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Florida: Sie holte den Mann aus dem Gefängnis, der ihr ins Gesicht geschossen hatte

Debbie Baigrie wurde vor 26 Jahren Opfer eines grausamen Überfalls, unter den Folgen litt sie fast zehn Jahre lang. Der Täter war damals gerade erst 13 Jahre alt. Sie hat ihm lange verziehen. Und dabei geholfen, dass er nun aus dem Gefängnis kam.

Debbie Baigrie im Interview

Debbie Baigrie erzählt dem Nachrichtensender Global News, dass sie Ian Manuel verziehen hat. Mit zahlreichen Petitionen hat sie für seine Freilassung gekämpft.

26 Jahre, 3 Monate und 10 Tage vor seiner Freilassung hatte Ian Manuel einer Frau ins Gesicht geschossen. Der Junge wollte ihr Geld sowie ihre Kreditkarten. Als Debbie Baigrie sich nicht darauf einließ, schoss er. Das war 1990, Ian Manuel gerade 13 Jahre alt, sein Opfer 28. Ein Jahr später wurde Manuel zu dreimal lebenslänglich verurteilt, obwohl er bei der Tat noch ein Kind gewesen war. Seine Strafe war so hoch wie für einen Erwachsenen. Allzu perfekt entsprach er rassistischen Stereotypen der damaligen Zeit.

In Tampa, , in einem Wohnprojekt bei einer drogenabhängigen Mutter und ohne Vater aufgewachsen, war der Junge früh in die kriminelle Szene abgerutscht. Mit seinen 13 Jahren hatte er schon 16 Festnahmen hinter sich. Er hätte Hilfe gebraucht, doch das sah damals niemand. Im Sommer 1990 hatte es zum Initiationsritus seiner Gang aus Teenagern gehört, dass er eine Waffe bekam und jemanden ausrauben sollte. Es traf Baigrie, die gerade ihr zweites Kind bekommen hatte und zum ersten Mal seit der Geburt mit Freunden ausgehen wollte.

Der Überfall

"Gib auf!", habe er gerufen, als er die Waffe zog, erzählte Manuel 2014 der "New York Times". Baigrie habe geschrieen – und er wild um sich geschossen. Eine Kugel traf Baigrie in den Mund, durchbohrte Zähne und Kieferknochen und trat durch die Wange wieder aus. Baigrie versuchte wegzulaufen, stark blutend und auf hohen Schuhen. Manuel feuerte ihr hinterher, verfehlte sie jedoch und rannte mit seinen Freunden davon. Als er später wegen eines anderen Vergehens festgenommen wurde, sagte er dem Polizisten, dass er neulich nachts auf diese Frau geschossen habe. Er ahnte nicht, welche Konsequenzen das Geständnis seiner Tat haben würde.

Manuel kam als Jüngster in ein Männergefängnis, wurde nach eigenen Angaben missbraucht und hatte ständig Angst. Kurz vor seinem zweiten Weihnachten im Gefängnis, rief er sein Opfer an. Mit einem R-Gespräch, sodass Baigrie die Kosten übernehmen sollte. Obwohl sie durch ihre Verletzung Jahre mit wiederholten qualvollen Operationen vor sich hatte, nahm Baigire das Gespräch an. Sie war neugierig. Manuel entschuldigte sich bei ihr und wünschte ihr und ihrer Familie frohe Weihnachten. Baigrie fragte ihn, warum er auf sie geschossen habe und er antwortete: "Das war ein Fehler." 

Eine persönliche Beziehung begann

Manuel begann, ihr Karten zu schreiben. Und trotz aller Schmerzen, allem Nicht-essen-Könnens und aller Wut dachte Baigrie, er ist ja noch ein Kind. Sie schrieb zurück und die Korrespondenz hatte durch die Jahrzehnte Bestand. In einem Brief schrieb Manuel: "Du bist einer von einer Million, die einem Menschen schreibt, der versucht hat, ihr das Leben zu nehmen." In einem weiteren drückte er seine Dankbarkeit noch anders aus:  "Ich wünschte, ich wäre frei, damit ich dich vor der bösen Welt da draußen beschützen könnte." Über die Jahre entstand eine Freundschaft, von der Freunde und Familie schon fürchteten, Baigire leide an einer Art Stockholm-Syndrom.

Die heute 54-Jährige hat sich jahrelang für eine vorzeitige Entlassung von Manuel eingesetzt. Dass er nun tatsächlich freikam, ist zu einem großen Teil auch ihr zu verdanken. Am 16. November kam Manuel, inzwischen 39 Jahre alt, auf freien Fuß, nachdem ein Richter verfügt hatte, dass er vorzeitig entlassen werden könnte. Seine erste Mahlzeit als freier Mann war eine Pizza mit Baigrie – nur wenige Blocks entfernt von der Stelle, wo er sie damals überfallen hatte. "Ich stieg aus dem Auto und wir umarmten uns zwei Minuten lang", sagte Baigrie dem Sender WFLA. "Als hätten wir das 26 Jahre lang vorbereitet."

Manuel nimmt nun an einem Resozialisierungsprogramm in Alabama teil. Im Gefängnis hatte er in den ersten Jahren mehrfach in Einzelhaft gesessen und wiederholt versucht, sich das Leben zu nehmen. Dann begann er umzudenken und schaffte seinen Schulabschluss. Seine Eltern und sein Bruder starben, während er im Gefängnis saß. Baigrie ist der einzige Mensch, der noch für ihn da ist.

bal
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