einen Punkt gekommen, "an dem ich nur noch Hass gegenüber Menschen verspüre".

Der finnische Ministerpräsident Matti Vanhanen sprach von einer "extrem tragischen" Situation und kündigte ein Krisentreffen des Kabinetts an. EU-Kommissionschef José Manuel Barroso erklärte in einer in Brüssel veröffentlichten Botschaft an Vanhanen, er sei "schockiert und tief bestürzt, von den furchtbaren Morden zu erfahren". Im Namen der Kommission sprach er den Angehörigen der Opfer "unser tiefempfundenes Beileid" aus.

DPA/Reuters/kab/mta DPA Reuters

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