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Flüchtling Marwan Rahmani: "Ich will irgendwann an einem Ort ankommen"

Er ist der Mann auf dem Bild, das im Oktober 2014 um die Welt ging: Marwan Rahmani. Der Tunesier war in der Erstaufnahmeeinrichtungen in Burbach misshandelt worden. Wie geht es ihm heute? Ein Interview.

Von Matthias Lauerer

Flüchtling Marwan Rahmani am Tisch eines Cafes

"Mir geht es ganz gut": Der im Oktober 2014 in einer Unterkunft misshandelte Flüchtling Marwan Rahmani lebt nun in Dormagen

Zum Gespräch kommt Marwan Rahmani in einem schwarz-weißen Trainingsanzug von Juventus Turin. Der Tunesier wohnt inzwischen in Dormagen, einer Kleinstadt im Rheinland. Was sofort auffällt: Fragen kann der Flüchtling ruhiger und deutlich entspannter beantworten, als noch im Oktober 2014. Damals hatte er mit stern-Reportern erstmals über die Vorfälle in Burbach gesprochen

Herr Rahmani, wie geht es Ihnen heute?
Mir geht es ganz gut. Was mir hilft: Ich bin in psychiatrischer Behandlung, um mit den Ereignissen der Vergangenheit abzuschließen. Vor zwei Monaten musste ich mich noch einmal mit dem Thema meiner Misshandlung beschäftigen. Mit meinem Anwalt Jens Dieckmann ging ich zur Befragung bei der Polizei. Dort zeigte man mir Bilder aus Burbach. Darauf sollte ich Personen vom Sicherheitsdienst erkennen. Dabei kam die alte Geschichte wieder hoch!
Ich bin heute sehr froh darüber, dass ich nicht mehr in Burbach lebe und hier so etwas wie eine Heimat gefunden habe. Der Stress hat nachgelassen. Ich wohne nicht alleine und teile mir mein Zimmer mit einem anderen Flüchtling. Es gibt ein Wohnzimmer und eine Küche, einen Rückzugsraum. Das genieße ich.

Wie lebt es sich in Dormagen?

Die Kleinstadt gefällt mir. Es gibt viele ältere Menschen und leider nur wenige junge Menschen. Ab 18 Uhr ist hier nicht mehr viel los. Deshalb fahre ich möglichst oft nach Köln. Wenn ich die Wahl hätte, würde ich lieber dort leben. Ich mag die Atmosphäre. Es ist quirlig und immer etwas los. Der Rhein und der Kölner Dom gefallen mir besonders gut. Toll fand ich das Fest "Kölner Lichter", bei dem in einer Nacht viele, beleuchtete Schiffe den Fluss befuhren.

Funktioniert das Zusammenleben mit Ihrem albanischen Mitbewohner?

Das kann man so sagen, es ist in Ordnung. Leider teilen wir uns das Wohnzimmer und das Bad noch mit anderen.

Wie steht es um die Sprachkenntnisse und den Tagesablauf?

Ich lerne die deutsche Sprache leider nur sehr langsam und das, obwohl ich vier Mal pro Woche je vier Stunden zum Unterricht gehe. Der dauert von acht bis zwölf Uhr oder von 13-17 Uhr. Langsam wird es besser. Wenn ich die Sprache gut beherrsche, würde ich gerne eine Frau kennen lernen. Mein Tag verläuft so: Nach dem Frühstück mache ich mich fertig und fahre nach Köln. Dort treffe ich Freunde. Ich versuche, viel draußen zu sein. Von der Caritas habe ich ein Fahrrad bekommen. Das fand ich gut. Damit kann ich die Gegend erkunden.

Was sagt die Familie zum neuen Leben in Deutschland?

Ich telefoniere einmal die Woche mit meinen Eltern. Die wollen immer wissen, wie es mir geht und dann ist es gut, sie zu beruhigen. Im Frühjahr kann mein kleiner Bruder Mohamed, 25 Jahre alt, zu Besuch. Ich hatte ihn sieben Jahre lang nicht gesehen. Er ist zur Zeit bei den tunesischen Spezialkräften in der Armee. Das macht mich stolz. Die Situation in meinem Land ist wegen der IS-Terrormiliz sehr schwierig.

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Während des Interviews in der Dormagener Innenstadt zündet sich Marwan immer wieder eine „Mars Gold“ Zigarette an. Die hatte ihm sein Bruder – für je 1,70 Euro das Päckchen – aus Tunesien mitgebracht. Der heute 29-Jährige raucht ein Päckchen Zigaretten am Tag. Spricht man ihn auf die Zukunft an, seine Wünsche dafür, wird der Nordafrikaner nachdenklich.

Ich würde gerne arbeiten, ob tagsüber oder in der Nacht. Alles wäre mir recht. Ich freue mich darauf, wenn es endlich soweit ist. Ende August sollen meine Papiere fertig sein und ich kann mir Arbeit suchen. Und das ich in Deutschland bleiben darf? Dafür bin ich meinem Anwalt sehr dankbar. Eva Gillich hat mir auch geholfen und mich begleitet, wenn es zu Ämtern oder Ärzten ging.
Gillich arbeitet für die „Refugee Law Clinic Cologne“, einer studentischen Organisation aus Köln, die Flüchtlingen hilft. Auf der Webseite heißt es: "Wir bieten eine kostenfreie Rechtsberatung und sonstige Hilfeleistungen an. Dabei arbeiten wir mit Rechtsanwälten und anderen Hilfsorganisationen zusammen."

Wovon träumen Sie?

Ich möchte gerne alleine in Köln leben. 30 bis 40 Quadratmeter reichen mir. Dann soll nur mein Name auf dem Briefkasten stehen. Ich will irgendwann einmal wirklich an einem Ort ankommen. Das wäre schön.